Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 18 „Die # Welt" Nr. 3 Es ist der Kinder Privilegium, über die Flammen hin- und zurückzuspringen, ein köstlicher Zeitvertreib, der die sonst verbotene Chance enthält, sich die Beine zu verbrennen. Dann, wenn der Tag im grossen Zwielicht erloschen ist, geht man zurück ins Haus, wo alles so schön und festlich aussieht; auf dem Tische liegt Mutters bestes Tischtuch, duftend von Gewürznelken und Zitronenschalen, und darauf strahlt der Silberschatz der Familie, welchen man nur bei dieser einzigen Gelegenheit im Jahre bewundern kann: zwei Leuchter und ein Becher, die das ganze Jahr in Flanell gehüllt liegen. Und über allem, selbst in der Luft, weht ein Hauch von Heiligkeit und unbeschreiblich gläubiger Frömmigkeit. Er blinkt in den Lichtern und knistert im Herde; er klingt in den Stimmen und leuchtet auf den Gesichtern; er ergreift die Herzen und gleicht einem freudigen Qesange, gleicht dem ersten Frühlingshauche nach langem, hartem Winter. In der langen Liste von Fest-, Fast- und anderen geheiligten Tagen in der Gass' gibt es einige, für welche die Stunden def? Tages nicht ausreichen, das vorgeschriebene Andachtsprogramm einzuhalten und für welche die Nacht dazugenommen werden muss. Das sind die Selichothtage4), jene feierlichen Tage der Busse und Gebete, an denen Mirjam Schimmele um 2 Uhr nachts aufweckte und ihn für die Synagoge fertigmachte. Die Herbsttage waren kalt und neblig, aber Mirjam war eine sorgsame Frau. Sie schlang ihren langen, wollenen Shawl um ihn; erst über den Kopf, wie ihn die Fischweiber tragen; dann um den Hals, wie eine Männerkravatte; nach vorne und über seine Brust gekreuzt, wie eine Admiralsschärpe; nach rückwärts wieder und fest in einen Knoten geschlungen mit baumelnden Enden,, wie die Schärpe einer jungen Dame. Die Strasse war dunkel und still, die Sterne glitzerten kalt am schwarzen Himmel und die toten Blätter raschelten auf den trockenen, nackten Steinen, als er zur Synagoge ging, aber Schimmele kannte keine Furcht. Er fasste sein dickes Gebetbuch unter den Arm, setzte seine fetten Beinehen standhaft vorwärts und eilte zu seiner bussvollen Andacht. Der Schulklopfer5) schlief, im festen Vertrauen auf Mirjams pünktliche Frömmigkeit, friedlich, bis Schimmele an seine Tür pochte. „Bist du es, Schimmele?" brummte er aus seinem Bette. „Muhme Mirjam muss geträumt haben, es ist zu zeitlich für die Schur." „Es ist bald drei," rief Schimmele durch das Schlüsselloch. Eisak Schulklopfer gab ihm dann einen grossen Schlüssel und sagte: „Gut, geh' und mach5 die Schul' auf, ich werde bald dort sein. Und vergiss nicht zu klopfen!" Schimmele klopfte dreimal am Synagogentor, drehte den Schlüssel im knarrenden Schlosse um und trat ins dunkle, eisigkalte Innere. Er tappte die Mauer entlang, bis er an ein kleines Regal stiess, auf dem sich eine Kerze und Zündhölzchen befanden, dann machte er Licht, blies auf seine starren Finger, um sie zu wärmen, und wartete. Eisak Schulklopfers hohe, krächzende Stimme, welche die Männer zum Beten rief, wurde schwächer und "schwächer; bald hatte er das letzte Haus erreicht und verschwommene Gestalten mit Tallis-Beuteln und Gebetbüchern kamen eilig die Strasse herunter. Da war Jossei Kummer, dessen Tochter, die einst schöne Jittl, jetzt alt und heftig wurde und ihrer Eltern alte Tage mit ihren Klagen verbitterte. Sie wTar vor zwölf Jahren mit einem Manne verlobt gewesen, der aber von der Behörde die Erlaubnis zum Heiraten nicht erlangen konnte. Hundert Familien — das war die erlaubte Zahl für diesen Distrikt. Eine Heirat, welche diese Zahl überschritt, war, wenn überhaupt möglich, nur mit sehr grossen Unkosten zu erlangen, und Mosche und Jittl waren arm. Da war Anschel Dorfgeher, der den Pächtersfrauen Bänder und Kattun verkaufte und sein Brot in Angst und Bangen verdiente, weil sein Geschäft, das er ererbt hatte, ein verbotenes geworden war, seitdem die Behörde entdeckt hatte, dass das Hausieren mit diesen Waren die Kultur beeinträchtige. Da war David Abeles, dessen Sohn zu zehnjährigem Dienst in die Armee genommen war, wo er seine Jugend und Kraft, sein Blut und sein Leben opfern durfte, aber im Bange nicht höher als zum Korporal emporsteigen konnte. Sie waren zum grössten Teile abgearbeitet, gebeugt von Kummer und Arbeit, gestempelt mit dem unauslöschlichen Zeichen der Hilflosigkeit und des geduldigen Leidens; und doch verliessen sie ihre Betten in der Totenstille der Nacht und eilten bussfertig zur Synagoge, um ihre Sünden zu bekennen und Gott, dem Herrn Israels, für seine grenzenlose Gnade zu danken. Schimmele war das einzige kleine Kind unter ihnen, und zwei Stunden stand und betete er mit den Männern und versuchte zu weinen, wie sie es taten. Eines Morgens, nach dem Selichoth-Gottesdienste, erschien Schimmele sonderbar zerstreut. Mirjams Kommentare zu den Vorgängen waren höchst interessant, wie gewöhnlich, aber mitten in einem ihrer beschreibenden Sätze fragte Schimmele plötzlich: „Babele, warum muss man an der Schultür klopfen, bevor man hineingeht?" Mirjam hörte zu sprechen auf, sah das Kind erstaunt an und rief: „Ich bin jung gewesen und bin alt geworden, wie es geschrieben steht, aber es ist das erstemal in meinem Leben, dass ich diese Frage höre." „Aber warum tut man dies?" wiederholte Schimmele. „Schimmele, du musst wissen, es ist gar nicht recht, solche Fragen zu stellen. Wenn jeder es tut und alle unsere Ahnen er? getan haben, brauchst du nicht nach dem Grunde zu fragen." „Aber es muss doch einen Grund haben, Babele?" bestand Schimmele hartnäckig. Mirjam lächelte. „Nu, ich werd' dir's sagen: Sie meinen, die Geister der Toten gehen in der Nacht in die Schul', um zu beten, und man muss ihnen ankündigen, dass man sich nähert." Schimmele überlegte. „Dann dürfen wir die Geister der Toten nicht sehen?"' Mirjam stutzte. Was fällt dem Jüngel ein, solchen Schtuss zu fragen? „Ich möchte sehr gerne so einen Geist sehen," fuhr Schimmele nachdenklich fort. Mirjam begann leise zu lachen. „Narrele," sagte sie, „hast du denn keine Angst? Weisst du, was man sagt? Man sagt, dass einer, der so einen Geist ansieht, beim ersten Blicke stumm wird; wenn er noch einmal hinsieht, -wird er blind; aber sollte er ein drittesmal hinsehen, fällt er auf der Stelle tot hin." Obzwar das Wunderkind einen hellen Kopf hatte, so drang der Scherz doch nicht durch. Mirjam kicherte, aber Schimmele erwog die Sache ernsthaft. „Babele," fuhr er fort, „hast du je einen Menschen gesehen, der einen Geist erblickt hat?" Da brach Mirjam in ein lustiges Gelächter aus. „Nein, Schimmele, mein Gold, den habe ich noch nicht gesehen!" In der nächsten Nacht, als Schimmele zum Selichoth-Beten ging, trug er neben seinem Gebetbuche eine kleines Kerzenstümpfchen, einige Zündhölzchen und eine gut geölte Gansfeder mit sich. Nachdem er seinen Dienst als religiöse Weckuhr ausgeübt, die Synagogenschlüssel mit der begleitenden Warnung empfangen hatte und die Türe des Bethausdieners hinter ihm wieder zugemacht worden, war, rief er plötzlich ins Schlüsselloch hinein: „Eisak Schulklopfer, was wird geschehen, wenn ich nicht klopfe?" Mit einem heftigen Rucke flog die Tür wieder auf, und Schimmele fiel nach vorwärts ins Zimmer hinein. „Bist du meschugge?" schrie Eisak, „bist ein jüdisch Jüngel und sprichst wie ein Epikaures." „Beb Eisakleben, sagt mir, was möcht dann geschehen?" „Schah, Sehegetz! Du brauchst es nur zu versuchen, und