Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 3 (16.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-16
- Page
- 17 (sequence 1)
- Language
- German
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Idyllen aus der Gass9. Von Martha Wolfenstein. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) ni. Wie Schimmele sich entwickelte. Es gibt viele freudige Feste und geheiligte Tage in der Gass', und wenn ihr die Kinder dort fragt, welche die schönsten sind, werdet ihr schier tauh werden von den widerstreitenden Ausrufen: „Purim!" „Nein! Pessach!" „Nein! Sukkoth!" Lasst sie vor Freude jauchzen! Wir aber wollen Schimmele fragen, und er erklärt sich rasch für das Passahfest, diesen langen, glücklichen Feiertag, der in sich allein alle Freuden vereinigt, -die man nur träumen kann. Das Laubhüttenfest mit dem Bau der Hütte, dem Sammeln von Laubwerk und dem Vergolden der Nüsse kommt ihm nahe, ist aber nicht für unsere Gegenden und unser Klima berechnet. Wie oft stört ein Regen oder gar Kälte das schöne Fest! Das Fest der Esther mit seinen Maskeraden und seinen Drehschnarren zur Verspottung des Erzfeindes Haman bietet viel Vergnügen, ist lärmend und drollig, aber zu kurz. Das Fest der Makkabäer mit seinen Lichtern und den Geschenken hat seinen Reiz, aber da gibt es grosse Prüfung in der Schule. Das Freudenfest der Thora mit seinen Fahnen und Umzügen ist ein Traum. Aber alles in allem genommen bietet die reinste Freude doch nur Pessach. Der Anfang desselben liegt für Schimmele tief im Winter, wenn die Leute ihre Mazzes zu backen anfangen, deren Anfertigung in Mirjams Hause vor sich geht. Eine Hausfrau nach der anderen, die jede ihre bestimmte Zeit hat, kommt und bringt Holzstösse und Säcke voll feinen Mehles, und das Kneten und Walken und Backen beginnt. Mirjam hilft allen, und wenn ihr zufälligem begünstigtes Enkelkind seid, so erwachsen euch unsagbare Genüsse. Ifir könnt euch unverwehrt zwischen den Arbeitenden herumtummeln; ihr könnt euch in das Entzücken versenken, die dünnen Kuchen, die über einem kleinen Stäbchen hängen, zum Ofen zu tragen, wobei ihr schnell laufen müsst, damit nicht in der Zeit zwischen Backplatte und Ofen -das Brot aufgeht, gährt, mit anderen Worten, ehometz, unbrauchbar wird. Doch der Reiz liegt weder darin, noch im Wohlgeruche des gebackenen Brotes; wahrhaftig, das sind gewöhnliche Dinge für Schimmele. Der wahre Zauber besteht in dem Gewirre der Stimmen und der vielen Leute, die in dem sonst ruhigen Hause aus- und eingehen. Jede neue Gruppe hat ihre eigene Art; einige laufen während der Arbeit umher und schreien wie verrückt, aber die Gutmütigen lassen euch mithelfen, sogar kleine Löcher mit einem Rädel1) in die ungebackenen Kuchen stechen. Jeder, der nicht beschäftigt ist, kommt, um einen Blick hineinzutun; selbst die Bochurim,2) angelockt von dem Lärm des fröhlichen Gelächters, das wie ein kristallenes Bächlein aus Mirjams Fenstern strömt, finden plötzlich irgendeinen Anlass, an dem Hause vorüberzugehen. Die Schüchternen blicken scheu durchs Fenster, die Lebhaften stecken kühn den Kopf durch die Tür. „Was wünschest du, Bocher?" ruft Mirjam mit zwinkernden Augen, „hast du schon die ganze Gemarah im Kopf, dass du Zelt zum Spazierengehen hast?" Aber der Bocher lacht bloss und winkt Schimmele verstohlen zu sich» „Sage Vögele (oder Blürnele, oder Täubele, wie es wohl in diesem Falle" heissen möchte, denn* obwohl es immer der gleiche Locher War, wechselten die Mädchen von Jahr.zu Jahr), sage ihr, wie die Lilie unter den Dornen, so ist meine Liebe unter den Töchtern!" Dann bahnt sich Schimmele den Weg zu einem ernsthaft dreinschauenden Mädchen, deren weisse Arme tief im Teige stecken. „Wie die Lilie unter den Dornen, so ist meine Liebe unter den Töchtern," schnattert Schimmele, „Halt den Mund, Schegetzel," kichert das Mädchen. „Kann ich dafür? Der lustige Bocher lässt es dir sagen." Schimmele weicht einem Klapps aus und geht das Ereignis melden. Er achtet das ganze Geschäft, Sendung und Beweggrund gering, aber es gibt eine Vergütung, welche von dem Ergebnisse abhängt und von einem Stückchen Süssholz bis zur schwindelnden Höhe einer kleinen Münze steigt. „Was sagte sie?" lispelte der Bocher. „Nichts!" „Nichts? 0, wie traurig!" „Aber ihr Angesicht glühte gleich der Rose von Saron " sagte der schlaue Schimmele. „Ha, ha, kecker Junge, was weisst du von der Rose von Saron?" Und die Belohnung beträgt einen Kreuzer! Wenn die Mazzes alle gebacken sind, kommt das Auskörnen und Schneiden der Rosinen für Wein, und wenn der sorgsam in Krügen eingelegt ist, bringt Eisig Schulklopfer einen grossen Hut Zucker, der des Rabbis Siegel trägt, welches bescheinigt, dass er pesachdik,8) mit anderen Worten, makellos, ist. Dann wird stundenlang in einem Mörser Zucker gestossen, dann werden Mandeln geschält, wobei die Haut der Fingerspitzen dem heiligen Zwecke geopfert wird. Dabei herrscht bei all diesem Tun eine gewisse Aufregung, damit nicht, Gott behüte, etwas Jontewdikes auf einem ehometzigen Platze zu liegen komme. Und wenn alles getan ist, kommt Meir, der Mietsmann, gefahren, und in den Wagen werden in Papier gehüllte Stösse von Mazzes und Flaschen mit Rosinen wein und ein Topf mit Kuchen geladen, dann besteigen Schimmele und Mirjam selbst den Wagen und fort geht es, heimwärts zur Pachtung. Was macht es, dass es neblig und kalt ist? Babe Mirjam hat ihn in einen Shawl gut eingewickelt; zu Füssen liegt ein heisser Ziegelstein und Meir lässt ihn die Zügel halten, während der Wagen die harte, trockene Strasse h inabrollt. Dann, welch neue Freuden zu. Hause! Das Haus ist vom Boden bis zum Keller gereinigt worden, da gab es keine Spalte und keinen Winkel, der nicht für das Fest gescheuert und gerieben worden wäre. Nichtsdestoweniger ist es des Vaters Pflicht, die letzten Krümchen von Gesäuertem, die übersehen hätten werden können, herauszusuchen und zusammenzusammeln. Zu diesem Zwecke leuchtet er mit einer Kerze in alle Winkel und Speiseschränke, und damit sein Suchen nicht vergeblich sei, hat die Mutter Häufchen von Brotkrumen auf passende Plätze gelegt. Schimmele folgt dem Vater bei seinen Nachforschungen, er weiss, wo die Krümchen liegen, er zittert, dass der Vater sie nicht finden könnte und schreit auf, wenn er sie gefunden hat. Dann fegt sie der Vater mit einer Feder in einen Holzlöffel und Schimmele trägt sie im Triumphe davon. Und der nächste Tag enthüllt noch mehr Genüsse. Man darf kein Brot mehr essen, denn dies ist ehometz, man darf keine Mazzes essen, denn das Fest hat noch nicht begonnen, aber die Mutter kocht eine grosse Schüssel köstlicher Erdäpfelklösse, und alles bis auf den letzten Bissen wird ohne Widerstreben verzehrt, denn in diesem Falle ist es angenehm, zu gehorchen, Draussen im Hofe haben die Kinder ein Feuer in einer Grube angemacht, und in diese wird das Gesäuerte, das der Vater gesammelt hat, geworfen, auf dass es vollständig vernichtet werde.