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Die Welt · 1902-12-26 · 52 (26.12.1902) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
52 (26.12.1902)
Article
Die Frauen der Bibel
Date
1902-12-26
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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Die Frauen ^dßr Bibel. Vertrag, gehalten in der Jüdischen Tojnbee-Halle in Wien am 14. Dezember 1902« Von Prof. Dr* Adolf Schwarz Rektor des jüdisch-theologischen Seminars in Wien. Wenn man die Dichter der verschiedenen Länder darüber, befragen wollte, welchelTation die schönsten und herrlichsten Frauen besitze, sie kämen samt und sonders in die allergrösste Verlegenheit. IJnd doch wird und muss jeder Nationaldichter für sich die Frauen seiner eigenen Nation als die trefflichsten der ganzen Erde besingen. Den Dichtem ergeht es wie den Ehemännern: dem begeisterten Gatten gefällt die eigene Frau, und dem national begeisterten Dichter gefallen die Frauen seines Volksstammes am allerbesten. Wenn man jedoch einem der vielen biblischen Sänger die Frage vorgelegt hätte, welcher Frau er den Preis zuerkenne, es wäre ihm ganz gewiss nicht in den Sinn gekommen, die Frage vom nationalen Standpunkte zu beantworten; er hätte ohne sich lange zu besinnen, all jenen Frauen nicht einen Preis, sondern eine Krone zuerkannt, welche es verstanden haben, das Erbe ihrer Stammmutter Eva ungeschmälert sich zu bewahren. Er hätte das umso ruhiger tun dürfen, als bei diesem seinem Schieds- und Eichterspruche die meisten Kronen doch in Palästina geblieben wären. Denn als einst im Auftrage Gottes eine himmlische Fee zur Erde niederstieg, um aus einem grossen Füllhorn ihre Gaben unter die Frauen zu verteilen, stellte sich unter den anderen auch die Zionstochter ein. Jede hatte einen besonderen Wunsch: die erste verlangte blendende Schönheit, die zweite bezaubernde Anmut, die dritte vollendeten Formenreiz, die vierte den schlanken Wuchs der Tanne, die fünfte griechisches Ebenmass, die sechste ein Gesicht nach den Eegeln des goldenen Schnittes, die siebente flammende Augen, die achte Eosenwangen, die neunte Perlenzähne, und die zehnte dichtes und langes rabenschwarzes Haar. Nur die Zionstochter blieb still und auf die Frage der Fee, ob denn in ihrem Herzen kein Wunsch sich rege, antwortete sie fast verlegen: „0, ich hege gar manchen stillen Wunsch im Herzen, aber du kannst mir keinen einzigen erfüllen; denn was du hier austeilst, sind Aeusserlichkeiten; ich jedoch strebe vor allem nach Innerlichkeit, und die vermag selbst Gott mir nicht zu schenken; was die Frau zur Krone der Schöpfung macht, keusche Gottinnigkeit, das kann sie nicht als Geschenk empfangen,, das muss sie selber sich geben." Die Zionstochter wollte also nichts Besonderes sein und nichts Besonderes haben; ihr Ideal war das vom Königsdichter besungene Weib, das bei aller Schönheit und Anmut den höchsten Stolz darein setzt, durch Weisheit, die in Gottesfurcht wurzelt, das Haus aufzubauen. Nicht aufräumen, nein, aufbauen muss die Frau das Haus; damit ist es am kürzesten und deutlichsten ausgesprochen, dass die Frau der Bibel kein orientalisches Weib in der allgemein verbreiteten Bedeutung dieses Wortes sein könne. Freilich, für wen es keine Semiten ausser uns Juden gibt, dem verkörpert auch die Jüdin das orientalische Weib, aber wem es um die Wahrheit zu tun ist, wer da wissen will, wie hoch das Volk der Bibel schon vor Jahrtausenden gestanden, der muss sich davon überzeugen, dass diese Juden nicht etwa ihre Frauen, sondern die Frau im allgemeinen in einer Weise verherrlichten, die bis auf den heutigen Tag von keiner Dichtkunst übertroffen wurde und bis an das Ende der Tage von keiner Dichtkunst übertroffen werden wird. Eva ist gewiss keine Jüdin, denn sie ist ja die Stammutter aller Menschen. Und wie schildert uns die Schöpfungsgeschichte diese Eva? Geradezu als ein menschliches Wesen höherer Ordnung. Denn während Adam aus Staub gebildet wird und mit seinem Körper den Tieren gleich unmittelbar der Erde entstammt, erscheint die aus «Laar Eippe de« Mannes gebaute Frau als ein plastische« Kunstwerk und, was noch mehr sagen will, als die Fortbildung, als die Weiter-Entwicklung des Mannes zu einem veredelten und verfeinerten Wesen. Man darf es nicht übersehen, dass diese aus Gottes Schöpferhand hervorgegangene Frau zunächst keinen Eigennamen hat. So lange sie die einzige ihres Geschlechtes war, war ja auch das Wort Frau kein Gattungsname, aber vor der Erschaffung der Frau gab es auch keinen Mann, sondern bloss einen Menschen. Die Bibel sagt keineswegs: es ist nicht gut, dass der Mann allein sei, sondern dass der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe schaffen, die sich für ihn eignet. Das will sagen, die Frau macht den Erdensohn in weit höherem Sinne zum Manne, als er sie zum Weibe. Erst nachdem Mann und Frau aus dem Paradiese hinausgeworfen wurden, erst nachdem der Frau Mutterfreuden und Mutterschmerzen in Aussicht gestellt wurden, gibt der Mann ihr den Warnen Eva: Mutter alles Lebenden. Nach biblischer Auffassung ist also die Bestimmung der Frau in erste? Eeihe die sittliche Veredelung des Mannes und erst in zweiter die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes. Daa muss man sich von vornherein klarmachen, um zu erkennen, wie unendlich hoch das Gottesbuch die Frau stellt. Ebenso muss man aber auch wissen, dass mit dem ersten Weibe der Glaube in die Welt gekommen. Der Schlange, die sie verführen will, erklärt Eva, Gott habe ihnen verboten, von der Frucht des Baumes mitten im Garten zu essen. Dieses Verbot stammt aus der Zeit, da Adam noch allein war. Eva hat es aus dem Munde des Gatten vernommen und gläubig, als ein göttliches angenommen. Freilich erscheint gleich die erste Frau mit jener dichterischen Phantasie ausgestattet, welche es ihr fast zur Unmöglichkeit macht, das Gehörte ohne Ausschmückung weiter zu erzählen; sie muss unwillkürlich aus dem eigenen etwas hinzufügen, und so wird im Munde Eva's das einfache Verbot zu einem doppelten; denn nicht allein sie zu essen, sondern auch die Frucht zu berühren hat Gott verboten. Echt weiblich. Was dem Munde der Frau für immer versagt sein soll, das darf sie auch nicht mit dem kleinen Finger berühren. Indes der Grundzug im Wesen Evas ist Gläubigkeit; die erste Aeüsserung der allerersten Mutterfreude auf Erden war inniger Dank gegen Gott. „Ich habe mit Hilfe Gottes einen Knaben erhalten," ruft Eva beim Anblicke ihres Erstgeborenen und nennt ihn Kain. Sie bleibt fromm und gottergeben trotz des bittersten Schmerzes, den dieser Kain durch die Ermordung Abels ihrem Herzen bereitet; sie wird zum drittenmale Mutter und nennt den dritten Sohn Seth zur Erinnerung, dass Gott ihr Ersatz für Abel gegeben. So hat uns die Bibel in Eva eine mit allen Vorzügen des Körpers und der Seele ausgestattete Frau gezeichnet, bei welcher das Gemüt vor dem Verstände vorwaltet, eine Frau, neben welcher an des Mannes Seite eine zweite keinen Platz findet. Wenn trotz alledem dieVielweiberei nur allzu bald um sich gegriffen, so ist das eben auf die Entartung der Männer zurückzuführen. Der erste Mann, der sich zwei Frauen genommen, führte den sonderbaren Namen Lemech, den Namen, der im jüdischen Volksmunde eine Mischung des Ungeschlachten und Stumpfsinnigen bezeichnet. Dieser Lemech war ein Unmensch, der sich für nichts und wieder nichts mit einem Doppelmorde belastet hat, während seine zwei Frauen Adah und Zillah feinsinnig und feinfühlig gewesen sein müssen; denn sie waren beide die Mütter von Söhnen, denen die Menschheit die ersten Anfänge nicht allein der Kultur, sondern auch der Kunst im allgemeinen und der Musik im besonderen verdankt. Die Bibel muss, weil sie der Frau einen hohen Platz anweist, die Vielweiberei aufs allerentschiedenste verurteilen; das tut sie auch unverkennbar, indem sie die beginnende Vielweiberei als den Anfang des sündflutlichen

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