Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 52 (26.12.1902)
- Article
- Die Frauen der Bibel
- Date
- 1902-12-26
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316012-3327269--36448-3327378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
hlftatfrlit. „Ich bin des Lebens überdrüssig wegen dieser Ghettiterinnen, wenn Jakob eine Frau nimmt von den Töchtern Cheths, wie diese, von den Töchtern des Landes, wozu brauche ich da zu leben." Aus diesen Worten hören wir ganz deutlich die Stimme der in ihrem Stolze tief gekränkten Gattin heraus. Gewiss konnte es Isaak nicht verhindern, dass Esau in einer Doppelehe mit heidnischen Frauen lebte, aber dass er diesem Manne heidnischer Frauen den Segen Abrahams zu erteilen die Absicht habe, daran zu denken, ist Eebekka selbst im Traume nicht eingefallen. Was blieb ihr nun in dem Augenblick, da sie vor einer halbvollendeten Tatsache stand, anderes übrig, als eine Tatsache zu schaffen, als ihrem Gatten mit einer vollendeten Tatsache zuvorzukommen und ihn so gegen sieh selbst zu schützen? Isaak hätte trotz seiner Blindheit sehen müssen, was um ihn her vorging. Darum sagte ihm Rebekka später: Wenn du auf die Verheiratung deiner Söhne nicht genau so bedacht bist, wie dein Vater es auf die deine gewesen, dann weiss ich wirklich nicht, wozu ich lebe> dann muss ich irre werden an dem Zweck, welchem mein Leben dienen soll, Dieses von Frauenstolz und Frauen würde getragene Verhalten, Rebekkas macht sie zur echten und rechten Schwiegertochter Sarahs und stellt sie als ebenbürtig an deren Seite. Auch die dritte unserer Stammütter glänzt durch strahlende Schönheit. Wie Rahel, die Hirtin, ausgesehen, das lässt sieh nicht sagen, das lässt sich nicht beschreiben; annähernd jedoch gewinnen wir eine Vorstellung von dem Zauber, der sie umflossen, wenn wir sehen, wie bei ihrem Anblick Jakob, dem matten und müden Wanderer, die Kraft sich verhundertfacht und er, was sonst nur viele Hirten mit vereinter Kraft vermochten, ganz allein den grossen und schweren Stein vom Brunnen wälzt. Mit dieser unyergleiehliehenXraftleistung hat Jakob der sprachlos dastehenden Rahel seine Liebe eingestanden; und wer jemals jung gewesen, wird es begreiflich finden, dass Jakob nach dieser stumm-beredten Liebeserklärung Rahel küssen und dann in Tränen ausbrechen musste. Ton diesem Augenblicke an war sie seine stillverlobte Braut. Und doch duldet sie es, dass dem Geliebten, der sieben Jahre um sie gedient, die ältere Schwester als Gattin zugeführt wird. Sarah und Rebekka zeigen sich als Ehefrauen in ihrer ganzen Grösse, indem sie im entscheidenden Augenblick reden und handeln. Rahel, die keusche Jungfrau, zeigt sich in ihrer ganzen unnahbaren Hoheit, indem sie irn entscheidenden Augenblick schweigt und duldet. Dem Geliebten auch nur anzudeuten, dass er betrogen wird, wäre ein Verrat an der älteren, weniger schönen Schwester gewesen. Sie liebt aber nicht bloss Jakob, sondern auch die Schwester mit aller Innigkeit und nimmt später sogar ruhig den Vorwurf hin, sie, Rahel, habe ihr, der Leah, den Gatten weggenommen. Ja, Rahel liebte Leah mit ganzer Seele nach wie vor, wahrscheinlich, weil sie die Mutter früh verloren hatte und von der älteren Schwester erzogen wurde. Und Leah, die während ihres ganzen Lebens nach der Liebe des Gatten gerungen, ist, ebenso wie Rahel, ein Musterbild häuslicher Tugenden und ganz besonders jüdisch-häuslicher Friedfertigkeit. Leah hat freilich mit der einzigen Tochter Unglück gehabt, dafür hat sie aber die sechs eigenen und die zwei angenommenen Söhne und nach dem frühzeitigen Tode Raheis auch deren Söhne so erzogen, dass sie füglich als die Hauptsäule des dritten Patriarchenhauses, als die Erzieherin aller zwölf Stämme Israels gelten kann. Auf Rahel und Leah folgt Joehebed, die Mutter Mose's. Von diesem Frauenbilde haben wir bloss eine ganz, ganz kleine Skizze, aber wozu denn Farbenpracht und Farbensehmelz für eine Frauengestalt, auf welche der Widerschein ihres gleich einer Sonne leuchtenden Sohnes hun-* 'dertfach fallt 2 iJochebed Kann umso Sescheidenes jaSL anspruchsloser auftreten, als sie bloss zu sagen braucht: ich bin die Mutter Mose's. Die Bibel .führt sie uns in einer Weise vor, als wollte sie eine sehr Junge, von der ersten Liebesglut erfüllte und ihren Erstgeborenen mit Sehnsucht erwartende Gattin zeichnen. Und doch hat der im NU ausgesetzte Moses nicht allein einen älteren Bruder, sondern auch eine erwachsene Schwester, welche Wache bei ihm hält. Damit will die Bibel sagen: Moses ist das Kind gottinniger Gattenliebe; darin findet seine unvergleichliche Grösse ihre ausreichende Erklärung. Was er vom Vater, was er von der Mutter geerbt, was er durch die reine liebe beider unmittelbar von Gott empfangen, wer vermöchte das alles im einzelnen anzugeben; doch so viel steht unerschütterlich fest, eines hatte er von der Mutter: die Energie. Wir haben, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine Moment-Aufnahme von Joehebed. Moses wird von der Königstochter im Nil entdeckt, Mirjam bietet sich der Prinzessin an, eine Nährfrau zu holen; sie holt die eigene Mutter. Und diese Mutter, die ob des teuren Kindes in Todesangst gelebt, der das Herz mit einem Male vor Freude mit Hammerschlägen pocht, die am liebsten Jubelhymnen anstimmen möchte, sie kommt, sie tritt vor die Königstochter hin mit einer Ruhe, mit: einer Gelassenheit, mit einer Gleichgiltigkeit, mit einer Selbstbeherrschung, als wäre sie in Wirklichkeit eine fremde Nährfrau, der die Prinzessin sagen kann: Nimm dir dieses Kind, säuge es mir und ich werde dir deinen Lohn geben. Wir brauchen von dieser Joehebed weiter nichts zu wissen; der Moment, in welchem sie ihren Knaben wie eine Fremde aus der Hand der pharaonischen Königstochter empfängt, ist uns eine Bürgschaft dafür, dass sie ihn zum Manne heranzubilden die Kraft und Fähigkeit besitzt; dieser Moment ist ein historisch bedeutsamer, dieser Moment wiegt eine ganze Ewigkeit auf. Das auf Joehebed folgende Bild ist die Mutter Simsons, deren Namen aufzuzeichnen die Bibel nicht für nötig erachtet hat. Sie ist eine robuste nordische Bäuerin, die viel auf dem Felde weilt, die keineswegs wählerisch in der Kost, ein Glas alten Weines oder guten Bieres durchaus nicht verschmäht. Neugierde scheint nicht zu ihren Schwächen gehört, zu haben; Fragen zu stellen, ist nicht ihre Sache, und als wäre sie von einem modernen Hauch angeweht, kann sie unter Umständen sehr formell sein. Ein Fremder, und mag es selbst ein Engel sein, muss sieh! ihr vorstellen, und tut er das nicht, dann fragt sie auch nicht, woher er sei. Ohne zu den hervorragendsten Frauen zu gehören, verrät sie doch Intelligenz, zum mindesten mehr Intelligenz, als ihr Gatte Manoah, den der Talmud mit scheinbar begründetem Recht zu einem Unwissenden stempelt. Diese Mutter des unbändigen Simson konnte gewiss auf ihre Erziehungsresultate nicht allzu stolz sein; aber ßhne die ihr vom Engel anbefohlene Enthaltsamkeit wäre äer unbändige Simson noch viel unbändiger geworden. Gerade deshalb schärft sie allen Eltern die beherzigenswerte Lehre ein, dass Vater und Mutter mit der Erziehung ihrer Kinder bei sich anfangen müssen und dass zuweilen seitens der Mutter die Erziehung des Kindes zu beginnen hat, noch bevor es geboren wird. Das siebente Bild zeigt uns eine betende Frau. Tief in sich versunken, vergisst sie über dem nagenden Kummer ihre ganze Umgebung. Heisse Tränen rollen über die bleichen Wangen; aus ihren umflorten schwärmerischen Äugen spricht eine unstillbare Sehnsucht; weltentrückt weilt ihre Seele bei Gott, dem sie mit bebenden Lippen den geheimsten Wunsch ihres Innern vorträgt; sie betet mit solcher Inbrunst, ihr ganzes Wesen ist derart verklärt, dass wir uns der Gewährung ihrer Bitte versichert halten müssen. Es ist, H a n n a h, die andachtstrunken im Heiligtum zu Silo sich ihren Samuel von Gott erfleht. Diese Frau, welche Big Bibel zur. Diofrferin enter herrlichen Hymn«