Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Das Verlobungsfest
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 26 (sequence 3)
- Language
- German
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„Na! — gelobt sei der Weltschöpfer! — Kinderchen, wir gehen nun schlafen,* sagte Reb Ephraim. Die Stille war gebrochen, eine allgemeine Bewegung entstand. »Ich weiss nicht... mir kommt alles wie ein Traum vor .. .u flüsterte Dina und platzte dann laut und herzhaft hervor: „Von jetzt an wird es besser werden — ich fühl' es — das Herz sagt's mir — von jetzt an .. .* ,Dina, sprich nicht so gottlos!" warnte Reb Ephraim: „Was fühlst du, was weisst du? — Bedenke, alles ist in Gottes Hand. Sein lieber Name hat uns in letzter Zeit zu viel Gnade erwiesen, die wir nicht verdient haben. Wir dürfen jetzt nichts anderes tun, als Seinem lieben Namen danken und danken!tf Doch Dina hörte nicht auf ihn. „Vor der Hochzeit geben wir eioe Mahlzeit für arme Leute!" sagte sie wie früher. Reb Ephraim ward noch ernster. „Du sündigst, Dina," sagte er in ärgerlichem Tone; „füge wenigstens hinzu: „Wenn Gott will," oder: „Sobald uns Sein lieber Name das Leben schenkt.* So gingen sie diskutierend Hand in Hand in ihre Kammer. Sie sprach mit erlöster, von Freude bewegter Stimme, und er hörte nicht auf, sie zurechtzuweisen, ernst, streng, sogar drohend, aber doch von einem innern Wohlwollen erfüllt. In dieser Weise konnte man sie noch lange in ihrer Kammer fortfahren hören. In kürzester Zeit ward das Wohnzimmer aufgeräumt, die Betten darin hergerichtet und die Lichter bis auf eines ausgelöscht. Bevor sie unter die Decke schlüpften, versuchten noch die beiden Jüngsten, die neunjährige Mirjam und die siebenjährige Bassje, die sich an den vielen Gerichten besonders gütlich getan hatten, einen Tanz zu arrangieren, und der vierzehnjährige Baruch feuerte sie an, indem er mit einem Handtuch auf sie lospeitschte. „Warum sagt der Vater immer, dass man nicht lustig sein darf?" sagte Mirjam. — „Wir wollen tarzen!tt Den älteren Mädchen war es aber gar nicht fröhlich zumute, und sie nötigten die Kinder ins Bett. Baruch verdross dies. „Das nennt sich modern, neuweltlich und bildet sich verschiedenes ein!u höhnte er. „Und wenn's dazu kommt. .. wagt man gar nicht zu widersprechen — verkauft sich . . / Unverkennbar spielte er mit diesen Worten auf Raheis Verlobung an. Chane, die Zweitälteste, erbleichte. „Hast du gar kein Gefühl?a zischte sie Baruch ins Ohr und schielte zu Rahel hinüber, um zu erforschen, welchen Eindruck diese Worte auf sie wohl gemacht hätten. „Kinder, kümmern wir uns nicht um ihn; er soll reden . . .* schlug Rebekka ihrerseits vor. Baruch fühlte die Stimmung gegen sich und das ärgerte ihn. Noch völlig angekleidet, begann er mit gespreizten Schritten auf- und abzugehen und gab sich den Anschein, als ob er über etwas sehr Wichtiges und Tiefes nachgrübelte. Als die anderen schwiegen, begann er seinerseits verschiedenerlei zwischen den Zähnen zu murmeln, um dann immer lauter zu werden ... — „Heisst auch sich unterhalten! — gerade wie am Tischa-b'ab . . . beileibe kein grosser Unterschied . . . Da sollte man sich einmal eine Bauernhochzeit ansehen — hei, wie es da zugeht! — Da sieht man förmlich, wie die innere Lust den Körper zu sprengen droht! — Oder sollte man sich eine Studentenkneipe mit ansehen oder einen Ball im Beamtenkasino ... In dieser Weise räsonnierte der kleine Baruch. Er kam wieder auf den heutigen Abend zurück und stellte Vergleiche an. Er machte sich über das Verhalten jedes einzelnen Gastes lustig, ahmte die verzogenen, melancholischen Mienen nach, den ächzenden Sang. Seinen Schwestern ward es zu viel. „Was willst du? Der Jud ist im Golus," warf Rebekka hin. „Ja, ja. Dir gefällt ja nur, was die ööjim tun," sagte die zwölfjährige Blüme. „Du willst ja auch studieren und so einer werden; der Vater sägt's." „M'm, m'm, m'm," höhnte Baruch gereizt. „Was ihr schon wisset, was jüdisch heisst lu „Sag mir, mein Teurer, woher weisst du das alles, von Kneipen und Bällen?a spöttelte Chane. „Er guckt des Abends durch die Fenster!" rief Rebekka lustig. „Man hat's der Mutter hinterbracht. Die alte Feige, die dabei war, sagte: „Rachmono lizlon! passt so etwas für Reb Ephraims Söhnchen?* Die Mädchen brachen in Lachen aus. Baruch ward über und über rot vor Scham und Aerger. „Alles wird bemerkt und hinter bracht — alles, jeder Schritt — * brummte er in seiner Verlegenheit und machte noch schwerere Schritte, um seine erhabene Missachtung kundzutun. Plötzlich schoss ihm ein lichter Gedanke durch das Hirn. In seinem Innern ward es hell. Ein Ausdruck von Entschlossenheit und Energie belebte sein Gesicht. .. Mag man ihn verspotten und verfolgen, soviel man will — er wird sich durch nichts abhalten lassen, wird unbeirrt seinen Weg gehen. Von solchen Gedanken beseelt, eilte der kleine Baruch im Zimmer auf und ab, er fühlte kaum den Boden unter den Füssen. Sein kleiner Körper strebte empor, Ekstase spiegelte sich auf seinem Antlitz. Plötzlich warf er voll Energie die geballten Arme in die Höhe, als gelte es gegen eine Welt anzukämpfen. Man tue ihm bitter unrecht, wenn man ihm den Vorwurf macht, ein lauer Jude zu sein. Er ist Jude mit Herz und Seele, wüTs auch immer bleiben, aber ein wissender Jude, ein fröhlicher Jude will er sein! ^oll^s^i^scbaftlicbcp ^«iL Die sozialen Aufgaben der Kultusgemeinde. Von Alfred Weissberge r. Bei den letzten Wiener Kultuswahlen ist von der Opposition innerhalb und ausserhalb der Kultusgenieinde der Ruf laut geworden, dass mehr jüdischer Geist und jüdisches Herz in derselben nottue, dass unsere Gemeindevertretung mehr sein müsse, als eine Verwaltungsmaschine und Kultusrepräsentanz. Und es ist verwunderlich, dass dieses Mahnzeichen einer ernsten und gefahrvollen Zeit auf so wenig historisches und soziales Verständnis getroffen hat; denn mit wenigen erfreuliehen Ausnahmen glauben djese konservativen Gemeindevertreter, über die Forderungen, Klagen oder Stimmungen eines grossen Teiles der Juden zur alten Tagesordnung übergehen zu müssen, vielleicht aus Opposition gegen die Opposition, vielleicht auch nur aus Unkenntnis der wirklichen Lage des Volkes. Wie dem auch sei, wir stehen vor der unbegreiflichen Tatsache, dass eine autonome Körperschaft das Wachsen der Zahl der Wähler, d. h. der Interessenten der direkten und indirekten Mitarbeiter und Berater durch einen selbst den Verhältnissen des Mittelstandes übersteigenden Steuer- Zensus einschränkt, dadurch ihren Wirkungskreis und ihre Aktionsfähigkeit künstlich reduziert und sich selbst .damit Avertvolle Kräfte unterbindet. Es ist sicher nicht erschöpfend, wenn man das Bestreben dieser Körperschaft, das Volk in respektabler Distanz zu halten, als Erklärung hierfür anführt, weil die Indolenz der Masse ohnehin eine gewisse Gewähr dafür bot, dass die bisher meist administrativen Funktionen des Kultusrates auch weiterhinnicht sonderliche Anteilnahme oder Kontrolle finden werden. Wichtiger und ernster ist zweifellos die Erwägung, dass die Juristen der Wortführer in. der Kultiisgemenide di« Zu-