Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 1 (2.1.1903)
- Article
- Die englisch-jüdische Ghettoliteratur
- Date
- 1903-01-02
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 „Die # Welt« Seite 7 Und das Leben bildet und formt den simplen Mann völlig um, er wird ein Geck, er wvgisst allmählich an sein Weib und Kind und will den >J9Yankeea spielen. Der frühere brave Jekel ist zum modernen, englisch radebrechenden »Jack* geworden, der die „Greenhorns" (die neuangekommenen Juden) mit Ueberl&genheitsfühl betrachtet. Er geht ein Liebesverhältnis mit einem ebenfalls arbeitenden Mädchen ein, einem nervösen prunksüchtigen, amerikanisierten Ding namens Mamie. Mit einemmale wird der ganzen Herrlichkeit ein Ende gemacht durch die Ankunft der Frana Jente mit dem Jossele. Und nun beginnt die Tragödie im Herzen Jekels sich abzuspielen. Die Anhänglichkeit an sein schlichtes dörfisches Weib und Kind und der Haag zur ausschweifenden Lebensweise kämpfen in iLm und mit gebrochenem Herzen lässt er sich von seine? Frau scheiden, um einen neuen Bund mit der von ihm geliebten Mamie zu schliessen, aber er fühlt den Boden unter den Füssen wanken, er sinkt besiegt in den Abgrund (Lös Lebens. Die zweite Novelle „Der importierte Bräutigam" spielt sich in zwei Ländern, Amerika und Eussland, ab. Beb Asriel Stroon, der sich in Amerika ein Vermögen erworben hat, wird von der Sehnsucht nach dem Heimatsorte, dem kleinen Städtchen in Russland, überwältigt und fährt hin. Dort findet er auch einen Bräutigam, einen „Bochur* (ein Jünger der Jeschiboth) S*cliaja, der, nur fünfzehn Jahre alt, als. Genie gilt. Reb Asriel ist hocherfreut und bringt den Jünger mit sich nach Amerika. Seine Tochter, Flora, will aber von einem Bräutigam, der Schmachtlocken trägt und kein Englisch spricht, nichts wissen. Und schliesslich wird der begabte Sehaja von der amerikanischen Kultur angezogen* Er beginnt auf das Dringen Floias heimlich zu studieren und schliesslich entdeckt der alte Reb Asriel, was aus seinem auserlesenen „Iluj" (Genies) geworden ist. Der Kampf der Väter und Söhne beginnt, bis Reb Asriel nachgibt und nach Palästina fährt. In seinen grösseren und kleineren Ersählungen steht überall C ah an ernst vor dem Problem 4es Lebens und traurig, aber stark in der Trauer, klingen söine Antworten, ein Wehmutsschleier liegt über allen Gesichtern ausgebreitet, die der Dichter malt und unteir dem Schleier leuchten uns ein paar Augen entgegen, Äugen, die von unendlichem Leiden sprechen, aber auch von starkem Wollen und zartem Empfinden. Cahan versteht es, in seinen jüdischen Geschichten, denn er schreibt auch nichtjüdische, das Allgemeinmenschliche besonders hervorzuheben, er sucht die Fäden heraus, die Fäden des Kummers und des Leidens, die alle Menschen, Juden und Hellenen, miteinander durch ein unsichtbares Band verbinden. Weniger bedeutend als Cahan ist der zweite realistischeSchriftstellerHermaiinBernstein*). „In den Toren Israels" heisst der vielrersprechende Name seiner Skizzensammlung. Ihm fehlt sowohl das Formtalent als auch das psychologische Feingefühl, das Cahan auszeichnet, aber er malt das Milieu des New- Yorker Ghettos treu und wahr und wie alles Wahre, packt uns seine Schilderung, versetzt urs in eine gar sonderbare Stimmung. Denn auch aus diesen einfachen ungekünstelten Skizzen heraus vernimmt man das Echo der Jahrtausende der Leiden des jüdischen Volkes, der ewig neuen Qualen der ewig jungen Natura. „Einsam" heisst eine der schönsten Skizzen im Biucihe. Lebendig steht vor uns die Gestalt der einsamen Arbeiterin „Dora Bienstock", die heiraten will, um doch nicht so einsam, so verlassen zu sein. Wahrhaft und naturgetreu ist die Figur des R. Israel Adler, des Buchhändlers, wie wich die seines Bruders, des reformierten Rabbiners „Dr. Budolph Adler", erfasst. Die ergreifende Geschichte eines gebrochenen Herzens bietet uns zugleich ein ganzes Bild der sonalen Verhältnisse der amerikanischen Juden. Und im Gegensatze zu diesen realistischen Schriftstellern, die das Leben mit dem Mikroskop betrachten und es wiedergeben, so wie es ist, schauen die Idealisten auf das jüdische Leben sozusagen von der Vogelperspektive. Sie schildern nicht das gegenwärtige Leben, und Weben der amerikanischen Ghetto-Juden, sondern, das innere, geistige Leben des Judentums; sie lauschen den alten klagenden Tönen, die von den weiten Ebenem Polens und der Ukraine mit dem Winde von den stummen Gräbern der Märtyrer, der stillen Dulder, in schauriger Nacht hin- *) „In the Gates of Israel* by Hermann Bernstein, New-York 1902. überklingen, sie vertiefen sich in die Volksseele, in die alten jüdischen Sagen und Legenden; für sie existiert mehr das poetische, nebelhaft-mystische Judentum und deshalb wählen sie zum Schauplatze ihrer Handlungen Russland und Polen. Der erste unter den genannten Schriftstellern Henri 11 i o w i z i*) hat in seinem Werke „Im Ansiedlungsrayon" eine Reihe von Legenden und phantastischen Erzählungen aus der Geschichte der russischen Juden gesammelt. Zwar ohne ein grosses literarisches Talent, gewinnt er durch die liebliche, innige Weise, wie er die mystischen Sagen von Reb Arele Karliner und seinem Golem, von dem Besuche des Kaisers Nikolaus des Ersten von Russland bei Rothschild und die Legenden von den verlorenen zehn Stämmen und den legend arischen B'nei Möschen (Die Söhne Moses') erzählt, den Leser. An der Spitze des Buches steht ein Motto, das zwar das allgemeine Motto der „J. P. S." ist, doch^die Tendenz und das Leitmotiv des Autors kennzeichnet: „Israels Botschaft ist Frieden" (Israels Mission is peaee). Er scheint einer von den vielen Träumern zu sein, die im Schosse unseres Volkes entstanden und entstehen, einer von den „Träumern des Ghetto". Und wie ein Traum, ein Märchenbuch, heimelt uns das Buch an. Dasselbe Motto trägt auch ein anderes Buch, das aus der Feder Samuel G o r d o n s**) stammt. „Fremde am Tor" heisst der Titel des Buches. Und von Fremden erzählt es, von Menschen, die überall und immer fremd sind, von Menschen, die überall an die Türe klopfen und allerorten mit Wut zurückgewiesen werden. Wir steigen mit dem Verfasser gleich Dante in den Inferno der menschlichen Brutalität in der Erzählung „Der Hinterhalt des Gewissens", wir versenken uns mit ihm in die bodenlose Welt der Träumerei, der kabbalistischen Phantastik, in der Skizze „Die vierte Dimension", wir schauen sogar mit ihm in die Tiefen der Seele eines Zionisten, wir sind sogar Zeugen seines inneren Kampfes zwischen Ideal und Liebe, wir sehen ihn das eigene Glück dem der Volkssache hintansetzen in seiner Erzählung „Kadimah" (To the sunrise) u. s. w. Beinahe in all seinen Erzählungen kommen beide Rassen, die jüdische und die slavische, zusammen; beide Kulturen, noch undifferenziert in ihrer Roheit und eben deswegen auch gegeneinander in einer halb unbewussten wilden Wut stossend, geraten in Konflikt und immer „ist die Mission der jüdische Friede". Slavische Mystik und orientalische Farbenglut und Phantastik kämpfen miteinander nicht nur in der Person eines Juden und eines Christen, sondern auch in der einzigen eines Juden, denn aus diesen beiden Stoffen ist die Psyche des russischen Juden gewoben, Eine hoffnungslose, an Verzweiflung grenzende und in sie ausklingende Schwermut hauchen diese Seiten aus. Und hierin ist er nicht echt jüdisch. Denn bei den Juden gibts keine Verzweiflung. Nur derjenige kann zur Verzweiflung, zur Raserei gelangen, der auch in Freude fühlen kann; bei den Juden sind Weinen und Lachen zu nahe verschwistert und begleiten einander. Der schwarze Schatten des Todes und der rosige Strahl der HoiTaung begleiten die, Seele des Juden, hausen immer in seinem Herzen. Und * aus dem Grunde haben auch die Juden keine gewaltigen Charaktere, keine schöpferischen Genies hervorzubringen vermocht, denn hierzu ist eine ganz gesunde Natur notwendig, eine gesunde, starke Rasse, denn das Genie ist das im grossen, was die Rasse im stillen ist, das Genie ist nur der höchste Kassen typus. „Es ist keine Novelle, noch eine Sammlung kleinerer Erzählungen, sondern beides zusammen ä. la Thackeray, mit Essaystückchen dazwischen, wo die Verfasserin ihr Herz ausschüttet. Es ist ein eigentümliches, originelles, echt frauenartiges Buch, in dem Miss Martha Wolfenstein das Ghettoleben beschreibt, das sie so sehr liebt." So urteilte Zangwill über das Buch unserer dritten Idealistin Martha Wolfenstein, der jungen Verfasserin der „Idyllen aus der Gass"*). Idyllen nennt es die Autorin, Tragödien möchte ich es heissen. Denn fürchterliche Tragödien spielen sich in diesem Buche ab; es kommen *) Henri IIi owizi: „In the pale". Philadelphia, „Jewish Publication Society" 1902. **) Samuel Gordon: „Strangers atthegate". Philadelphia, „ Jewish Publ. Assoc." 1902. Vergleiche auch „Russische Geschichten"» Von S. G o r d o n, übertragen von A. Kellner. Prag, Jüd. Universal-Bibliothek, und »Rabbi Elchanans Zug", „Welt" Nr. 42, 43.