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Die Welt · 1903-01-09 · 2 (9.1.1903) · p. 17

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
2 (9.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-09
Page
17 (sequence 1)
Language
German
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Idyllen aus der Gass". Von Martha Wolfenstein. (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen.) IL Schimmele und Muhme Mirjam. Schimmele war vier Jahre alt, als er fortzog, um mit Mirjam zu leben, die von ihm allein Babele, von allen übrigen in der Welt Muhme Mirjam genannt wurde. Und das kam folgendermassen: Mirjam lebte allein in ihrem kleinen Hause im Städtchen, während ihre beiden Söhne, Jossef und Schlome, das Gut bewirtschafteten, das der letztere, Schimmeies Vater, vom Grafen gepachtet hatte. Zwei- oder dreimal im Monate legte Mirjam die fünfzehn Meilen1), die zwischen ihr und ihren Kindern lagen, zu Fuss zurück, aber vom Tage, an dem sie entdeckte, dass Schimmele ein Wunderkind sei (nachdem Schimmele das fünfte Kind war, war diese Tatsache seinen Eltern entschlüpft), änderte sich all das. Es war bei Tische, als das Dankgebet nach der Mahlzeit gesagt,wurde — in Schlomes Haus war es immer das lange Tischgebet — da bemerkte Mirjam, dass Schimmele seinem Vater fortwährend drei Worte voraus war und seinen Kopf dazu mit dem Eifer eines Zaddiks wiegte. Mirjam war starr vor Erstaunen, bis das Kind geendet hatte und murmelte dann : „Ich bin jung gewesen und bin jetzt alt, doch habe ich die Gerechten nicht verlassen, noch ihren Samen um Brot betteln gehen gesehen." „Ihr Leute habt ihr gehört?" rief Mirjam dann entzückt aus. „Was denn, Mutter?4 „Das Kind!« „Nu!a sagte sein Vater mit einem Achselzucken, „warum soll mein Jüngel nicht benschen2) können?" Schimmele, der noch immer in gemütlicher Unkenntnis der Grösse seines Schicksals war, plünderte gelassen Mirjams Taschen, aber Mirjam fuhr fort, ihn anzustarren, als ob es ihr gegönnt wäre, eine plötzliche Vision des Gan Eden3) zu schauen. Es waren keine drei Tage vergangen, als Mirjam sich entschloss, Schimmeies Geschick in die Hand zu nehmen Sie erhob sich in der Nacht und als die Familie auf der Pachtung sich zum Frühstück setzte, hatte sie die fünfzehn Meilen schon zurückgelegt und war da,, um es mit ihr einzunehmen. Ihre Kinder machten ihr Vorstellungen darüber. „In deinem Alter, Mutter! Hättest mich wenigstens den Wagen schicken lassen, um dich zu holen,* eiferte Reb Schlome. „Ach wasl Die paar Schritte 1 Ich gehör' nicht zu den Schwächlingen von heute." Dann sah man sie Schimmele geheimnisvoll in eine Ecke winken. „Schimmele, mein Gold,, ich hab' einen Zuckerkuchen in meiner Tasche, nun sag' das Tischgebet/ l) Es sind wohl englische Meilen gemeint, von denen etwa fünf eine österreichische Meile ausmachen. Anm. d. Uebers. a) Das Tischgebet sprechen. 3) Paradies. Und Schimmele plapperte, seinen Mund nach dem Zuckerkuchen gerichtet, das lange Gebet herunter, während Mirjam lächelte und ihren Kopf in heftiger Freude wiegte, wie etwa ein Musikliebhaber in der Oper. * Und eines Tages kam das Geheimnis heraus. „Gebt mir Schimmele/ bat die alte Frau. „Mutter, was sagst du?" rief Perl, Schimmeies Mutter, „das Kind würde sich fern von mir zu Tode grämen. Schimmele, wolltest da mich verlassen und bei deiner Grossmutter wohnen?u Schimmele zog die Finger durch seiner Mutter Schürzenband und sah zweifelnd drein. Dann erinnerte er sich, dass Mirjam jenes entzückende Wesen sei, dessen Taschen ein anscheinend unerschöpfliches Lager von verkram melten Zuckerstücken enthielten. „Ich möche wohl," entschied er rasch. „Weh is mir," schrie Perl, „wer hat je von einer jüdischen Mutter gehört, die sich von ihrem Kinde .getrennt hat!" „Wer spricht von trennen?* sagte Schlome, ihr Mann. „Geht er nicht zu seiner Grossmutter? Du hast vier andere und," fügte er sanft hinzu, „meine Mutter ist eine einsame Frau." Perl presste ihr Kind an ihr Herz, aber Mirjams geduldiges ernstes Antlitz trug den Sieg davon und so zog Schimmele fort, um fortan bei seiner Grossmutter zu leben. Er fand, dass Mirjams Haus ein vergnüglicher Ort sei, obgleich es nur zwei Zimmer enthielt; denn eines davon war die faszinierende Backstube, aus der die Kuchen und Torten hervorgiengen und wo der grosse Ofen stand, in welchem die Sabbat-Mahlzeiten der ganzen Gemeinde gekocht wurden. In jenen Tagen wäre eine Hausfrau, die am Sabbat Feuer machen würde, „verabscheuungswürdig" gewesen, und Mirjams grosser Ofen, welcher 24 Stunden hindurch glühte, wurde Freitag nachmittags angezündet und diente für alle. Euch vom Schicksal nicht Begünstigten, deren Gaumen niemals ihre Schöpfungen kennen gelernt haben, sei es zu wissen getan, dass Mirjam eine Künstlerin war, weit und breit wegen ihrer Geschicklichkeit im Kochen berühmt. Es gab keine Festlichkeit zehn Meilen in der Runde, für welche sie nicht das Festmahl bereitet hätte. Ihre freie Zeit, wenn Verlobungen, Hochzeiten und Bar Mizwahs nicht drängten, füllte sie mit Backen von kleinen Kuchen, Küchel genannt, aus, aus Mandeln und hartgekochten Eiern komponiert. Diese Küchel halten sich gut, wenn man sie in irdene Töpfe legt und sind bei unvorhergesehenen Gelegenheiten, wie zum Beispiel dem unangekündigten Besuch von reichen Verwandten nützlich. Die Erhältlichkeit dieser Leckerbissen verlieh der ganzen Gass' ein Gefühl der Sicherheit solchen Ueberraschungen gegenüber. Mirjams Kuchen spielten eine hervorragende Rolle bei mancher Beschau — der Gelegenheit, bei welcher der gewünschte Bräutigam die ihm zugedachte Braut besichtigen kam — wobei sie als schmackhafter, wenn auch unwahrer Beweis der hochgepriesenen kulinarischen Tüchtigkeit der Braut dienten. Schimmele war nie in seinem Leben vom Gute weg gewesen und in der ersten Zeit war er von den Wundern der neuen Welt betäubt. Das „Draussen" erschien ihm so eng und klein und ganz besonders interessierte ihn das wundervolle steinerne Ding in der Mitte des Platzes, das

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