Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Zionismus und Gegenwartsarbeit
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
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«- 12 - etc. Also er schlägt Palliative vor, Mittel sozusagen negativer Natur, Mittel, die nur dem Vegetieren des jüdischen Volkes Dauer verschaffen könnten, Mittel, die ganz im kapitalistischen Ideenkreise liegen und die zweifelhaften Erfolg iiaben können All diese Genossenschaften haben auch bei den wohlorganisiertesten Nationen keine gewaltigen Fortschritte aufzuweisen, geschweige denn bei uns, die in einer ganz ungewöhnlichen Situation leben. Und glaubt denn Dr. Gurewitsch wirklich, dass die Zionisten imstande wären, hier, unter gegebenen politischen Umständen der Juden, für sie etwas Nützliches in ökonomischer Hinsicht zu leisten? Ich meinerseits glaube nicht daran. Nehmen wir einen realen Fall an. Es heisst in den russischen Zeitungen (wenn nur diese Nachricht nicht unwahr ist), dass im russischen Ministerium des Innern ein neues Gesetz vorliege, das den Juden den Erwerb von Grund und Boden in kleinen Parzellen erlauben würde. Eine neue Aussicht eröffnet sich den russischen Juden und es könnte scheinen, dass unser ersehntes Ziel, die Juden zu Agrariern zu machen, die Städter und Luttmenschen aus ihrer erstickenden Atmosphäre in das normale und gesunde ländliche Leben zu verpflanzen, der Realisierung nahe ist, „bald und sofort*, wie Dr. Gurewitsch es will und auch ohne den Zionismus. Aber abgesehen von den vielen Klauseln und Einschränkungen des Gesetzes, wäre es an und für sich für die Juden von gar keinem Nutzen. Denn „innerhalb und ausserhalb des Ansiedlungsrayons" gibt es sehr wenig freie, urbare Erdflächen. Umgekehrt bemerken wir überall eine starke Ueberbevölkerung, die die Unruhe unter den Bauern schürt, wir sehen, dass die Bauern sogar von den besten Provinzen Russlands, also den südlichen, auf den ersten Ruf der Regierung nach dem Amurgebiet gezogen sind, von den nördlicheren Provinzen nicht zu sprechen, denn dort ist der Hunger Stammgast. Also hat der arme Jude, denn vom reichen sprechen wir ja nicht, gar keine Aussichten. Und was könnte der. „ökonomische" Zionismus solchen Tatsachen gegenüber tun? So steht es auch z. B. in Galizien, wo immer neue Anstalten getroffen werden, die Rechte der Juden auf dem ökonomischen Gebiete einzuschränken, wie z. B. das projektierte Gesetz, wonach, die Rechte der Reisenden, der Hausierer sehr beeinträchtigt werden. Was könnten die Zionisten machen, um dieses Gesetz, das eine systematische antisemitische Politik hinter sich hat, zu bekämpfen? Was könnten die Zionisten für die Juden inYemen, in Marokko tun, die in einem ungeheuren Elend hinsiechen, da sie völlig geknechtet sind? Oder kehren wir wieder zu den russischen Juden zurück. Während in Russland die Grossindustrie immer zunimmt und die Kleingewerbe immer mehr in Verfall geraten, werden die Juden zu den Fabriken nicht zugelassen, und können mit der ökonomischen Entwicklung des Landes nicht gleichen Schritt halten. Was könnte dieser unerbittlichen Erscheinung gegenüber die Gründung von Handwerkergenossenschaften helfen? Wäre ein solcher „ökonomischer Staat im Staate" durchführbar? Diese Tatsache haben auch die jüdischen Arbeiter selbst anerkannt und verhalten sich dem ökonomischen Zionismus gegenüber ablehnend. (Vgl. „Jüd. Volksztg.« Nr. 22.) Hier ist die ökonomische Frage ein Ausfluss der politischen Lage der Juden, des Antisemitismus. Und sollte denn das Ziel der Zionisten der Kampf mit dem Antisemitismus sein? Aber dann verwandelt sich die gauze zionistische Organisation in einen „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" und was unterscheidet uns dann von den jüdischen philanthropisierenden Anstalten, wie „Ica" und „Alliance"? Etwa unser Endziel? Aber bei solcher Arbeit muss es notwendigerweise in die Ferne gerückt werden, es wird jenen Sternen gleichen, nach denen wir nur sehnsüchtig hin blicken, ohne sie zu greifen. Dr, Gurewitsch bemerkt mit Recht, dass unter gegebenen Umständen von keinen bewussten Klassengegensätzen innerhalb des jüdischen Volkes die Rede sein kann. Aber will er denn nicht durch die vorgeschlagene Gegenwartsarbeit eben das Klassengefühl wachrufen? Denn nehmen wir einmal die Organisation der Masse zu unserem Ziel, so muss daraus eine Spaltung entstehen. Arbeiter, Kleinbürgerliche, Grossbürgerliche können nicht gemeinsame Interessen haben, jede dieser Klassen hat andere Ideen und vertritt andere Prinzipien. Volens nolens muss ein Antagonismus der Klassen entstehen. Und haben wir noch den Klassenkampf, jetzt, wo das jüdische Volk sich in einem Uebergangsstadium befindet, jetzt, wo es gilt, den Kampf für die Zukunft, für ein neues, freies und autonomes Leben zu gewinnen, nötig? Ich will nicht das Manchestertum, die „laisser faire, laisser. passer8-Theorie befürworten, aber ich bin überzeugt, dass nicht mit kleinen Reformen und Flickereien das Volksleben gerettet werden kann, sondern durch Neuschaffen. Man muss die zwei Begriffe immer genau unterscheiden : Zionismus und Zionisten. Zionisten sind Menschen, die in ihrem Milieu leben, eigene, individuelle Ansichten haben. Als Menschen können sie, ja sollen sie das ihrige tun, um dem mit dem Elend ringenden Volke zu helfen, seine Qualen zu lindern, und zwar jeder nach seiner Ansicht und Richtung. Aber der Zionismus als Partei, als Programm, als System kann und darf die Gegenwartsarbeit nicht aufnehmen. Denn jede Bewegung muss einen Mittelpunkt haben, eine „id6e -force", wie Fouillee sagen würde, die zugleich das Kriterium der Bewegung abgibt. Mögen vom Zentrum verschiedene Strahlen nach allen Richtungen hin auslaufen, der Mittelpunkt, das Kriterium, die'Grundlage bleibt dieselbe. Wir dürfen keine Opportunitätspolitik treiben. Unsere Sozialpolitik soll vielmehr den Weg einschlagen, der in der Medizin durch die Worte gekennzeichnet wird: „Man muss nicht gegen Symptömchen, sondern gegen Symptome kämpfen." Wir müssen, wie es die Hygieniker tun, vor allem den kranken Organismus in ein neues Milieu, unter neue Bedingungen versetzen. Unser Volksorganismus leidet an Blutarmut und nur eine radikale Kur kann ihn retten. Unser Volksleben ist, solange es unter den gegenwärtigen Verhältnissen, den „Golus"- Bedingungen lebt, an den Felsen der Notwendigkeit, der Abhängigkeit von dem Leben und Weben oder vielmehr von den Capricen anderer Völker gefesselt, es ist kausal. Wir müssen deshalb, um das schöne Wort von Werner Sombart („Moderner Kapitalismus", Bd. I, 1902) zu gebrauchen, darnach trachten, unser Volksleben, das ökonomisch-soziale und geistige, aus dem Reiche der Kausalität in das der zweckmässigen, zielbewussten Thätigkeit, der Teleologie zu bringen. Der Vorwurf, dass das jüdische Volk und besonders die Frauen instinktiv der Bewegung fremd bleiben, kann uns nicht treffen. Was die Frau anbetrifft, so ist wohl ihre Nicht-Beteiligung aus anderen Motiven abzuleiten. Die ältere, traditionelle Frau ißt durch die Tradition eben zur sozialen Minderjährigkeit erzogen; sie ist überhaupt kaum fähig, an einer Bewegung teilzunehmen; die jüngere Generation aber steht auch meistens wirklich, insoferne sie sich für solche Fragen interessiert, auf zionistischem Boden. Das Volk selbst ist aber nicht deshalb zum Teil dagegen, weil es vom Zionismus nichts erwartet, sondern weil jede Masse sehr schwer zu gewinnen ist, „Wir nehmen vom Volke und geben ihm nichts," sagt Dr. Gurewitsch. Ja, wir nehmen von ihm, wir nehmen von ihm kärgliche Scherflein, wir nehmen den