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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Zionismus und Gegenwartsarbeit
Date
1902-12-26
Page
13 (sequence 4)
Language
German
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— 13 — Schekel, wir nehmen wenig, blutwenig — und was geben wir? Wir geben ihm Hoffnung auf eine frohe Zukunft, wir geben ihm Stärke, wir flössen ihm Mut und Glauben an seine 'eigenen Kräfte ein, wir schaffen ihm eine Volksorganisation, wir gründen Institutionen, wo sein Volkstum bejaht und verkündet wird, wir zeigen ihm, dass tausende von Menschen für das Volk in den Tod zu gehen bereit sind, für seine Auferstehung — und dies sollte nicht genügen? Wir haben nicht zu befürchten, dass die Psyche des jüdisch enVolkes verkümmere. So schnell geht dieserProzess doch nicht vor sich. Das jüdische Volk hat viel härtere Proben bestanden und ist doch unversehrt daraus hervorgegangen. „Wo so grosse Massen in Frage kommen,wiediemodernenNationen mitihren, aus jahrtausendelanger Entwicklung hervorgewachsenen Lebenpgewohnheiten, ist selbst von grösseren Eigentumsumwälzungen rasche Wandlung der Menschennatur umsoweniger zu erwarten, als die Wirtschafts- und die Eigentumsverhältnisse nur einen Teil der sozialen Umgebung ausmachen, die auf den menschlichen Charakter bestimmend einwirkt." Diese WorteE.Bernsteins („Voraussetzungen des Sozialismus", p. 8) sind mit desto grösserem Rechte auf unser jüdisches Volk anzuwenden. Also, der Zionismus in seiner strikten Fassung kann die Gegenwartsarbeit in sein Programm nicht als Hauptmotiv aufnehmen, weil er ein grösseres Ziel, ein Zukunftsziel hat. Die Gegenwart aber ist nur eine Brücke zur Zukunft. A. Coralnik. Amerikanischer Schekeltag. Der 9. November war von der amerikanischen Federation als Schekeltag für die Vereinigten Staaten festgesetzt und „alle Juden und Jüdinnen, welche das Andenken an Zion bewahren und in Liebe und Treue zu ihrem Volke an der grossen Aufgabe der Wiederaufrichtung der jüdischen Nation im Lande der Väter mitarbeiten wollen", aufgefordert worden, an diesem Tage die Volkssteuer von 25 Cents pro Kopf zu entrichten. Ausser der zionistischen und zionsfreundlichen Presse nahm die gesamte Tagespresse Amerikas und speziell New-Yorks von der Institution des Schekeltages Notiz und besprach denselben in sympathischer Weise. Als charakteristisch sei von den vielen Pressstimmen eine, die der grossen Tageszeitung „New York Mail and Express", wiedergegeben. Da heisst es: „im ersten Anlauf war die zionistische Bewegung eine Idee von Träumern — eines Schriftstellers, eines Gelehrten, eines Dichters da und dort. Dass die Bewegung in Amerika ihr erstes Stadium überschritten hat, war aus den Vorgängen des vorgestrigen Tages ersichtlich, da ein neuer Feiertag, der „Schekeltag", hier und in den anderen Städten der Union gefeiert wurde. Die Idee ist in die Voiksmassen gedrungen und es ist für den Zionismus vielversprechend, dass der erste Feiertag, der seit 18C0 Jahren dem jüdischen Kalender hinzugefügt worden ist, zu seinen Gunsten ist. Die Massenversammlungen und die Ansprachen, die dabei gehalten wurden, zeugen von der Begeisterung für die Idee. Sie hat ihr Ziel und ihre Losung. Ein solches Losungswort wurde in einer Versammlung der „Educational Alliance" durch Rev. Dr. Stephen S. Wise ausgesprochen : „Ich fordere von euch das Lösegeld für ein Volk, für ein altes und edles Volk." Niemand kann gegenwärtig prophezeien, was aus dieser Bewegung herauskommen wird. Es ist noch das Glaubensbekenntnis einer Minorität und nach der praktischen Seite der minder bedeutenden Minorität. Die Ziele des Zionismus scheinen noch viel zu blendend, zu sehr romantisch und sentimental u sein, um so realisiert zu werden, wie sie jetzt definiert werden. Und doch: gerade solche Ideen wie diese haben die ganze Welt durcheinandergerüttelt und umgestaltet. Ein Kreuzzug der Juden nach dem heiligen Lande ist kein so chimärisches Projekt wie die Kreuzzüge der Christen. Und doch war die Welt Zeugin der letzteren und sie haben grosse Folgen gehabt. Es ist nicht ausseracht zu lassen dass der Idealismus für den Wiedergewinn Zions — selbst wenn derselbe nicht zur Tatsache wird —- dem materialistischen Sinne des modernen Judentums ein Gegenwicht bietet und für das jüdische Volk einen Sammelpunkt darstellt, welcher den Einflüssen entgegenarbeitet, die seine Integrität beständig bedrohen." Die Idee des Schekeltages war vom Volke so herzlich begrüsst worden, dass bis zum 7. November bereits 12.000 Scheine in New-York ausgegeben waren. Das Endresultat dürfte 15.000 Schekel übersteigen. In New-York ist der Schekeltag in erster Linie durch enthusiastische Versammlungen gefeiert worden. Dank gebührt vor allem dem Federations-Sekretär Mr. J. de Haa und seinen Adjutanten Messrs. J. Allen und J. Fish man. Samstag den 8. November abends, dem Vorabende wurden zwei wahrhafte Massenversammlungen abgehalten, während am eigentlichen Schekeltage deren drei stattfanden, ausserdem noch eine Versammlung der „Educational Alliance". Um das Arrangement und die musterhafte Ordnung in diesen Versammlungen haben sich die Herren A.Harris. J. N a t h a n s o n und J. L i p s k y verdient gemacht. Die Sammlung wurde in New-York vom Lokale der „Bnei Zion" aus geleitet, wo Mr. d e H a a s, unterstützt von

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