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Die Welt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-02
Page
17 (sequence 1)
Language
German
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Idyllen aus der Gass'. Voa Martha Wolf enstein. (Autorisierte Uebersetzung ans dem Englischen.) I. D i e G a s s\ Am untersten Teile des Dorfes, den Ufern des Stromes entlang, dessen Windungen es folgt, steht eine lange, dichte, unregelmässige, doppelte Reihe von Häusern, im Volke als die „Judengasse" gekannt. Das Dorf liegt auf einem sanften, rundliehen Abhänge, nicht unähnlich dem Bande einer flachen Schüssel, in welcher die Hausfrauen ihre Milch „setzen", und dem Inhalte der Schüsseln kann die Anlage der Behausungen verglichen werden. Die Wohnhäuser des Herrn Bürgermeisters und der Orts-Aristokratie, haben sich gleich der Sahne ganz oben angesetzt, die Häuser des gemeinen-Volkes schliessen sieh an, dem Range und Stande entsprechend, und: das unterste Ende, , der richtige Bodensatz, sind die Heimstätten der Leute von der „Gass'".. Es besteht ein alter Glaube, so stark begründet,; däss er zum Sprichworte geworden ist, dass alle Juden, reich sind. Und doch schien es, als ob sich diese grauen schiefen Häuser von der „Gass'" infolge des grossen Gewichtes ihrer Armut zum Boden neigten. In der Tat, nach Jahrhunderten der Täuschung ist es endlich entdeckt worden, dass die Judenais ein Volk die. Aeraisten der Erde sind. , Immerhin haben in der „Gass?" Männer gewohnt, welche in friedvollen Intervallen zwischen den periodischen Ausbrüchen von Judenhetzen, Reichtum an sich gebracht haben, und zu ihrer Zeit den Herrn Bürgermeister samt seiner Clique hätten aufkaufen können. Auch Beb IST o ach, der gegenwärtige Krösus, könnte, seinen Reichtum gegen, des „Rentiers" vornehmes Haus auf der Höhe (vier Fenster in der. Front, einen Glockenzug und zwei Gipshunde im Garten) eintauschen und es wäre ihm noch genug geblieben „einen guten Sabbat zu machen". Nein, der wahre Grund ist der: In so vielen Zeitaltern haben die.Juden von Maritz in dieser schiefen Reihe am Strome gelebt, dass sie gleich ihren angestammten Häusern und dem alteii Nussbaume am Brunnen in dem Erdreich eingewurzelt scheinen. Und für diesen festen Wohnsitz sind sie einer väterlichen Regierung zu Dank verpflichtet, die in noch früheren Jahrhunderten als jene, von denen die Chroniken der „Gass'" berichten, und mit beständigem Eifer, wenn auch mit wechselnden Methoden, für sie alle geringfügigen nicht minder, als die wichtigen Handlungen ihres Lebens bestimmt hat: woran sie. arbeiten und woran sie nicht arbeiten, was sie lernen und was sie nicht lernen sollten; was sie tragen und was sie nicht tragen, wann, wo, und wie sie beten sollten; mit weniger Wirkung auch, was sie , glauben sollten, und unter anderen zahllosen Freundlichkeiten, wo sie wohnen sollten; und bis auf diesen Tag könnt Ihr am Anfange der Strasse die grossen rostigen. .Angeln sehen, an denen, nicht vor gar so langer Zeit, die starken Tore hingen, hinter welchen sie jede Nacht sicher eingeschlossen-wurden. Christoph, der Pächter, lachte, als sein Freund Anaehel ihm die Nat ur dieser Ueberbleibsel erklärte. Hei! Sich den hinkenden Itzig und den apoplektischen Beb Joines und den schüchternen kleinen Moj sehe und diese ganze Gattung hinter furchtbaren Gittern eingesperrt zu denken! „Sprich, Christoph," sagte Anschel, „wenn deine Lämmer vor Wöl- . fen in Gefahr sind, gehst du jagen? If-e-in, du baust deiner Schafhürde ein starkes Gitter. Habe ich recht?" Christoph stand mit offenem Mun<Le da, aber Anschel zog sein Gesicht in Falten und blinzelk. Es war keine schlechte Art gevesen, die Tore des Ghetto zu erklären. Und nun, während wir an dem alto. Tore stehen, bitte, seid gewarnt, damit später nicht MissToignügen oder Enttäuschung eintritt. Der Platz ist bestenfalls von armer und gewöhnlicher Art. Ihr würdet, denke ich, der bescheidenen . Summe lachen, welche hier als ein Vermögen gilt; der Kleinigkeit, die ein hinlängliches Auskommen bildet; des Wenigen, von dem man leben und für 6 Kinder Schulgeld zahlen kann. Ihr würdet der einfachen Belustigung spotten, welche hier Possenreisser und Fiedler bringen; Ihr würdet die heimischen Sabbatgerichte verachtet!, dessen erwarteter Genuss den Magen durch eine lange, halte Woche mit Brot und Käse tröstet; Ihr würdet euch üter die Freude wundern, mit welcher man sich tagelang von einem Bissen Talmudweisheit nährt, einem „guten Worte", welches der Rabbi in seiner wöchentlichen Schiur1) ausspricht. Und täuscht euch nicht in dem Glauben, dass Ihr irgendwelche fesselnde Probleme hier finden werdet, die, heiss serviert und an-würzigen Lastern heiss, jetzt so beliebt sind. Nein, ich kann keine so verführerische Kost in der „Gassx* versprechen. Mein Gott, hier sind viele Probleme, aber alle sind von der „Brot- und Butterart" und das moralische Gesetz ist hier noch so einfach, wie es einst vom Berge Sinai verkündet wurde. Eine andere Mode ist die jetzige Sucht, Romane zu vergolden und zu verzuckern; eine artige Mode ist sie, aber jenen, welche: die Schleppen seidener «Gewänder und das Geklirr von -Sporen und Säbeln durch die Seiten eines Buches klingen zu hören lieben, jenen, sage ich: „Kehrt 'um!" Ein Schwert in der „Gass"! Es is1 ein fürchterliches Ding, das man bedachtsam mit den Fingerspitzen anfasst, wenn Schaje Soldat auf Urlaub zu Haus*} ist und sorgfältig auf das oberste Fach des Wandschrankes legt, bis zur Zeit, wo er zur Abreise wieder bereit ist. Was die seidenen Gewänder betrifft hier! Ich hätte beinahe Frau Blümeies schwarzes .Bipsenes und Frau Malkas Getüpfeltes vergessen. Aber sie schleppen sie nicht nach. Nein, man hebt sie sorgfältig bis., zu den Knöcheln in die Höhe.. So kehrt um, Ihr Damen und Herren! Dies ist bloss eine alte schiefe Strasse, g'rade breit genug, um einen Streifen Sonnenlicht zu Mittag festzuhalten, mit zerborstener, geflickter Pflasterung, wo bei nassem Wetter Lachen, bei trockenem Staub zu finden ist, uxi voll von armen sich plackenden Juden mit Augen, Händen, Stimmen, Gefühlen, Neigungen, Leidenschaften, ghkh allen übrigen menschlichen Geschöpfen Gottes, wenn sU auch in der Welt fremd und abgesondert sind: Männer, liauen und Kinder, wie Ihr sie in tausend anderen Judengasw^n., in ebensovielen dunkeln Dörfern finden könntet. Geht zur Höhe, wo des Herrn Bürgermeisters feines Haus steht. Er hat eine Tochter, die Georg Sand im Origi-

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