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Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-09
Page
19 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2 ,Dte $l W§ütöü Seit- 19 „Ein Fremder? Vielleicht Salmes Vetter, Avrom •Zaddik?" „Wie sah er aus?« fragte Malke. „Ein schmächtiger Mann, der seinen Kopf zwischen den Schultern trägt, als ob er immer einem Schlage ausweichen wollte? Und ein Gesicht, wie sieben Jahre Hungersnot, nicht?" „So war er," sagte Schimmele. „Jetzt weiss ich, was Jentele in der Schul gemacht hat," rief Malke aus, „Sie angelt nach Avrom Zaddik." „Was ist sie für eine Närrin?" lachte Mirjam. „Nein, nein, Jentele, du bist ein zu alter kleiner Köder, niemand wid anbeissen, aus Furcht, sich die Zähne auszubeissen." „Er ist zur Beschau für Jentele gekommen, ich will meinen Kopf dafür einsetzen,u schrie Malke mit plötzlicher Ueberzeugung. „Erst letzte Woche hat mir mein Neffe, der bei Reb Noach bedienstet ist, erzählt, dass Jentele Stoff* für ein neues Leibchen gekauft hat. Ein neues Leibchen, denk ich nach, nach Pessach---wozu?" „Soll ich leben, Malke, vielleicht habt ihr recht!" sagte Mirjam. „Jentele hat unlängst nichts wie Schtuss geredet. Wenn ein Mann in einem Briefe von einem Mädchen schreibt: Macht sie noch immer so gut gepöckelte Häringe?, glaubt ihr, er meint damit irgend etwas? fragt sie mich ein?s Tages. Sie muss den Avrom gemeint haben." „Jetzt weiss ich," ruft Malke aufgeregt, „warum ihr Vater forwährend in die Stadt läuft; er borgt sich von seinen reichen Verwandten eine Mitgift zusammen." ,Jetzt weiss ich auch, wozu Gittel jene koscheren Küchel g braucht hat," sagt Mirjam, „Sie und Jentele sind so dick miteinander wie Erbsen. Sie will das Nachtmahl bei Gittel haben." „Mirjam, Mirjam," schreit Malke triumphierend, „das wird ein Schidduch*) sein, so wahr ich leb'." Die Kinder von der Gass* beneideten Schimmele, weil er in dem kleinen Hause lebte, wo es immer nach guten Dingen zum Essen roch und wo es Töpfe mit gutem Teige gab, den man abschaben, und Eosinenstengel, die man beknabbern konnte. Aber wo gibt es eine Seligkeit, die ohne bitteren Beisatz ist? Lebte nicht im Zuckerhause ein Menschenfresser? Und auch für Schimmele gab es ein Schreckgespenst und sein Name war Beten, ein fürchtbarer und andauernder Schrecken, vor dem es kein Entrinnen gab. Ausgenommen im Kochen und Backen war Mirjam in keiner anderen ihrer Beschäftigungen so regelmässig,?ils in der, Schimmele die hebräischen Gebete zu lehren. Als er 5 Jahre alt war, konnte er jedes Wort im dicken Siddur lesen; mit sechs war er schon durch das ganze Chumesch*) gekommen, von Anfang bis zum Ende. Um halb fünf des Morgens war Mirjam an seinem Bette und sagte: „Schimmeleben, komm, steh auf, es ist Zeit zum Beten." Erst sagten sie Psalmen her, und zwar rezitierte Mi? jam einen Vers uud Schimmele wiederholte ihn, aber wenn der Tag zu grauen begann, dann begann auch Schimmele zu beten. UndSchimmele stand, kaum so hoch wie derTisch, in dem kal < en Morgen, einen Fuss auf den anderen gepresst, um seine Zehen zu wärmen; auf dem Kopfe trug er ein kleines Samrntkäppchen, in seinen Armen lag ein grosses schwarzes Gebetbuch, zu dick für seine kleinen Hände, um es zu umfassen, darum hielt er es so, als ob es ein kleines Kind wäre. Das Gewicht des Schlafes lag noch schwer auf seinen Augenlidern, aber er sagte die langen Gebete her, ohne eine Zeile zu überspringen. Nein, nicht ein einziges Wort * Partie. *) Pentateuch. überging er, denn ein paar scharfe Augen waren auf der Hut. Der Suppentopf brodelte verführerisch und Grossmütterchens Hand rührte mit dem Kochlöffel um. Hin und her schwankte sein kleiner dicker Körper, während er seine erstarrten Zehen bewegte, um sie zu wärmen. „Wir flehen dich an, o Herr, die Worte deines Gesetzes angenehm zu machen in unserem Munde/ Aber die Worte des Gesetzes waren Schimmele in diesem Augenblicke nicht angenehm. Er wünschte, dass seine Hände frei wären, einen juckenden Punkt an seiner Nase zu reiben, die rot und leuchtend in seinem weissen Gesichte glänzte, wie eine Kirsche auf einer Torte. Wäre die Gass* weniger unerbittlich in ihren religiösen Vorschriften gewesen, so würde er in Behaglichkeit gelebt haben, aber ihre Frömmigkeit war unbeugsam, und so war Schimmeies Antlitz ostwärts, gen Zion, dem freudvollen, gewendet, aber, o Hohn, er sah auf die bereiften Fensterscheiben und weg von der köstlichen Wärme des Ofens. „Gelobt seist du, o Gott, unser Herr, König der Welt, welcher dem Hahn die Erkenntnis gibt, zu unterscheiden zwischen Tag und Nacht," zwitscherte er, und „Gelobfcseist du, o Herr, unser Gott, König der Welt, welcher mich nicht erschaffen hat als Heiden" und „Gelobt seist du" wieder uud wieder bis ganz hinunter eine dicht bedruckte Seite. Eine Geruchswolke vom kochenden Suppentopf verirrte sich auf seinem Wege und er zog sie in tiefem Zuge ein. „Mehlsupp mit Spitzgerl,"**) verkündete seine wohltrainierte Nase. „Ha!" jubelte sein leerer Magen. Und Schimineies Stimme erhob sich laut im Lobe. Ein Paria. Von Carl Ewald, Kopenhagen. Kahl und hässlich mit seinen zahlreichen Schnee- und Sehmutzpfützen liegt der Schulhof. Auf drei Seiten geteerte Bretterzäune, auf der vierten die lehmgelbe Hinter wand des Schulhauses mit breiten, spiegelblanken Fenstern. In einer Ecke des Hufes eine lange, schmale Holzbank ohne Lehne. Auf der Bank sitzt ein zwölfjähriger Knabe mit krummem Rücken und isst sein Frühstücksbrot. Er hat einen grossen Kopf, dicke, wulstige Lippen, eine krumme Nase und kleine, stechende Augen. Seine dünnen Beine in den Kniehosen und den viel zu grossen Stiefeln pendeln hin und her, schlagen gegeneinander, stampfen im Schnee, kurz — stehen nicht eine Sekunde still. Er hält sein Butterbrot in der linken Hand, isst gierig und zieht bei jedem Bissen die Augenbrauen in die Höhe, wahrend er in der rechten Hand das Frühstückspapier zusammenknüllt. Eine schwarze Katze schleicht vorsichtig über den Platz, steht einen Augenblick still und sieht nach dem Knaben; dann niest sie und springt in zwei Sätzen auf die Bank und von da auf den Zaun, Als er ihre Krallen am Holz kratzen hört, dreht der Junge den Kopf, „Husch!" ruft er und wirft das Papier nach ihr. Dann nimmt er einen neuen Bissen, krümmt den Rücken noch mehr und glotzt kauend zur Dachtraute empor. Plötzlich kommt es wie ein wilder Bergstrom die Schulhaustreppe hinunter. **) Mehlsuppe mit Schwammerin.

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