Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-02
Page
18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316016-3327497--36686-3327571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 18 „Die # Welt« Nr. 1 nal liest und die „Wahlverwandtschaften" bewundert; eine Vase ans ungarischem Steingut steht in seinem Fenster, auch eine Aussicht kann man dort haben. Ich für meinen Teil gehe in die „Gass'", folge mir, wer will. Ich kann nicht widerstehen. Ich muss unbedingt sehen, wer dieses muntere Lecho Daudi singt, dazu an einem gewöhnlichen Wochentage, denn mit einer Kraft und einem Schwünge und einer Art, würdig des besten Chazan, ertönt die schöne alte Melodie, als ob der Sabbat wartend ara Tore stünde. Ah, hier sitzt er, der lustige Bocher auf Mendel Schusters Türschwelle, wiegt seinen Kopf und trillert wie eine Lerche. Er streichelt einen Fuss im Socken auf seinem Schosse," während Mendel von seinem Stiefel ein Stück weghämmert. Es ist wohl bekannt, dass die gefeierte Braut im Liede der liebe heilige Sabbat ist, und obwohl ich nicht um die Welt unseres Boehers Frömmigkeit in Zweifel ziehen will, ich fürchte doch, es ist nicht die eine, die er in Gedanken hat. „Komm, Geliebte, die Braut zu grüssen," singt er, und seine Stimme und seine Blicke sind geradeaus, wie ein Geschoss, auf den Strassenbrunnen gerichtet, und an dem steht .... Ich sagte euch voraus, man findet hier nur gewöhnliche Schicksale. Was euch zuerst begegnet, ist alltägliche Hofmacherei, noch dazu in einer öffentlichen Strasse und am hellen Tage! Er ist nur ein Bettelstudent, der „Tag" isst. sie ist nur die Tochter der Federnfrau, die vom Federnsehleissen für die Betten der Reichen lebt und doch tanzen ihre schwarzen Augen wie die Funken auf dem Dache und sie senkt ihre Wimpern, ihr Antlitz wechselt die Farbe, wie die Dämmerung, ganz so, als ob er einer von einer Familie 2) wäre und als ob sie eine Mitgift hätte. Es gibt nicht viele Leute auf der Strasse; die Männer, zumeist Hausierer und kleine Geschäftsleute, haben ihre Waren zum benachbarten Marktflecken getragen; die Frauen sind drin im Haushalt oder hüten das- Geschäft. Aber nun hat sich die Schule zerstreut und die Strasse ist mit Kindern überflutet. Sie schwätzen laut und ernsthaft über ihr Fangballspiel hinweg, und andere spielen mit gespannten, feierlichen Gesichtern Bockspringen, als würden sie die wichtigsten Geschäfte des Lebens vollführen. Unter ihnen ist ein kleiner Knabe, der nicht spielt. Er geht neben einer alten Frau einher, die ihn an der Hand führt. Sie ist nicht so gross, als manche von den Kindern, die sich um sie herumbalgen, aber ebenso aufrecht und flink und beweglich, als irgend eines von ihnen. Er ist so klein, dass seine fetten Beinchen ordentlich Mühe haben, gleichen Schritt mit ihr zu halten. Ein ausserordentlich zufriedenes Lächeln spielt um den Mund der kleinen Frau: sie sieht selbstbewusst und prahlerisch drein. Seht nur, wie sie heimlich von einer Seite zur anderen blickt! 0, die eitle, alte Frau! Wenn man in ihr Gesicht sieht, würde man denken, dass sie ein nagelneues Kopftuch anhat und eine mindestens eine Elle lange goldene Kette. Aber sie hat nichts von alledem. Nein, nur grade ihr altes braunes Stoffkleid und die schwarze Haube, welche der Gasse so vertraut sind, wie der alte Strassenbrunnen. Worauf ist sie dann so eingebildet? Kann es auf den kleinen Jungen sein, den sie an der Hand führt? Sie hält ihn so vorsichtig, als ob er aus Porzellan wäre, und wenn sie einen Nachbar trifft, sieht sie gedankenvoll drein, um nicht stolz auszusehen. „Guten Tag, Mirjam," sagte der Nachbar, „wie geht es dem Kleinen?" „Gott gebe ihm Leben und Gesundheit," sagt Mirjam inbrünstig, und „er ist schon bei der Sündflut," wispert sie entzückt in das andere Ohr. Die Leute, die sie von ihrem Torweg aus sehen, sagen: „Was für ein Unsinn, wie sie sich meschugge macht mit diesem Jüngel! Warum muss sie ihnp'aus der Schule holen? Fürchtet sie, dass man ihn beissen wird?" Sie sind alle blind; Sie wissen nicht, dass Mirjam mit ihrem Enkelkind Schimmele, der in der „Gass5" als das Bocherl3) bekannt ist, aus demselben Grunde durch die Strassen geht, wie Frau Malke in die Synagoge, wenn sie eine neue Haube an hat. Sie treten in ein kleines Haus ein, älter, grauer und schiefer als die meisten der alten, grauen, schiefen hier; seine einzige Schönheit bilden die blühenden Kistchen vor den Fenstern, ein seltenes Ding in der „Gass5". Auf den ersten Blick hin glaubt man, dass sie bloss zum Schmucke dienen, bei näherem Zusehen erweisen sie sieh aber als zwei grüne Blattreihen, eine als Lauch und die andere als Petersielie, beide die wichtigsten Würzen in Mirjams Kochkunst. Das Haus steht an einer Krümmung der Strasse, so dass es die ganze Aussicht auf die Strasse hat. Wollt Ihr nicht mit ihnen eintreten und die „Gass9"' von seinem hellen Fenster aus beobachten? Wollt ihr nicht hören, was Schimmele schwätzt, und die klugen Märchen, die Mirjam ihm erzählt, und warum sie so eingebildet ist? Vielleicht denkt Ihr, es sei nicht der Mühe wert, sie, eine alte Frau, und ihn, ein kleines Kind, zu beobachten. Vielleicht zieht ihr es vor, eine Beschreibung von ihnen von den Nachbarn zu hören. Gut, da kommt Itzig Pollack, der Lehrer. Der ist gewiss eine bedeutende Persönlichkeit. „Muhme Mirjam?" schreit Itzig. Dann zieht er seine Schultern hinauf, faltet das Gesicht in eine fürchterliche Grimasse, legt den Finger an die Nase und pfeift durch die gespitzten Lippen: „Püh, eine Muhme Mirjam" und: „Püh, ein Schimmele!" Das ist übertriebenes Lob, was? Nun vielleicht ist dem so, Beb Itzig neigt zu extremen Anschauungen. Aber die korpulente Frau Malke sitzt da ruhig und prosaisch an ihrem Fenster. Sie war zwanzig Jahre lang Mirjams Nachbarin gewesen. Sie muss es sicher wiggen. „Herein! Herein!" schreit Frau Malke. „Fradel stell' den Kaifeetopf auf. Nu nehmt Platz. Ueber Mirjam wollt Ihr Bescheid haben? ist es ein Hochzeitskuehen? Ihr könnt ihr vertrauen; meinen Kopf darauf, Ihr werdet zufrieden sein. So eine Köchin trifft man nicht alle Tage. Haben Sie nicht gehört, was der Graf gesagt hat? Er war eines Tages bei Schlome, um nach der neuen Pacht zu sehen, und Frau Perl reichte ihm ein Glas Wein und ein Stück Torte. Nu werden Sie es glauben? Er ass jeden Bissen und leckte die Krumen von seinem Schnurrbart ab. „Das ist nicht schlecht," sagte er, „nicht schlecht!" Mein Wort, das sagte er. Mirjam hat die Torte gemacht. Aber was sie in ihrem Schimmele sieht, ein solches Aufhebens seinetwegen zu machen, ist mehr als ich verstehen kann, und noch dazu in ihrem Alter! Soll ich leben, meschugge! Aber sonst ist sie gescheit! So wahr ich lebe, sie kann paskenen, 4) so gut wie ein Kabbi. Ich kann mich noch gut der Antwort erinnern, die sie mir eines Tages geschickt hat. Ich habe meine Schwiegermutter erwartet und grade eine wunderschöne Schüssel Obers zum Nachtessen gehabt. Was denkt Ihr, tut dite kleine Spitzbübin, meine Katze Mizzi? Sie springt auf das Regal und beginnt das Obers abzulecken. „Wai!" schrei ich,- „das Obers ist trefe, denn Miz' hat grad aufgehört, die Suppenbeine zu benagen. Stellt euch meine Lage vor. Die Milchfrau war fort und meine Schwiegermutter trinkt keinen Kaffee ohne Obers. Ich wollte den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.