Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Zionismus und Gegenwartsarbeit
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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— n hätten nominell noch eine. Richtung zu berücksichtigen, aber sie ist noch zu unklar, noch zu unbeholfen und geringfügig, als dass: man mit ihr zu rechnen hätte. Von den beiden erstgenannten Theorien will ich hier der ersteren, als der wichtigeren und ernsteren, meine Aufmerksamkeit zuwenden. Ich sage ernstere und wichtigere, nicht etwa weil ich den geistigen Zionismus und sein Bestreben herabsetze und geringschätze.Bewahre; aber die ökonomische Frage überhaupt und die der Juden insbesondere ist eine brennende, der ökonomische Zionismus ist zugleich auch eine neue und ziemlich unbekannte Erscheinung und aus diesem Grunde halte ich ihn für relativ wichtiger. Es war sehr leicht vorauszusehen, dass notwendigerweise im Zionismus die ökonomische Frage entstehen werde. Wie sollen wir uns angesichts der gegenwärtigen Lage des jüdischen Proletariats, angesichts der immer mehr um sich greifenden Verelendung des jüdischen Volkes speziell in Osteuropa verhalten? Sollen wir als passive Zuschauer dastehen und uns nur an das Zukunftsziel halten oder sollen wir auch mit Rat und Tat ins Leben eingreifen? Wie können wir von einem Volke hoffen, dass es für unser Ideal einer politischen Autonomie, einer kulturellen Renaissance sich begeistere, wenn es Hunger leidet, wenn es physisch verkümmert? Die politische Lage ist doch nur ein Ueberbau des ökonomischen Lebens, politische Freiheit ist doch immerhin ein Luxus in gewissem Sinne, und ein Volk fordert zuerst Brot, dann Spiele. Diese Ansicht wurde schliesslich zu einer Doktrin erhoben und trat als der „ökonomische* Zionismus auf. Ich werde der Uebersichtlichkeit wegen versuchen, die Thesen des Hr. Dr. Gurewitsch zu rekapitulieren: Die ökonomische Frage ist die wichtigste im gegenwärtigen Leben des jüdischen Volkes. Die Zionisten im allgemeinen und die Kulturzionisten insbesondere empfinden aber eine gewisse Scheu vor jeder ökonomischen Tätigkeit. Die Folge ist, dass die breiteren Schichten des jüdischen Volkes sich vom Zionismus fernhalten und der schlagendste Beweis dafür ist der Indifferentismus der jüdischen Frau. Indessen geht im Schosse des jüdischen Volkes (in Russland) eine ökonomische Revolution vor sich. Die Juden werden aus allen Gewerben und Branchen verdrängt, wie aus den statistischen Angaben erhellt; sie verlieren ihre Bedeutung als Vermittler im Handwerk und Handel und sinken allmählich auf das Niveau eines Lumpenproletariats hinab. Die Folge der allgemeinen Verelendung ist eine Verkümmerung der jüdischen Volkseele, der die Fähigkeit der Initiative zu zielbewusster Tätigkeit abhanden kommt. In der allgemeinen Verelendung werden auch alle Klassenunterschiede verwischt und somit die Möglichkeit eines Klassenkampfes beseitigt. Und angesichts dessen verharrt der Zionismus untätig, er nimmt nur dem Volke und gibt ihm nichts. Soweit der kritische Teil. Der positive, aufbauende geht auf verschiedene Einrichtungen und Reformen ein, die geeignet wären, der jüdischen Pauperisierung einen Damm zu setzen .und den Wohlstand zu heben. Solche Einrichtungen wären Produktiv- und Kooperativgenossenschaften, besondere Auswanderungskomitees etc. Die Theorie des Hrn. Dr. Gurewitsch, die ich in knappen Worten hier wiedergegeben habe, beruht auf Tatsachen, auf unbestreitbaren Daten und Zahlen, aber Zahlen reden nicht immer• selbst, sie werden je nach der individuellen Auffassung gedeutet und generalisiert. 'Und aus diesem Grunde trete ich, indem ich die Ausführungen des Dr. Gurewitsch bekämpfe, nicht den Tatsachen, sondern den aus ihnen gezogenen Schlüssen entgegen. Aus der Art und Weise, wie die Tatsachen gedeutet werden, scheint es, dass die Gesamtauffassung des Dr. Gurewitsch auch die Erklärung der Details beeinflusst hat und deshalb werden wir zuerst seine allgemeine Anschauung in Betracht ziehen, um dann zu den Einzelheiten Iberzugehen. Doktor Gurewitsch steht, soweit wenigsfcens aus seinem Referate ersichtlich ist, wenn nicht auf dem Standpunkte des historischen Materialismus, so ioch auf dem des historischen Oekonomismus, wie ihn die Bernsteinianer benennen möchten. Er räumt zwar ein, dass auch andere Faktoren in das Leben des jüdischen Yolkes hin einspielen, stellt es aber als Grundsatz auf, dass die Grundlage und Richtschnur des jüdischen Lebens und aller mit ihm verbundenen Fragen die Wirtschafts Verhältnisse sind, Dr. Gurewitsch begeht meines Erachtens einen Fehler, den schon mehrere OekonomLsten sich zuschulden kommen Hessen, und zwar den einer einseitigen Betrachtung des geschichtlichen Ganges des Valkerlebens und eine Uebertragung allgemeiner Begriffe n md fertiger Formeln auf jüdischen Boden, ohne dem eigentümlichen Gange der jüdischen Entwicklung, der jüdischen Sonderart Rechnung zu tragen. Ich bin bereit einzuräumen, dass das Leben des jüdischen Volkes, wie das jedes anderen Volkes, tief in den ökonomischen Verhältnissen stecke, aus ihnen teilweise herauswachse. Ich gehe noch weiter und behaupte, dass die wirtschaftlichen Bedingungen die ausschlaggebenden bei der Entstehung unserer national en Bewegung waren. Aber einen Faktor zur Grundlage, ein einziges Rad zum Kraftzentrum machen zu wollen, das ist eine logische Unrichtigkeit, ein „post hoc, ergo pi* o p t e r ho c". Dr. Gurewitsch lässt ausseracht, dass die regelmässige ökonomische Entwicklung nu r unter regelmässigen politischen, sozialenVerhältnissen vor sich gehen kann. Es ist wahr, dass die politische Organisation dieses oder jenes Volkes die Folge seiner wirtschaftlichen Beschaffenheit ist, aber angenommen den FaLl? dass durch Zufall, durch Umstände, die nicht in der Ma.cht des Volkes sind, sein Leben entgleist und auf Abwege geraten ist, dann wirkt das politische Leben auch uif das ökonomische zurück. Bei einem solchen Volke — and das beste Beispiel dafür sind wir Juden — hört die Beziehung zwischen Oekonomik und Politik auf, bei einem solchen Volke werden alle Lebensgebiete durcheinandergeworfen, alle Grenzen der einzelnen Interessensphären verwischt. Man kann sagen, die irländische Frage, di^Home-rule-Bewegung sei eine ökonomische, eine agrarische Frage, dasselbe kann man von Indien u. s. w. behaupten, aber kein nüchterner Sozialpolitiker wird behaupten wollen, dass die Rassenfrage, z. B. die Negerverfolgung in Amerika eine ökonomische Grundlage habe. In solchen abnormalen Fällen sind die landläufigen Erklärungen nicht zutreffend. Dr. Gurewitsch scheint seLt>st von seiner Lehre nicht ganz durchtränkt zu sein. Um einem Artikel im „Achiasaf* vom Jahre 1902/03 „Theorie und Praxis" (Hathora u'awoda) führt er nämlich den Gedanken aus, dass uns die „Umwertung aller Werte" uiL&iiässlich ist und hier befindet er sich mit seiner eigenen Theorie in frappantem Widerspruche. Da die Werte ein Produkt der Zeit, also der ökonomischen Verhältnisse sind, so können auch die Werte nur dann umgewertet werden, wenn di&ökonomischen Grundlagen mit der Wurzel umgeschaffen werden. Also nur dann sind andere Werte möglich, wenn eine neue Gesellschaftsordnung entsteht Nichtsdestoweniger rät uns Dr. Gurewitsch zur Gegenwartsarbeit, das heisst die Hebung der Lage des jüdischen Volkes, und zwas auf gegebener ökonomischer Basis. Dass wir uns die Gegenwartsarbeit nicht anders vorstellen können, erhellt sowohl aus den Ausführungen des Dr. Gurewitsch selbst, wie auch aus den Zeitverhältnissen und Lebensbedingungen der Juden, in ihren Wohnsitzen und speziell in Eussland. Worauf zielen die Vorschläge des Dr. Gurewitsch ab? Organisation von Genossenschaften, Sparkassen, Unterstützungsvereinen