Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Das Verlobungsfest
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 25 (sequence 2)
- Language
- German
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— 25 - Dwse Niederlage trug ihm zum Schaden noch überdies den Spott ein. Die Leute meinten, so etwas wie eine Zollerhöhung müsse ein guter Handelsmann vorherwissen oder wenigstens ahnen* Das waren aber kurzsichtige, verblendete Menschen, Er, Reb Ephraim, wusste wohl die tiefere Ursache seines Falles: Gott hatte es so gewollt und wer vermag etwas gegen Seinen lieben Namen? Reb Ephraim nahm seinen Ruin als eine gerechte Fügung Gottes, ohne zu murren, hin: Wie oft hatte er in seinen guten Tagen unterlassen, dem Weltschöpfer für jeden Bissen tausendmal zu danken! Er hatte all das Gute als etwas Selbstverständliches hingenommen, als ob es ihm von rechtswegen zukäme und nicht lediglich eine Gnade Gottes wäre — als ob nicht Gott, sondern er selbst der Urheber seines Wohlstandes wäre. Es schien also Gottes heiliger Ratschluss zu sein, dass Reb Ephraim weiter kein Maisimporteur sein sollte und Reb Ephraim war es nicht mehr. Reb Ephraim ward Beth-Hamidrasch-Jude. Die Zölle wurden im Laufe der Jahre wiederholt erniedrigt und wieder erhöht, seine ehemaligen Handelsgenossen wurden wiederholt arm und wieder reich. Reb Ephraim aber verharrte in seinem Beth-Hamidrasch beiden grossen Talmudfolianten und den kleinen moralphilosophischen Büchern und bei den Maasses*) von Zaddikim, die im Winter hinter dem warmen Ofen erzählt wurden. Sein Weib Dina aber war eine tatkräftige, entschlossene Frau. Sie trachtete die Vermögenstrümmer zu ordnen und eröffnete mit Hilfe derselben einen Gemischtwarenhandel, aus dessen Ertrage die vielköpfige Familie schlecht und recht ernährt wurde. Wenn auch der Aufwand, mit dem Frau Dina ihren Haushalt früher zu bestreiten pflegte, nunmehr eine empfindliche Einschränkung erleiden masste, so fühlte sie sich doch durch den Ruhm, den ihr Gatte als „edler Jud" im Städtchen genoss und dessen Abglanz auch auf ihrem armen, unbedeutenden Haupte ruhte, genügend entlohnt. Denn Reb Ephraim war als ein gesetzeskundiger, frommer, im Gottesdienst völlig aufgehender Mann im ganzen Städtchen bekannt und geehrt. Man nannte ihn einen Tachschit**) und der Rabbiner sagte von ihm, dass er zu denen gehöre, von denen man, nach dem Ausspruche der Bibel, nur einen in einer Stadt und zwei in einem Stamme finde, Dina nannte man im Städtchen nicht anders, als Dina Reb Ephraims. Fromme Weiber versicherten ihr, sie könne ruhig schlafen: ihr Stühlchen im lichten Paradiese stehe schon für sie bereit. Die Idylle währte so lange ungetrübt, bis die Töchter erwachsen waren, dann aber tauchte in der Familie die grosse, bange Frage auf, jene bohrende Frage, welche die Atmosphäre in jeder Familie beherrscht, wo erwachsene Töchter sich befinden, und mit ihr hielten Sorgen und Unfriede Einzug in das Haus. Frau Dina brachte zuerst die Frage aufs Tapet; anfangs nur gelegentlich, später aber häufiger und hartnäckiger, und am Ende verging keine Stunde, ohne dass sie daran . dachte. Sie ging fortwährend in Sorgen herum: wo sollte die Mitgift und Aussteuer herkommen? .... Der Berg schien ihr unübersteigbar. Ihr Mann bemühte sich anfangs, sie zu trösten. „Gott werde schon helfen; wir haben einen guten, mildtätigen Gott/ Und als Dina einmal die Bemerkung entschlüpfte,es geschehen heutzutage keine Wunder, brachte ihn das im höchsten Grade auf. Sie sei so eine — Moderne geworden, warf er ihr vor; sie spreche so, als ob die Welt gar verlassen — vogelfrei wäre, als ob kein Gott sie regierte ..... Es vergingen aber Jahre, ohne dass es besser ward. Rahel, die älteste, war 24, Chane 22, Rebekka "21 Jahre alt *) Geschichten und Anekdoten. **) Juwel. geworden. Es war eine Schmach. Frau Dina alterte sichtlich vor Kümmer. Sie bekam tiefe Runzeln im Gesichte. Sie liess sich nun nicht mehr wie früher einschüchtern, sondern lag ihrem Mann stetig in den Ohren. Und wie sehr sich derselbe auch wehren mochte, die Sorge wurde ihm durch Ausdauer gleichsam suggeriert und auch er verlor seine Ruhe. Aber der Umstand, dass er sieh über etwas, das doch wie alles in Gottes Macht liege und wo Sein lieber Name jederzeit, ja jede Stunde, jede Minute helfen konnte, dass er sich über so etwas überhaupt Sorgen machte, der Umstand verursachte ihm noch,mehr Qual; er bezichtigte sich eines mangelhaften Gottvertrauens. Das Mass seines Leidens schien aber noch nicht voll. Er entdeckte unter seinen Kindern, seitdem ihn dieselben überhaupt zu beschäftigen begannen, d. h. seit dem Auftauchen der Heiratsfrage, ein neues Gefühlsleben, neue Wünsche, einen neuen Geist, den er nicht begreifen konnte und der ihn erschreckte. Rahel äusserte unumwunden, sie wolle keinen Klausbocher zum Mann und Chane erklärte, sie werde überhaupt nie heiraten. Wenn in Reb Ephraim der Gedanke aufstieg, dass es ihm vielleicht nicht erspart bleiben werde, in der Synagoge am Sabbat einen neuweltlichen Eidam, vielleicht gar einen Rasierten! zur Seite zu haben, empfand er ein schreckliches Schaudern. Das Ungeheuerlichste aber, was ihn geradezu erschüttert hatte, war folgendes Ereignis; Von wohlmeinender Seite wurde ihm hinterbracht, dass sein Baruch, auf dem seine ganze Hoffnungen ruhten, sich mit dem Gedanken herumtrage, dem Beth-Hamidrasch den Rücken zu kehren und ein Studium zu beginnen. Man hatte ihn sogar schon in einem geheimen Gemache überrascht, wo er mit noch einem gleichaltrigen Jungen aus lateinischen Büchern lernte. Reb Ephraim litt schwer unter all dem; sein Gleichgewicht war in Gefahr. Nun es hatte den Anschein, als ob sich alles wieder zum Guten wenden wollte. Der Allmäehige — gepriesen sei er! — hatte ihm einen Eidam nach seinem Herzen beschert, fromm und gelehrt. Auch der Vater des Bräutigams, ein ehemaliger Handelsgenosse Reb Ephraims, war ein frommer und dazu auch ein wohlhabender Mann. Er erklärte, nicht nach Geld und Gut zu fragen; ihm liege nur daran, sich mit Reb Ephraim zu verschwägern. Und Rahel, das liebe Kind, willigte ein; sie war also im Innern doch eine jüdische Tochter geblieben. Er liess einen unsagbar milden Blick zu Rahel hinüberschweifen. Er segnete sie im Herzen. Man sprach das Nachtischgebet, dann begann der allgemeine Aufbruch. Reb Ephraim und Dina standen an der Tür, und jeder, der hinausging, schüttete eine Flut von Wünschen und Verheissungen über sie aus . . , Der junge Bund möge herrlich gedeihen, die Eltern mögen dasselbe Glück ehestens auch bei den übrigen Kindern erleben, sie mögen es noch erleben, ihre Enkelkinder in Wonnen und in Freuden unter die Chuppa zu führen u. s. w.] Dinas Augen gingen vor Glück über. Ein Gefühl unendlicher Dankbarkeit durchströmte sie. Sie wollte all die Freundschaftsbezeugungen jedem Einzelnen gebührend zurückzahlen, vermochte es aber nicht; alles, was sie im Uebermasse des Glückes und der Dankbarkeit hervorbringen konnte, war: „Auch Ihnen — auch Ihnen helfe der Allmächtige!41 Reh Ephraim stand neben ihr mit gesenktem Haupte und einer Miene, in welche er die ganze Demut seiner Seele hineinlegte. „Amen! — Gott helfe allen Juden!" gab er jedem zur Erwiderung. Als der letzte Gast das Haus verlassen hatte, blieb es im unaufgeräumten, hellerleuchteten Zimmer einen Moment still; es schwiegen sowohl die Zufriedenen als auch die Unzufriedenen. Es war ein Moment der Sammlung.