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Die Welt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Article
Idyllen aus der Gass'
Date
1903-01-02
Page
19 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 «fÖte/£,-Wj(b> Seite 19 Eabbi fragen lassen, ob wir die Milch gebrauchen können, aber er war zu einer Hochzeit fort. Dann haV ich an Mirjam gedacht. Wenn Miz' sich ihre Schnauze nach den Suppenbeinen abgewischt hat, hat Mirjam gesagt, ist das Obers nich trefe. Ich habe gewusst, dass Miz? sich immer putzt, wenn sie gegessen hat, und so haben wir Obers zum Nachtessen gehabt. Ai, eine durchtriebene Frau, diese Mirjam! Man sagt, sie liest deutsche Bücher, die kein Wort Jüdisehkeit haben.!Su? mei', Sorg'! Ich habe erzählen gehört, dass es heutzutage sogar Rabbis geben soll, die Latein studieren. Wenn die, warum sie nicht? Ich sag euch, sie hat ein wahres jüdisches Herz. Sie hat, nebbich, nicht viel, und muss schwer arbeiten für ihren bescheidenen Bissen Brot. So wahr ich leb, sie gibt mehr weg als sie hat. Aber wenn man mit ihr spricht, möchte man nicht glauben, wie schlau sie ist. Sie hat nichts so gern, als über Katzen zu reden. Sie liebt es, stundenlang zuzuhören, wenn ich von meiner Miz? erzähl'!" sagt die kinderlose Frau Malke. Das ist der Bericht einer Nachbarin. Wollt ihr eine noch höhere Autorität befragen? Sehr gut! Hier kommt der Eabbi, der ehrenwerte Reb Josche Levison. Sein langer Bart liegt wie gesponnenes Silber auf seiner Brust; er stützt sieh schwer auf seinen Stab: seine Augen sind wie in Gedanken zu Boden gesenkt, aber er wird gerne stehen bleiben und euch anhören, wenn ihr was von ihm zu erfahren wünscht. Seine Lippen lächeln wohlwollend und sein mildes Auge leuchtet in Vergnügen auf, wenn Ihr ihn um Mirjams Enkelkind befragt. „Schimmele," sagt er, „ein gesegneter kleiner Bursche, er wird eines Tages ein grosser Chochem5) sein, aber er braucht ein bissei Makkes6) hie und da, um ihn bescheiden zu machen," und seine Augen blinzeln schmelmisch, wenn er dies sagt. Aber wenn er von Mirjam spricht, geschieht es mit einer Art Feierlichkeit. „Wenn ganz Israel wie Mirjam wäre, Jerusalem 'wäre nie zerstört worden," sagt er, „für sie könnte der Messias jeden Tag kommen." Wahrhaftig, das muss euch überzeugt haben, dass es der Mühe wert sein wird, in Mirjams Haus einzutreten. Ich gehe hinein; denn, wemi die Wahrheit heraus muss, ich bin zu keinem anderen Zwecke hergekommen. Ich möchte euch auch das Feen-Märchen von Rothschilds Reichtum erzählen, oder die bezaubernde Geschichte von dem Juden, der sich bis zum päpstlichen Thron von Rom erhob, ich könnte euch zu den romantischen alten Ghetti von Spanien mitnehmen, oder in eines der alten in Rom — selbst ihre Steine hallen von Erinnerungen an ergreifende Ereignisse wieder — aber ich ziehe es vor, in die alte Judengasse von Maritz zu gehen und ihre häuslichen Geschichten zu erzählen: wie sie lebten und liebten, wie sie lachten und weinten, wie sie arbeiteten und beteten und wie sie auf die Dauer ein gewaltiges, wenn auch in der Geschichte nicht verzeichnetes Märtyrertum litten. Denn, wenn ich in seiner schmutzigen Synagoge herumfaulenze, oder um seine sonderbaren Ecken biege, oder in diesem kleinen Hause arbeite, so weiss ich, dass ich Mirjam finden werde, die Kuchenbäckerin, und Schimmele, das Bocherl, ohne welche die schönste „Gass'"' in der Welt mir ein Platz ohne Licht oder Leben wäre, ein Ding, leer an Geschmack und Geruch, fade, wie Brot ohne Salz. *) Talmud-Vorlesung. 2) Gewisse Familien hatten das legale Recht, zu heiraten. 3) Kleiner Gelehrter. 4) Gelehrter. c) Schläge. °) Rituelle Fragen zu beantworten. Die Märchen meiner Mutter. Mutter, nun bin ich wieder bei dir nach viele] Jahren. Und ich lege raein müdes, wanderschweres Haup auf deinen Schoss wie ehemals. Es gibt nirgends au der grossen öden Erde ein Oertchen, wo es einem s< glückselig wäre, wie bei dir, Mutter. Geh, lege deine zarte weiche Mutterhai4 auf meinen Kopf und kraue mir dai Haar, wie einsU Denke nicht daran, dass ich gross ge worden; ich bin ja immer dein Kind. Und weil draussen der Schnee in so grosen Flockei zur Erde fällt, sco musst du mir was erzählen. Es ist in dei Stube so warm and so heilig und das Lämpchen leuchte so traut Und (bu, Mutter, bist so unendlich gut. Dein< Worte, Mutter, kommen einem gerade ins Herz und verbreiten sich vo n da aus mit dem Blute wie seligsüss( Wonne.. * WLlüsfc du mir von Bar Kochba erzählen dem Löwenreiterr, dtr tapfer sein Blut für s»hi Volk vergoss . . .? Oder vielleicht von Juda, dem Hl-mmerer, den Schrecken seiner Feinde . . .? Oder gar voi Udele, dei Tochter des Bai Schern.? Oder gar von den Seelen die paarweise vo im Himmel auf die Erde entsandt werden von den Glücklichen, die sich finden und den Unglücklichen, die sich »mg suchen . . .? Ja, Mutter, du musst mii diese Geschichte erzählen. Doch warte. Ich will selbst deine Geschichte erzählen. Du sollst sehen, wie tief deine Mutterworte in meinem Herzen wurzeln. Und nun wendo mir dein Antlitz zu, Mutten; und horche! * „Mein lieb&s: Kind, wenn die Seelen vom Himmel entlassen werden, um auf der Erde Menschenges*., t anzunehmen, dann sendet sie der liebe Gott nie oh zeln in dieses Jammertal, Paarweise werden sie durch d U L.mmelspforte gelassen. Gabriel, der Erzengeh wählt immo; I^ zwei, die denselben Hkimelsregionen entstammen und ,.u.i demselben Himmelsaßher gesponnen sind. Die gehören zueinander auch auf d«esn Stern des Leidens und des Schmerzes, wie sie zueinander in den himmlischen Sphären gehörten, wo sie gemeinsam vor dem Throne des Allerhöchsten spielten und im unabsehbaren Engelchore sein Lob sangen. Also verlassen sie beide in nie getrübter harnionischer Freundschaft das selige Heim, um ihrer Bestimmung entgegenzugehen. Fest umschlangen, legen sie den weiten, trostlosen Weg zurück. Uned »ua müssen sie voneinander -(beiden, um sich nach vielen Jahren im drückenden G " ühle der Menschenkinder :in der Gestalt eines Mannes und eines Weibes wiederzuSmden. Sie finden ü^h nicht immer. Oft suchen sie sich ihr ganzes Leben lang, sehnen sich in unsäglichem Schmerze nach einander und finden sich nicht. Einsam verbringen sie ihr hart geprüftes Leben in abgeschiedener Trauer, unverstanden von de:ni übrigen Menschen. Das sind die Unglücklichsten. Und manchesmal finden sie sich eist na; Ii langer Suche, nicht selteci an der Grenze ihres Lebens. Sie gehen unzähligemale aneinander vorüber und erkennen sich nicht, bis ihre Allgäu plötzlich erleuchtet werden. Oft zieht sie ihre Sehnsucht jius zwei verschiedenen Weltteilen aneinander, den katrg zugemessenen Pest ihres armseligen Lebens erleuchtend- Und wieder oft finden sie sich gar bald, ohne sich überhaupt zu suchen. Da zuckt ein Sonnenstrahl durch ihr ganzes Leben. Er vergoldet ihre Jugend und webt eine Hülle vom Glückseligkeit um ihr Alter. Das sind die Glücklichsten - . .s » „Es war einmal ein Knabe, der sechs Jahre alt war, und ein Mädchen des gleichen Alter?. Da ihre Eltern befreundet waren, so»schlossen auch sie sich eng aneinander. Hand in Hand gingen sie stets einher und schauten sich in

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