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Die Welt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Article
Die englisch-jüdische Ghettoliteratur
Date
1903-01-02
Page
8 (sequence 4)
Language
German
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Seite 8 „Die Welt* Nr. 1 darin Motive vor, die einem Z an g will, einem Franzos die farbenreichsten Schilderungen suggeriert hätten, unsere sanfte, milde Dichterin aber vertieft sich mehr in das Seelenleben des Kindes Schimeie, des Wunderkindes der Judengass* in einem kleinen böhmischen Städtchen Maritz. Eine Parallele drängt sich auf zwischen der Erzählung von S. Gordon „Die Enkel* und dieser Erzählung. Auch dort wie hier stirbt die Grossmutter und hinterlässt die einsamen Enkel; auch dort wie hier ist der erste Gedanke des Kindes, dass die Grossmutter ihn nunmehr nicht mit den ewigen Ermahnungen zu beten quälen wird, aber in den „Idyllen der Gass'% wo alles reinen, jungfräulichen Duft von sich gibt, klingt auch das Ende in ein sanftes, tränenreiches Gebet aus, das sich von den zarten Lippen des Kindes ergiesst. Ein schönes Buch, ein Frauenbuch! Ja, die Stämme des Ghetto wachsen und tragen Früchte. Noch sind diese nicht reif, noch schmecken sie säuerlich, noch ist die Form nicht festgestellt. Es wird erst gesponnen und gewoben. Aber einen Vorboten haben wir schon und ein baldiges Aufblühen, eine reiche Ernte der englisch-jüdischen Literatur, die ihre erste Entwicklungsphase zurückgelegt hat, ist zu erwarten. Ein Aufblühen? Auf wie lange? „Eine schluchzende Sehnsucht, mein Frühling, Ein heisses Ringen, mein Sommer. Wie wird mein Herbst sein?" (Arno Holz.) So singt ein deutscher Dichter. Ja, was wird nach dem Frühling kommen? Wird sich die jüdisch-englische Literur zur vollen Blüte entfalten oder wird sie vielleicht das Los ihrer älteren Schwestern, der deutsch- und russischjüdischen Literatur teilen, das heisst verkümmern? Wird sie vielleicht der immergrünen, sich aufs neue verjüngenden hebräischen Literatur den Platz räumen? Wer weiss? Wie aber dem auch sein wird, wir begrüssen sie herzlichst, die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Korrespondenzen und Telegramme. Russland. Petersburg. Die vor einigen Monaten auf Befehl des Zars erfolgte Abschaffung der Zünfte hat, wie allgemein befürchtet wurde, .den jüdischen Handwerkern in Eussland unheilbare Wunden geschlagen. Die Ausübung eines Handwerkes räumt bekanntlich auf Grund des Gesetzes von 1865 den Juden das Wohnrechtin den innern Gouvernements Russlands ein. Bis jetzt hatten die Handwerkerzünfte die Befähigung eines Juden zur Ausübung dieses oder jenes Handwerk durch Ausstellung eines Zeugnisses bestätigt, auf Grund dessen die Polizeibehörden im Innern Russlands dem Inhaber eines solchen Zeugnisses das Wohnrecht einräumen mussten. Das Gesetz, welches die Abschaffung der Zünfte verfügte, hat jedoch nichts getan, was die Regelung der Lage der jüdischen Handwerker bewerkstelligen könnte. Ein Zeugnis der zuständigen Zunftverwaltung kann der jüdische Handwerker nun nicht mehr haben, aber ohne dieses Zeugnis wird #r zur Niederlassung im Innern Russlands nicht zugelassen. Diese Tatsache erhielt eine drastische Bestätigung in einem Zirkular, welches die Gouvernements-Verwaltung von Kiew unlängst erlassen hat. In diesem Zirkular heisst es wörtlich: „Jüdische Handwerker, welche ohne von den Handwerkerzünften ausgestellte Handwerker-Zertifikate in Kiew eintreffen, werden zur Niederlassung in Kiew nicht zugelassen." Somit wurden allen jüdischen Handwerkern, welche Zeugnisse der früheren Zunftverwaltungen nicht besitzen, das Wohnrecht in Kiew genommen. Und dem Beispiele von Kiew werden sicherlich alle anderen Städte Innerrusslands folgen und binnen kurzer Zeit wird der heranwachsenden Generation jüdischer Handwerker der Zutritt nach dem Innern Russlands völlig versperrt sein . <. *) Miss Martha Wolfen stein, die Verfasserin der in unserem Organ in deutscher Uebersetzung erscheinenden Erzählung „The Idyls of the gass", Philadelphia 1902, ist ein junges Mädchen, Tochter des Rev. Dr. S. Wolfenstein, Direktors des jüdischen Waisenhauses in Cleveland (Ohio). Seine hochbegabte, aber leider schwerkranke Tochter erfuhr von ihrem Vater alle die Ghettogeschichten, die sie so schön beschrieb. Wir bringen heute ihr Bild und wünschen ihr volle Genesung. Anm. d. Red. Cherson. In den jüdischen Kolonien im Gouvernement Cherson leben viele erwachsene Kinder der jüdischen Ackerbau-Kolonisten, welche anfangs der Achtziger jähre aus dem Ackerbaustande ausgeschlossen wurden, und zwar infolge angeblicher .Unfähigkeit" derselben zum Ackerbau. Im Laufe der Jahre haben jedoch die Ausgeschlossenen ihre angebliche „Unfähigkeit" gründlich widerlegt. Sie betreiben Ackerbau auf gepachtetem Grund und Boden und erzielen grosse Erfolge. Sie hatten schon unzähligemale um Rückversetzung in den früheren Acker baustand angesucht, aber immer ohne Erfolg. Auch dem Abgesandten des Ackerbau-Ministeriums, Staatsrat Jelatschitsch, welcher vor Jahren die jüdischen Ackerbau-Kolonien inspiziert hatte, überreichten die Ausgeschlossenen ihre Bittschriften, die jedoch trotz der Unterstützung Jelatschitsch* an berücksichtigt blieben. Der Leiter der Staats-Domänen von Cherson und Bessarabien, Geheimrat S o m o w, welcher unlängst die jüdischen Ackerbau-Kolonien bereiste, sagte den Petenten zu, dass ihre Gesuche berücksichtigt werden dürften. * Rostow am Don. Ein in Rostow am Don lebender Jude erkrankte unlängst an einem schweren inneren Leiden und musste sich einer Operation unterziehen. Zu diesem Zwecke musste er sich nach Petersburg begeben, um von einer Petersburger medizinischen Autorität die Operation vornehmen zu lassen. In Rostow wollte man jedoch dem kranken Juden den Pass zum Aufenthalte in Petersburg nicht ausstellen, weil er das Wohnrecht im Innern Russlands nicht besitzt. Er wandte sich deshalb telegraphisch an den Stadthauptmann von Petersburg mit der Bitte, ihm den Aufenthalt auf einer Klinik in Petersburg zu gestatten. Der Stadthauptmann gab der Bitte des Juden statt. * Moskau. In der alten Kremlstadt starb vor wenigen Tagen im Alter von kaum 45 Jahren, der hervorragende russisch-jüdische Künstler Isaak Askenasi der sein grosses künstlerisches Talent der Darstellung von Ereignissen und Sujets aus der jüdischen Geschichte widmete. Bereits als Zögling der Petersburger Akademie der Künste lenkte Askenasi die Aufmerksamkeit der Professoren auf seine Skizzen, welche einen strengen Realismus verrieten. Auf Kosten der Akademie wurde Askenasi in den Achtzigerjahren nach Wien geschickt, wo er das erste Bild mit einem jüdischen Sujet schuf, welches allgemein gefiel. Das war das Bild „Der Tod des jüdischen Dichters Jehuda Halevy\ In Rom schuf Askenasi sein berühmtes Bild „Moses in der Wüste,tf welches sich gegenwärtig in der Bilder-Galerie von Tretjakow zu Moskau befindet. Als Kenner des jüdischen Lebens und der jüdischen Geschichte war Askenasi unablässig bemüht, aus diesem Milieu Episoden und Ereignisse zu verewigen. Und alle seine Bilder aus dem jüdischen Leben verraten tiefe Liebe zum Judentum. Eines der hervorragendsten Bilder dieser Kategorie ist zweifelsohne sein Bild „Am Vorabend des Sabbat* für welches er auf der Pariser Weltausstellung von 1889 eine Medaille erhielt. Zu seinen anderen wertvollen Schöpfungen zählen die Bilder: „Ecclesiast", „Der taimudgelehrte Bräutigam, welcher in Gegenwart seiner Eltern und Braut von einem Rabbi geprüft wird" und „Moses' Eltern". Askenasi blieb nicht nur dem Judentum, sondern auch seinen Brüdern treu, deren Leiden und Drangsale sein Herz stets mit Kummer erfüllten. Ehre seinem Andenken! Gt. Das Odessaer Komitee. Ein vollständiger Bericht der letzten Generalversammlung des Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina in Odessa liegt nun vor. Das Ergebnis der Konferenz war die Annahme mehrerer Resolutionen, welche wir von unserem Standpunkte nur begrüssen können. So wurde in mehreren Resolutionen der Wunsch ausgesprochen, gemeinsam mit der zionistischen Organisation zu arbeiten. In diesem Sinne sind auch folgende Resolutionen zu deuten : 1. /Die Konferenz erachtet ein selbständiges Vorgehen von Privatleuten in der Frage des Landankaufes in Palästina für wünschenswert 2. Zur Organisierung dieser Privataktion wird aus den Herren J, Barbasch (Odessa), J. Goldberg (Wilna), M. Disenhoff (Odessa), W. Temkin (Elisabethgrad), M. Ussischkin (Ekaterinoslaw), Agronom Ettinger (Sordky), Dr. Tschlenow (Moskau) ein Komitee gebildet. 3. Die Konferenz spricht den Wunsch aus, dass die für den Landerwerb bestimmten Summen bei der Jüdischen Kolonialbank deponiert werden,

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