Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 20 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite iÖ „Die & Welt' Nr. 3 Mirjam seufzte: ,3Man möcht' einen grossen Chocheni*) brauchen, um alle deine Fragen, zu "beantworten/* „War es yielleieht der Raw V'7) „Es kann der Raw gewesen sein." „Und wer hat es dem Raw erzählt:" „Ich weiss es nicht!" sagte bescheiden Mirjam. „War es vielleicht der grosse Rabbi Loew?" „Sicher waor er es!" „War der grosse Rabbi Loew ein Lügner?" fragte Schimmele ruhig. „Schemah!" schrie Mirjam und liess das Walkholz fallen, das ein grosses Stück Nudelteig mit sich riss; aber angesichts solcher Blasphemien sanken Nudeln zur vollen Bedeutungslosigkeit herab, und Mirjam erwartete in Entsetzen, dass das Dach des Hauses einstürze. Aber das Dach sass fest, und Schimmele öffnete seinen Mund, um die Suppe weiter zu essen. „Es gibt keine Geister der Toten in der Schul'," sagte er darauf. Mirjam kelirte langsam zum Leben zurück. Nachdem sie wieder Atem erlangt hatte, rief sie: „Woher weisst du das?" „Ich habe nicht geklopft," sagte Schimmele so ruhig wie vorher, und wartete mit dem Löffel in der Luft auf einen zweiten Schrei. Aber das Unerwartete geschah. Ein Lächeln huschte über ihre milden Lippen bis zu den Winkeln ihrer klaren, blauen Augen, wo es in einem Zwinkern endigte. Dann lachte sie leise zu sich selbst und schüttelte den Kopf vor Verwunöerung. „Ein Wunder!" frohlockte sie in ihrem Herzen, „ein Wunder von Gott! So ein Kind hat die Welt noch nicht gesehen!" Aber zu Schimmele sagte sie feierlich, indem sie die Hand auf seinen Kopf legte: „Schimmele, mein Leben, der Herr in seinem siebenten Himmel hat dir einen eisernen Kopf gegeben. Du wirst noch. Oberrabbiner werden. Ieha deine Grossmutter, habe es gesagt!** Und am nächsten Tage sagte sie: „Schimmele, du weisst es und ich weiss es, und es ist gilt," dann mit einem nachsichtigen Achselzucken und mit einem Zwinkern gegen die ganze Gass': „aber wozu brauchen die anderen es zu wissen?" Schimmele verstand. Er behielt sein Geheimnis für sich. Von diesem Tage an war er ein Mann im Hause, Mirjams Helfer und Vertrauter. J) Kleines rollendes Zahnrad. 2) Talmudstudenten. 3) Geeignet für das Osterfest. 4) Vor Neujahr und zwischen Neujahr und Versöhnungsfest. °) Eine Art Bethausdiener, zu dessen Pflichten auch die gehört, an den Haustüren als Aufforderung zum Gebet zu klopfen. °) Gelehrten. 7) Rabbi. Björnson und der Jude. „Als ich meine Pelzmütze kaufte", so nennt Björnstjerne Björnson eine kleine Geschichte, die soeben durch die Zeitungen geht: Es war am 31. Dezember 1881. Ich ging in Chicago von einem Pelzwarenladen zum anderen; es war plötzlich kalt geworden, und ich wollte mir eine warme Pelzmütze leisten. Die vorrätigen waren nicht gross genug, und kein Kürschner wollte mir fest versprechen, zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine fertigzustellen. „Jetzt bleibt nur noch ein Geschäft," sagte mein Begleiter, „freilich das grösste von allen, aber vielleicht gelingt's dort!" Bald standen wir vor 101—100 Washington Street, Hatter and Manufaeturing JFurrier„ D. Ledeiner. Während wir vor dem langen Ladentisch Mütze auf Mütze probierten und alle wiederum zu klein waren, kam der Geschäftsinhaber. Wir fragten ihn, ob er bis zum nächsten Vormittag 11 Uhr eine Kappe fertigstellen könne, und auch er verneinte umgehend. Ich sagte zu meinem Begleiter: „In Norwegen würde der Kürschner bejaht haben — und hätte die Mütze zwei Tage später geschickt." „Nicht allein in Norwegen," antwortete mein Begleiter mit amerikanischer Ueberlegenheit, „sondern in ganz t Europa, vielleicht Prankreich ausgenommen. Wenn ein Handwerker so in Amerika verfahren wollte, würde er als unzuverlässig angesehen werden und könnte seine Bude schliessen." Während dieses Gespräches hatten wir auf den Geschäftsinhaber nicht geachtet. Er hielt jetzt ein Pell in der Hand und sagte: „Sie .sollen die Mütze morgen um 11 TJnr haben." Er breitete das Fell auf dem Ladentische aus und bemerkte, wir müssten es wählen, nur einmal habe er ein ähnlich schönes gehabt. Er belehrte uns, wie wir uns selbst von dem Wert eines solchen Pelles überzeugen könnten. Ich musste den Mann ansehen, denn er hatte feine Gesichtszüge. Er war dunkelhaarig und schlank, glich weder einem Engländer, noch einem Deutschen. Mein Begleiter sagte, er sei Franzose. Am nächsten Morgen stand er selbst um 9 Uhr mit der Mütze in meinem Zimmer in Palmer House. „Sie kommen selbst? Und so früh?" „Ja. Während Sie vor dem Ladentische standen und mit Ihrem Freunde sprachen, kam eines meiner Ladenfräulein zu mir und bot mir an, zusammen mit einer Freundin naqli Gesehäftsschluss die Mütze herzustellen." Ich war förmlich gerührt. „Wohl eine Norwegerin?" fragte ich. „Ja, sie ist aus Norwegen." Ich bat ihn, sie und ihre Freundin von mir zu grüssen und ihr zu versichern, sie habe mir eine Freude gemacht. Ich probierte die Mütze vor dem Spiegel und fand sie ersten Ranges. Ich bezahlte, vergass die beiden Mädchen nicht, beschaute die Mütze und wunderte mich, dass der Mann nicht fortging. In meiner Freude hatte ich gar nicht bemerkt, dass er sich ganz anders als gestern benahm, sah kaum, wie bleich er war. Er sagte: »Da, ich jetzt weiss, wer Sie sind, komme ich selbst, um eine Frage an Sie zu richten." Er stockte und blickte vor sieh hin. Ich liess ihm Zeit, denn ich begriff, dass ihm etwas schwer am Herzen lag. „Ich bin Jude," sagte er. „Iejh habe gehört — aber ich habe es nicht glauben wolllen — in jfcuropa wäre eine Judenverfolgung ausgebrochen. Ist es wahr?" Er blickte mich so seltsam an, dass es mir schwer fiel, antworten zu müssen: »Ja, es ist wahr." Er fuhr etwas zurück, wich meinem Blicke aus, setzte sich Hin und weinte. Er weinte bitterlieh. Schon lange hatte ich mich über die Strömung geärgert, die man später Antisemitismus nannte. Ohne ihren späteren Umfang zu ahnen, ohne zu wissen, wie viel Böses sie anrichten würde, empfand ich sie als einen unheimlichen Barbarismus, einen Appell an schlechte Leidenschaften. Aber es wirkt doch seltsam, vor einem Manne zu stehen, der die Leiden seines Volkes "mit seinem Innengefühle verschmilzt und sie mitbeweint. Auch in diesem Falle werden die feinsten Naturen am tiefsten verletzt, selbst wenn sie tausende von Meilen entfernt sind. Aus dem innersten Verwandtschaftsgefühl . schluchzte er über das Unglück seines Stammes. Es hörte ja nie auf. Dieses Volk konnte ja keinen Frieden geniessen und darin die gesunde Selbstvergessenheit finden, deren wir anderen nicht entbehren können. So oft mir seitdem die Spuren jener unauslöschlichen Vorurteile schrecklich entgegengetreten sind, sah ich dieses feine, traurige Gesicht vor mir, hörte ich dieses Schluchzen. Während der Dreyfus-Frage, in vielen Nächten, an manchem bangen Tage. Ich deutete es mit einigen Worten an, die ich auf ein Bild schrieb, das ich ihm kürzlich schenkte. Hanfstängel in München hatte es mit der Mütze aufgenommen. Er photographierte auch ein Porträt, das Franz Lenbaeh mit der Mütze gemalt hatte. Herr Lederner hat mir wiederholt geschrieben. Ein Brief, den er mir zum letzten Geburtstage schickte, brachte mich auf den Gedanken, ich solle vielleicht anderen erzählen, was ich am Neujalirsmorgen 1882 in Palmer House in Chicago lernte. Heitere Ecke. Die Schuhe des Kaisers. (Eine Probe Jargonhumor.) Ein Jude fragt gelegentlich einen anderen, was für Schuhe der Kaiser trage. „Der Kaiser?? — goldene." „Nu es aber nass is und regnet, verdirbt er sie doch?!" „Zieht er an Galoschen." »Sieht man doch nicht, dass er hat goldene Schuhe?!" „Er macht in die Galoschen ein kleines Loch, man soll seh'n." „Rinnt ihm doch herein in das Loch?" „Steckt er herein einen Strohwisch.* Aus der Rechenstunde. „Moriz, wie viel ist dreimal sechzig?" „Ein Gulden achtzig, Herr Lehrer/4