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Die Welt · 1903-01-02 · 1 (2.1.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
1 (2.1.1903)
Article
Die englisch-jüdische Ghettoliteratur
Date
1903-01-02
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Öl* 3l Welfc* Nr. 1 psychologisch zu erklären, bedurfte es neuer Verhältnisse, anderer Lebensbedingungen. Und diese fanden sich in zwei Ländern, die den Juden neu erschlossen wurden — England und Amerika. Seit dem fürchterlichen Jahre 1882 begannen sich über diese zwei Länder der Freiheit Ströme von russischen und polnischen Juden zu ergiessen und nach einigen Jahren bildeten sie schon eine sehr beträchtliche Anzahl. Nachdem Lande der Freiheit kamen sie, nach dem Lande der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit, aber ihnen folgte ihre Eigenart, ihre ausgeprägte Physiognomie nach und sie bildeten bald ein neues Ghetto, ein geistiges. Und an seiner Wiege standen Männer mit offenen Augen und fühlendem Herzen, sie taten einen tiefen Blick in die Werkstatt des Ghettobildens, in das Innere der jüdischen Psyche und sie errieten manches tiefe Geheimnis, manches Mysterium des jüdischen Lebens. Unter diesen Dichtern, von denen manche sich schon einen Ruf erwarben, manche aber den nicht englischen Lesern kaum dem Namen nach bekannt sind, will ich einige herausgreifen, um ihr Werk zu skizzieren und die aufgehende Sonne einer neuen jüdischen Literatur zu begrüssen. Martha Wolfenstein. In erster Reihe steht der weit und breit bekannte, weit über den Grenzen seines Heimatlandes gelesene und gepriesene Israel Z a n g w i 11. Israel Zangwill gehört zu den wenigen auserlesenen Naturen, die gleichsam zu Volksrepräsentanten vorherbestimmt sind, er ist eine jener Persönlichkeiten, die in ausgeprägtester Weise die Züge ihres Volkscharakters besitzen. Ein solcher Dichter, denn ein solcher Mann ist gewöhnlich ein grosser Dichter, fühlt mit seinem Volke alle seine tiefsten, geheimsten, leisesten Gefühle, er durchlebt in seiner eigenen inneren Welt das ganze Schicksal seines Volkes, er legt, ich möchte fast den Ausdruck wagen, den verkürzten, ontogenetischen Weg der phylogenetischen Entwicklung seines Stammes zurück. In keinem seiner wunderschönen Bücher hat Zangwill seine wahre jüdische Natur so glänzend, meisterhaft gezeigt, wie in den „Dreamers of the Ghetto« (Die Träumer des Ghettos). Alle Seiten des jüdischen Geisteslebens hat er darin aufgedeckt und beleuchtet; überall, in den verschiedensten Formen und Gestalten, von Josef dem Träumer bis Heine, Lassalle, dem modernen, entarteten Novellisten von Venedig (Chad-gadya), in allen Helden der jüdischen Geschichte entdeckte er die gemeinsame jüdische Natur, den unverwischbaren jüdischen Rassentypus. Und von all seinen Erzählungen weht ein linder Hauch von stiller Wehmut, von tiefer Trauer, von einer mystischen Ahnung des Unendlichen, die die Grundstimmung des jüdischen Charakters ist. Er schildert , eine Welt, die unter der starren, reizlosen Oberfläche eine innere Welt von Träumen birgt, phantastisch und schillernd, wie die Luftspiegelungen des Orients, wo sie gesponnen werden". Auf allem liegt zärtlich ein Streifen jenes himmlischen Lichtes, das von dem Antlitz des grossen Gesetzgebers ausstrahlt („Children of the Ghetto"). Aber Zangwill ist nicht nur Psycholog, Analytiker, er ist auch Realist. Mit einem Humor, der die beiden Humore, den jüdischen und den englischen, den spitzfindigen, pittoresken und den kalten, lächelnden vereinigt, schildert er das jüdische Milieu, die wundersame Vagabunden arider Schnorrer, das Leben der Londoner Ghettojuden; und jeder Erscheinung, wie unbedeutend sie auch schiene, versteht er neue Seiten abzugewinnen, sie zu vertiefen und zu beleuchten* Und um Zangwill steht eine Reihe neuer Schriftsteller, namentlich amerikanischer, die um allen Ruhm der Ghetto dichter mit ihm wetteifern. Ein eigentümliches exotisches Gepräge tragen diese Schriftsteller an sich. Fremdlinge, die aus ihrer fernen, kalten und unwirschen Heimat — dem Mütterchen Russland — meistens als erwachsene Männer nach England oder Amerika kamen, erlernten in wenigen Jahren perfekt die englische Sprache und hüllten ihre Gedanken, Gefühle, ihre Sehnsucht und ihren Schmerz in das neue Kleid ein und wenn es nicht passte, unzulänglich war, zwängten sie es in die alten Formen hinein, sie gössen alten Wein in neue Schläuche. Nur unter Juden sind solche Erscheinungen möglich; nur unter Juden konnte ein Salomon Maimon entstehen, der Kant kommentierte und zu gleicher Zeit die deutsche Grammatik studierte, die er nie erlernt hat; unter Juden geht alle Entwicklung, geistige wie körperliche, einen eigenen Weg und scheint den allgemeinen Regeln zu trotzen. Ich möchte die typischen Schriftsteller, von denen ich reden will, in zwei Gruppen einteilen, je nach ihrer Richtung und Tendenz, und zwar in Realisten und Idealisten. Zwar sind die Grenzen nicht scharf geschieden, laufen ineinander aber doch ist bei den einen der Grundzug ein realistischer, bei den anderen ein idealistischer. Zu den ersteren zähle ich diejenigen, welche das reale Ghettoleben mit all seinen Leiden und Freuden beschreiben, welche die Genesis der Ghettomauern beobachten und sie studieren. Und zu diesen gehören hauptsächlich Abraham Cahan und Hermann Bernstein; zu den Idealisten, die mehr mit der Schilderung der jüdischen Psyche, des jüdischen Gemüts sich beschäftigen, gehören vor allem Henri Iliowizi, Samuel G o r d o n und Martha Wolfenstein. Heute einer der besten jetzt lebenden amerikanischen Schriftsteller, ist Abraham Conan1) im Jahre 1860 zu Wilna in Russland geboren, das er im Jahre 1882 verliess worauf er sich nach Amerika begab. Sozialist vom Hause aus, warf er sich in Amerika sofort mit Eifer auf die agitatorische Thätigkeit und stand bald an der Spitze der sozialistischen Bewegung im Ghetto von New-York. Er wurde bald auch literarisch tätig, und zwar schrieb er zuerst im Jargon für viele jüdische Zeitungen und wurde im Jahre 1893 selbst Redakteur der „Arbeiterzeitung*. Aber seine individualistische Natur hielt nicht lange den doktrinären Geist der sozialistischen Partei aus und ermüdet von den Reibungen, die innerhalb der Partei selbst entstanden, wandte er sich von der Agitation ab und einem neuen Gebiete zu, und zwar der englischen Literatur. Erzogen an den Meisterwerken der russischen Realisten, eines Turgeniew, Tolstoi, Tschechow u. s. w., trug er in die englische Literatur diese Züge der russischen Literatur, die dem russischen Juden so verwandt und vertraut geworden sind — den Realismus, die Wahrheit und den dumpfen Grundton hinein, der an die unendlichen Steppen Russlands erinnert und wie das ferne Heulen des eisigen Windes in der weissen, schneeverschütteten Heide verhallt. Seine besten Schöpfungen, die dem jüdischen Leben in New-York ihren Stoff entnehmen, sind „JekeP und „Der importierte Bräutigam". Der erstere Roman stellt ein Lebensdrama dar, das sich im Herzen einer einfachen jüdischen Famile abgespielt hat. Jekel, der gesunde, biedere und gottesfürchtige Schmied, lässt seine junge Frau Jente mit dem kleinen Jossele zu Hause und fährt nach Amerika. *) VgL Hutchins H a p g o o d: „The spiritj of the Ghetto", New-York 1902.

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