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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 24

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Das Verlobungsfest
Date
1902-12-26
Page
24 (sequence 1)
Language
German
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Feuilleton. Das Verlobungsfest. Eine Skizze aus dem jüdischen Leben in der Bukowina. Von Michael Wurmbrandt. Reb Ephraim, ein Beth-Hamidrasch-Jude mit ausgemergelten, durchgeistigten Zügen und aus der Tiefe blickenden Augen, sass obenan zur Rechten des Bräutigams, seines zukünftigen Eidanis und blickte in die Runde mit einer Miene, welche seine Freude widerstrahlte. Plötzlich aber — als ob er sich auf etwas besonnen hätte — ward sein Gesicht ernst, die Stirn faltete sich und er schlug die Blicke fromm in die Höhe. „Ach — a — ha! gelobt sei der Weltschöpfer — ach — a!" seufzte er und schlug die Hände ineinander. Sein Herz war voll zum Ueberfliessen, er rückte unruhig im Stuhle umher, bemühte sich aber, dieses Gefühl der , Vergnügtheit und des Behagens zu verbannen; er fürchtete zu sündigen, indem er der irdischen Freude in seinem Herzen allzubreiten Raum Hesse, und so löste sich sein Jubel in Seufzer auf... Der Mensch solle ja auch das Gute in Demut und Zerknirschtheit aus den Händen des Schöpfers empfangen; er soll niemals vergessen, dass er ein Wurm ist, ein Sandkörnchen, ein Nichts — „Ach — a — ha!* Das Festessen war schon weit fortgeschritten, das symbolische Geschirrbrechen, sowie das Verlesen der Verlobungsakte des „Tnoim^schon lange vorüber; man hielt vor dem Nachtischgebet. Um den sehr langen, primitiv gezimmerten Tisch, den man für diesen Abend aus der Synagoge hergeholt hatte, sassen noch etwa fünfzehn Juden, intime Freunde Reb Ephraims aus dem Beth-Hamidrasch, vertrocknete Gestalten mit leidgepräglen Gesichtern. Sie sangen eine fröhliche Melodie — aber indem sie sich bemühten, dieselbe zu vertiefen und zu verinnerlichen, krümmten sie die Lippen und schüttelten die Oberkörper, als ob sie innerlich Schmerzen verspürten; und die fröhliche Melodie klang aus diesen Kehlen schwermütig und gebrochen — es war ein geseufzter, zerbröckelter Sang, ohne jede Spur von Sinnlichkeit». Am entgegengesetzten Ende des langen Tisches sassen die Braut und einige Frauen aus der Verwandtschaft. Rahel, die Braut, war ein mageres, blasses Mädchen mit edlen Zügen. Jetzt lag ein müder, ergebener Ausdruck auf ihrem Gesichte, ihr Blick war leer, doch etwas geängstigt, als ob sich etwas Fremdartiges vor ihr abspiele, das sie nicht begreifen könne Sie war ein lebensdurstiges, mit einer regen Phantasie begabtes Mädchen. Die düstere Eintönigkeit und Dürftigkeit ihrer Umgebung boten ihrem impulsiven Lebensdrange keinen Spielraum, ihrer Phantasie keine Nahrung und so nahm sie ihre Zuflucht zu Träumen. Und ihre Einbildungskraft hatte ihr ihre Zukunft in lebhaften, sonnensatten Farben ausgemalt. Der Gedanke, dass es auch anders ausfallen könnte, hatte sie kaum beschäftigt. Und nun war es überraschend anders gekommen. Das Brechen mit der Vergangenheit erschütterte sie. Sie versuchte gleichwohl, sich in die kommenden Verhältnisse hineinzudenken; weiterzublicken, vermochte sie aber nicht; ihr Denken stockte und eine dumpfe Trostlosigkeit hielt sie im Banne. Frau Dina, die Brautmutter, und ihre zwei jüngeren Töchter* bedienten den Tisch. Auf dem Antlitz der alternden Frau, auf dem der Kummer schon manche Furche eingegraben hatte, war heute jedes Fältchen geglättet; es leuchtete und strahlte. Ihr ganzer Körper strömte Vergnügtheit und Freude aus. Den beiden Mädchen aber, welche ihrer Mutter halfen, war es ganz entgegengesetzt zumute. Eine tiefe Verstimmung prägte sich auf ihi*en Gesichtern aus. Ihr ganzes Gehaben hatte etwas Nervös-Hastiges. Jedesmal, da sie an den Tisch traten, warfen sie flüchtige Seitenblicke auf die Braut; sie hätten wohl sehr gerne erraten mögen, was ihre Schwester jetzt dachte und empfand. Des einen waren sie gewiss, dass dieselbe sich jetzt tief unglücklich fühlen musste. Aber in das Bedauern, welches sie für ihre Schwester fühlten, mischte sich auch ein leises Gefühl von Zagheit; es kam ihnen wohl der Gedanke, dass auch ihrer ein solches Schicksal warte... Zur Rechten Reb Ephraims sass dessen vierzehnjähriger Sohn Baruch, ein Junge mit schmalem, blassem Gesichfce,?dessenZüge aber etwasAufgewecktes, Kluges hatten. Er liess seine Blicke von einem der Gäste zum andern forschend umherschweifen und trug dabei eine Miene überlegener Beobachtung zur Schau. Zuweilen zuckte es um seine Mundwinkel wie Spott undlronie, zuweilen wie Schmerz und Unmut, zuweilen gar warf er den Kopf zurück, heftete die Augen an die Decke und träumte. Der Gesang verstummte und das laute Geplapper unter den paar Frauen wurde hörbar. Da rief eine Männerstimme etwas unhöflich dazwischen: „Seid still, der Bräutigam will etwas sagen!* Ganz unauffällig, ohne dass jemand darauf gefasst war, hatte der Bräutigam, ein magerer, hochaufgeschossener Klausbocher, eine Drosche*) in den Bart zu murmeln begonnen. Nun trat allgemeine Stille ein. Die Männer rückten zusammen, um besser hören zu können. Auch die Frauen horchten mit entzückten Mienen, obwohl sie kein Wort vom Ganzen verstanden. Der müde, ergebene Ausdruck auf dem Antlitz der Braut wich einer gespannt hinhorchenden, verwunderten Miene. Wenige Minuten murmelte so der Bräutigam vor sich hin, das hochrote, verlegene Gesicht gesenkt, die Augen starr auf den Tisch geheftet; dann hörte er auf, ganz plötzlich, ebenso unerwartet wie er begonnen hatte. Die Zuhörer rückten unter beifälligem Murmeln auseinander. Das Antlitz der Braut nahm wieder den müden, resignierten, fast stumpfen Ausdruck an. Frau Dina blieb auch weiter am Tisch stehen und nickte dem und jenem ihrer Gäste auf deren Lobesäusserungen dankend zu. Auf ihrem Antlitz drückte sich "^ine fast stumpfe Freude aus. Dem Reb Ephraim wollte das Wesen seiner Frau heute nicht gefallen. Sie versündigt sich, dachte er; sie denkt jetzt gar nicht an Seinen lieben Namen.*) Gott hatte es gewollt, daas ihm in früherer Zeit einige gute Jahre beschieden waren. Er betrieb in kleinem Massstabe einen Maisimport aus Bessarabien, wobei er sich ein kleines Vermögen erworben hatte. Er lebte in dem stetig sich vermehrenden Kreise seiner Familie glücklich und zufrieden im Wohlstande. Da, auf einmal hatte es Rebono Schelaulom**) wieder anders beschlossen. Er kaufte einmal in Bessarabien einen grossen Maisvorrat ein, aber bis zur Lieferungsfrist ward ein hoher Grenzzoll eingeführt, sodass der Maistarif jenseits der Grenze um fast ein Viertel herabgesetzt wurde — und Reb Ephraim war mit einemmale ein armer Mann geworden. *) Rede, Predigt. *) Bei den Orthodoxen demütige Umschreibung Gottes. Der Mensch soll sich in keinem Falle von der Freude überwältigen lassen, er soll gar nicht aufhören, dem Allmächtigen zu danken, denn wer kann wissen--? Die Wege Gottes sind rätselhaft, steht geschrieben. Wer, zum Beispiel hätte es geahnt, dass nach so vielen Jahren des Trübsais ihm, Ephraim, so viel Gnade zuteil werden würde? Der plötzliche Glückswechsel machte ihn stutzig; ein Gefühl der Zagheit und des Kleinseins beschlich ihn; er fühlte sich gar nicht so vieler Gnade würdig. **) Der Herr der Welt.

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