Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 2 (9.1.1903)
- Article
- Idyllen aus der Gass'
- Date
- 1903-01-09
- Page
- 18 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 18 „Die # Welt" Nr. 2 weder eine Quelle war, noch ein Bach und dennoch aus einem schwarzen Munde den ganzen .Tag über Wasser spie. Die Leute wohnten da in Häuserreihen, wie die Kühe in Ställen, und alles übrige bildete ein Durcheinander, denn man konnte nicht sagen, was dem Einen und was dem Anderen gehörte, da es hier keine Hecken und keine Umzäunungen gab. Auch darüber wunderte er sich sehr, dass Grossmütterchen von ihrem Ausgang mit einem vollen Milchkruge heimkam, obwohl keine Kuh in der Runde zu sehen war, und dass er beim Kaufmann für Mirjam ein Dutzend Eier bekam, ohne die Hennen zu erblicken, die sie gelegt hatten. Und, Wunder über Wunder! nicht Schafe, sondern Kinder — wahrhaftig, Kinder — gingen in dieser sonderbaren Welt zur Weide; alle liefen sie gleich Schafen am Morgen denselben Weg und später am Tage wieder zurück. Und dann gab es einen merkwürdigen Ort, die „Schul* genannt, hoch und weit wie ein Wald, wo die Leute beteten. Nicht ruhig in einem Winkel singend, wie der Vater; sie schrien und schüttelten sich und schlugen sich an die Brust und einer — den Chazan nannten sie ihn — der schrie am heftigsten, wie wenn er Zahnschmerzen hätte. Aber wunderlicher als all dies war Babele selbst. Babele buck Torten, aber — wie unglaublich! — sie verkaufte sie!. O, welch ein Wahnsinn, Torten zu haben und sie nicht selbst zu essen! Doch nicht lange blieben Schimmele die Sachen wunderbar, denn gleich einem langsamen kleinen Bach, welcher plötzlich einen Abhang findet, so stürmte sein Geist nun durch die Gegenden der Erkenntnis und in kurzer Zeit hatte er die Alltagswelt der Gass' durchlaufen und eilte durch die mächtigen Gefilde des „Lernens*. „Und Abraham war sehr reich an Vieh, an Silber und Gold" — oder irgend ähnliche wertvolle Stückchen sagte Schimmele her, wenn er von Cheder heimkam, wobei Mirjam ihre Teigrolle beträufelte und ihren Kopf schüttelte, in ihrem Herzen frohlockend und sich denkend: „Ein Wunder, ein Wunder von Gott!* Gab es Jemanden in der Gass', der Mirjams Wort zu bestreiten wagte? „Ein Wunderkind,* beharrte sie. „Ein Wunderkind," wiederholte die Gass* und mit der Zeit kam man dazu, es zu glauben. Doch muss zugestanden werden, dass Schimmeies Aeussere für ein Genie merkwürdig normal war. Er war weder blass, noch nachdenklich, er verfiel nicht in Stellungen mit ekstatischen, himmelwärts gerichteten Augen oder mit an die Stirne gepresstem Zeigefinger, wie man Genies abbildet. Tatsächlich war absolut nichts Aussergewöhnliches an Schimmele wahrzunehmen; er war just nur ein kleiner runder Junge mit einer Menge goldbrauner Locken, grossen graublauen Augen, zwei vollen, rosigen Wangen und einem Mund, der nie geschlossen blieb, aus dem Grunde, da fortwährend neue Fragen aus demselben hervorsprudelten. „Aber Babele, wo ist Gott?' „Gott ist überall, mein Kind." „Auch in der Sonne, im Mond und in den Sternen?" „Auch dort." „Aber wenn keine Welt da wäre, keine Sonne, kein Mond und keine Sterne, eben nichts, wo wäre dann Gott?• „Er würde noch immer allen Raum erfüllen, denn Gott ist ewig — und nun schweig'still mit Deinem Unsinn." Eine Pause entstand, während welcher man bis drei zählen konnte. „Babele?" „Ja, mein Kind.* „Wenn es keinen Gott gäbe, dann —" ,Scha, Epikaures1)!" In der Zeit eines Monates verband dieses wunderliche Paar unzertrennliche Freundschaft, und Mirjam gedachte mit Erstaunen der Vergangenheit, in welcher Schimmele nicht bei ihr war, als einer undenkbaren Leere. Auch Schimmele zog bald sein jetziges Heim bei Babe Mirjam dem vor, das er auf der Pachtung verlassen hatte. Dort war er nur von geringer Bedeutung gewesen und einer von fünfen, hier war er alles in allem, Aufgang und Untergang von Mirjams Sonne. Sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen, wie die Backstube ohne ihn habe bestehen können. Wer hatte damals die Rosinen abgezupft, die Mandeln geschält und die Vanilie hineingetropft, während Mirjam den Teig rührte? Wer hatte das Strickgarn aufgewunden, ihre kleinen Wege gemacht und die harten Krusten gegessen, die ihre alten Zähne nicht beissen konnten? In der Tat, seine Verwendbarkeit für Mirjam gestaltete sich mannigfaltig. Nicht die geringste unter ihnen war sein Dienst als ihr Neuigkeitszuträger. Mirjam war noch nicht mit der Kost der modernen Zeitungen genährt worden, sie hätte sonst an Schimmeies Art der Berichterstattung wenig Geschmack gefunden. Denn er erzählte gewöhnlich die Wahrheit und da er ein gutes Gedächtnis hatte, so erzählte er wörtlich. „Jetzt endlich weiss ich, was in der Welt vorgeht", sagte Mirjam mit tiefer Ueberzeugung. Wenn Schimmele von seinem täglichen Schulbesuche heimkam, veranstalteten er und seine Grossmutter ein Wechselspiel in Form von Frage und Antwort, das, wenn man es im Bilde darstellen wollte, einer Talmudseite gleichen würde Schimmeies Eede würde die Mischna sein, ein kleiner Absatz, aber gross gedruckt, der Kern der Unterhaltung. Und die Aeusserungen Mirjams würden die kleingedruckte und wortreiche Gemara wiedergeben. Es ging auf folgende Art zu: Schimmele kündigte an : ,Anschel der Dorfgeher hat Jahrzeit, er weinte schrecklich." Mirjam kommentierte: „Nu, warum sollte er nicht weinen? Und wenn er so viele Thränen weinte, als da Wasser fliesst in der Moldau, könnte er seine Sünden wegwaschen? Der Herr wird genug zu tun haben, wenn er ihm jeden Zoll vergibt, den er bei jeder Elle, die er verkauft, wegschnipst, der Ganef.*2) Wenn Mirjams Nachbarin Malke, welche oft stundenlang mit ihrer Strickerei in der Backstube sass, gegenwärtig war, dann war die Aehnlichkeit ihrer Unterhaltung mit einer Talmudseite komplett, denn Malke stellte die laufenden Erklärungen dar, mit denen die Seite eingerahmt ist, und war die Geläufigste von allen. Zu solchen Zeiten erfuhr Schimmele alles, was von zeitgenössischen Ereignissen zu wissen war. „Jentele war heute in Schul", sagte Schimmele. „Jentele?" rief Mirjam. „Was für eine Art Jontef ist denn heute? Für Jentele könnte man das Sprichwort ändern und sagen, aus Langeweile ist sie fromm." „Nein, nein,'1 sagte Malke, „Jentele ist nicht so fromm. Ich weiss, warum sie hinging: nach den Männern zu kicken3). In deinem Alter, Jentele! sagte ich ihr eines Tages, und sie wurde schrecklich zornig. Ihr seid wie die Uebrigen, sagte sie, und glaubt Masern und Hochzeit seien nur für die Jungen. Ich sag' Euch, man ist nie zu alt für das eine oder das andere." „Es war auch ein Fremder dort" sagte Schimmele, „mit Salme Sofer." *) Ungläubiger. 2) Dieb. 3) Sehen.