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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Die Frauen der Bibel
Date
1902-12-26
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Zeitalters bezeichnet. Dem biblischen Ideal der. EKe entspricht nur die anf das ganze Leben sich erstreckende Verbindung des Mannes mit einer einzigen Frau, weil das Eheglück gegenseitige- Liebe zur Voraussetzung hat und weil der Mann ebenso nur eine Frau ernsthaft lieben, wie die Frau nur einem Manne ihr Herz schenken kann. Es ist hochbedeutsam, dass die Bibel uns das zweimal, und zwar gerade bei jenen zwei Männern sagt, welche als die einzigen zwei gleichberechtigte Frauen hatten, beim Patriarchen Jakob und bei Elkanah, dem Vater des Propheten Samuel. Im Hause des Patriarchen herrscht Eintracht, weil die zwei Frauen als Schwestern sich innig lieben; im Hause Elkanah's herrscht Zwietracht, weil die ungeliebte Frau ihre bevorzugte Nebenbuhlerin mit grimmigem Hass verfolgt. Am höchsten jedoch stellt die Bibel die Frau durch den Einfluss, welchen sie ihr im Hause und ganz besonders auf die Erziehung der Kinder einräumt. Ohne Frau gibt es,, weil keine Häuslichkeit, auch kein Haus;'sie ist wohl die Herrin, wie ihr Gatte der Herr des Hauses ist, aber sie ist doch mehr, denn sie ist die Priesterin, sie ist die Seele des Hauses. Mit einem Worte, zu den Vorzügen der in unserer Bibel glänzenden Frauen gehören nicht allein Schönheit und Anmut, gemütstiefe Frömmigkeit und keusche Gottinnigkeit, sondern auch Verstand, Urteil, Tat und Willenskraft. Eine Frau, die bloss schön, die bloss fromm gewesen, hat in der Bildergalerie unserer Bibel keinen Ehrenplatz gefunden; hier prangen nur jene, welche nicht allein schöne, sondern auch gute und kluge Augen haben. Von den ungefähr 100 Frauen, welche die Bibel kennt und nennt, ist kaum der vierte Teil der Ehre teilhaftig geworden, bald ein in Lebensgrösse ausgef ührtes Bild, bald eine in einigen kühnen und markigen Strichen hingeworfene Skizze zu erhalten. Wir können füglich diese Bilder und Skizzen in drei Gruppen teilen: die erste Gruppe bilden die Mütter grosser Söhne, die zweite an und durch sich hervorragende Frauen und die dritte die Gattinnen geschichtlich bedeutender Männer. I. Zu den Müttern grosser Söhne gehören in erster Reihe die Frauen unserer Patriarchen, und da steht die Stammmutter unseres Volkes, Sarah, obenan, nicht etwa, weil sie der Zeit nach die erste ist, sondern weil wir als Volk die Fähigkeit, im Alter wieder jung zu werden, von ihr geerbt haben. Was uns Juden als Basse auszeichnet, ist ein Erbstück Sarahs. Unser Stammvater Abraham war ein kühler, nüchterner Denker, auf den Frauenreize keinen besonders tiefen Eindruck machen konnten, und wenn er dennoch seiner Frau unterwegs, auf der Reise von Kanaan nach Egypten, Schönheiten sagt, ja, wenn er ihr das Geständnis ablegt, jetzt erst erkannt zu haben, dass sie ein schönes Weib sei, so ist das kein leeres Kompliment, sondern vielmehr ein Beleg dafür, dass diese Frau, welche trotz ihrer 70 Jahre Könige in Fesseln schlug, eine ganz ausserordentliche Jugendfrische besass. Eicht dass Sarah mit 90 Jahren Mutter wurde, ist das Bemerkenswerteste an ihr. Die Wiederverjüngung von Männern und Frauen im hohen und höchsten Alter ist wohl eine grosse Seltenheit, aber durchaus kein Gotteswunder. Die Marquise von Mirabeau, um nur ein Beispiel anzuführen, wurde in ihrem 82. Jahre krank und nach ihrer Wiedergenesung erhielt sie ihre blühende Frische, ihre Körperfülle und erschien mit ihrem ganzen weiblichen Wesen in die erste Zeit ihrer Jungfräulichkeit zurückversetzt. Was anSarah am meisten auffällt, ist dieTatsache, dass sie, nahe den Siebzig, mit ihrer Schönheit und ihrer Körperfrische über die Frauen und Jungfrauen Egyptens den Sieg davonträgt. Eine Frau, die in diesem Alter mit blühenden Jungfrauen wetteifern kann, deren Schönheit nauss der Ausfluss innerer Harmonie, der makellosesten Seelenreinheit sein. Ihrem Äeusseren entsprach ihr Inne- * res aufs Vollkömmenste. Und in der Tat: Sarah ißty we schon ihr Name besagt, eine Fürstin der Haltung und Grasinnung nach, eine geschworene Feindin aller Halbheiten, eine Frau, die einen begangenen Fehler nicht durch einen zweiten gutzumachen, sucht, sondern die gründlich aufzuräumen versteht. Nach der damals herrschenden Sitte wollte die kinderlose Frau dem Gatten ein Kind wenigstens erziehen, und sie machte den Versuch, ihm ihre, egyptische Sklavin zuzuführen. Kaum merkt jedoch Hagar, däss Abraham sie mit der Bücksicht behandelt, welche ein feinfühliger Mann der werdenden Mutter seines Kindes schuldet, lehnt sie sich auch schon gegen ihre Herrin auf und will ihr nicht mehr untergeordnet sein. Damit kam sie bei Sarah, die ein strenges Eegiment im Hause führte, sehr übel an; Sarah kehrte jetzt erst recht die Herrin hervor und Hagar in ihrer Widerspenstigkeit verlässt, freilich, um bald zurückzukommen, des Patriarchen Haus. Haite schon dieses Verhalten Hagars unsere Stammmutter davon überzeugt, dass es ein Fehler gewesen, die Sklavin dem Gatten aufzudrängen, so trat dieser Fehler in sedner ganzen verhängnisvollen Grosfee hervor, als sie1 zu der Erkenntnis gelangte, dass sie nicht allein, durch Hagar verhindert, auf die Erziehung Ismaels keinen Einfluss nehmen könne, sondern dass Ismael ihr die Erziehung des eigenen Kindes, die Erziehung Isaaks, mannigfach erschweren werde, und sie fasst den festen Entschluss, reinen Tisch zu machen. „Entlasse diese Sklavin und ihren Sohn, denn nicht soll erben der Sohn dieser Sklavin mit meinem Sohne, mit Isaak." Dieses so hart klingende Wort musste gesprochen werden, um den schweren Fehler, den Sarah begangen, wieder gut zu machen. Die Voraussetzung, dass Hagar ihren Sklavensinn ablegen werde, ist nicht eingetreten; da sie nun Sklavin geblieben, muss sie als solche entlassen werden, damit es ihr klar werde, dass weder sie noch ihr Sohn irgendwelche Gemeinschaft mit dem Hause des Patriarchen habe. Geben, schenken mag Abraham diesem Ismael so viel er will, und das hat er auch reichlich getan, doch fordern kann und darf dieser Ismael nichts, weil der von einer Hagar nicht allein geborene, sondern auch erzogene Ismael unmöglich in dem gleichen Sinne wie Isaak der Sohn Abrahams genannt werden kann. Diese Tat- und Willenskraft, wie Sarah sie entfaltet, hat einen klaren, weitausblickenden Verstand zur Voraussetzung, aber ebenso auch die Ueberzeugung, dass beim Kinde alles oder doch fast alle^ von. der Erziehung, und zwar von der Erziehung durch die Mutter, abhängt. Die Erziehung des jüdischen Volkes reicht bis zu Sarah zurück, und diese Tatsache ist es, welche Sarah vornehmlich zur Stammmutter der Nachlcommen Abrahams macht. Die zweite Frau in unserer Ahnen-Galerie ist Bebekka. Sie hat einen klassischen Frauenkopf, der leuchtenden Auges stolz um sich blickt. Mit jungfräulichen Beizen ausgestattet, die den alten Diener des Patriarchen derart in Verwirrung bringen, dass er bei ihrem Anblicke seine gut einstudierte Eede vergisst und zu stottern anfängt, zeigt sie Mut und Entschlossenheit. Der Stimme des Herzens vertrauend, erklärt sie, ohne Isaak zu kennen, ihn heiraten zu wollen. Sie wird getragen von. dem erhebenden Bewusstsein, dass sie die einzige auf Erden sei, die der Patriarchensohn zur Frau nehmen könne, ja nehmen müsse, wenn er das Vermächtnis seines Vaters ausführen will. Die Schwiegertochter Abrahams zu sein, das ist ihr grösster Stolz, ihr höchster Buhm; und nur, weil dieser Stolz später in empfindlicher Weise verletzt wurde, hat sie ihren jüngeren Sohn Jakob zu einer Tat veranlasst, die man bis auf den heutigen Tag ungerechterweise als einen frommen Betrug brandmarkt. Und doch hat die Bibel uns ein Wort auf bewahrt, mit welchem diese Rebekka ihr Vorgehen nicht allein entschuldigt, söndern geradezu als naturnotwendig

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