Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Article
- Aus Versehen
- Date
- 1902-12-12
- Page
- 12 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316010-3326941--36280-3327025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 „Die a£ Welt" Nrv 50 leidig schaut er die Mutter an und spricht: „Lass doch, Mutter, klage nicht, als führte man mich zum Tode!" Daneben steht, den Arm auf die Schulter eines kräftigen Burschen gestützt, ein Alter mijt fröhlichem Gesicht, und lächelnd sagt er zum Mütterchen: „So lass doch, Tantchen, verbittere dem Burschen das Leben nicht mit deinen Klagen; schau her, auch ich habe nur diesen und gebe ihn zum Militär; ist er doch ein Moldauer, Tantchen, und du, Bursche,, hör' nicht drauf! So sind die Mütter nun einmal, möchten sich nie von den Kindern trennen. So ist das Herz: niederträchtig, und die Mütter sind zum Weinen da! Verheiraten sie ihre Kinder, so weinen sie; nimmt man sie zum ffilitär, dann weinen sie, immer und immer weinen sie, als hätten sie keine andere Aufgabe!" „Recht hast du, alter Trofin," mischt sich ein Bauer ins Gespräch, und' indem er die LammfeUrnüt/e in den Nacken schiebt, fährt er fort: „Was dem Menschen bestimmt ist, dem kann er nicht entgehen, was immer er tun mag. Tantehen, lass dir von mir das eine sagen — eins und ein Gutes —: Ist's deinem Sohne bestimmt, beim Militär zu sterben, dann wird er beim Militär sterben; und dann, ist's denn nicht besser, er schlagt sich mit den Türken, als dass er auf der Ofenbank krank liegt, dann bekommst du vielleicht noch ein Stückchen Erde." Aus einem Winkel schaut mit vor .Schrecken weit aufgerissenen Äugen ein zarter Junge her.-iu^, bekleidet mit einem langen Kaftan, der ihm bis zu den Knöcheln reicht, auf dem Kopfe einen zerdrückten, entfärbten Hut, unter welchem ein paar lange Ohren herausschauen, und daneben die Spitzen ungekämmter Sehläfenlöckchen. Seit zwei Stunden steht er unbeweglich auf demselben Fleck, blickt unentwegt auf denselben Punkt» mit demselben Ausdrucke der Angst in dem kränkliehen Gesichte. Es ist Itic sin Burah, der Sohn eines kraftlosen Greises. Seit seiner Kindheit, als er auf einem an einer Schnur um den Hals gehängten Brette Zuckerwerk auf den Strassen feilbot, hatte er angefangen zu sammeln. Gclogau') legte er zu Oologau, um dem Militärdienste zu entgehen. Während andere Kinder seines Alters, Söhne von Christen, lustig spielten, so fröhlich, als eben nur Kinder können, durchstreifte I'c\<jd Sohn des Bäckers Buiah, die Strassen der Stadt, von der Sonne gebrannt und vom eisigen'' Winde gepeitscht, und rief mit wehmütiger Stimme seinen langgedehnten Vers: Kaufet, Kinderchen klein Zuckerwerk billig und fein. Und bei jedem Schritte und bei jedem Hufe fühlte er das Schreckgespenst zurückweichen, das sein Leben verdüsterte; die Soldatenzeit, die sich sein erschreckter Sinn unter dem Bilde eines strengen Offiziers vorstellte, der in der einen Hand einen gezückten Säbel hielt, in der anderen aber ein bärtiges Haupt mit langen Sehliifenlocken und einer Jarmuka über den Augen. Mit Süssigkeiten und später mit anderen Waren hatte Itic sin Burah bis zur Zeit seiner Stellung etwa 2000 Lei gesammelt. Diese Summe genügte, um ihn zu befreien. Sein Vater, der Bäcker, hatte alles vorbereitet. Er hatte sieh mit Pirlescu verstündigt; er sollte ihm 800 Francs geben; dem Arzte Garabet hatte er bereits eine Anzahlung von 200 gegeben und musste ihm noch weitere 500 bringen am Tage der Assentierung. Der Bäcker Burah war glücklich; er sah seinen Sohn von jeder Not erlöst, verheiratet, in seinem Krämerladen von Kinderchen umgeben. An jedem Morgen sprach er vor beim Bankier Avramovici, bei dem sein Geld lag, und dieser öffnete, um ihn zu beruhigen, den eisernen Geldschrank und zeigte ihm sein Geld, das in einem Umschlag verwahrt war. Mittwoch traf die Kommission in der Stadt ein; Montag musste Burah Pirlescu 800 Lei aufzählen; Sonntag war der Bankier Avramovici nach Amerika durchgegangen. *) Volkstümliche Bezeichnung für eine klein© Münz«. Aus Aerger wurde Burah krank. Er musste zu Bett. Itic sin Burah war verloren: er hatte nicht mehr die Mittel, um sich freizumachen. Deshalb stand er seit zwei Stunden im Eingang der Präfektur unbeweglich auf demselben Fleck und starrte unentwegt auf denselben unbestimmten Punkt mit demselben Ausdrucke der Angst im krankhaften Gesicht, während sein Freund Burah sin Itic, im Bewusstsein der bezahlten Schuld, ruhig die Leute ansah und nicht begreifen konnte, wieso jemand so traurig sein kann — wegen der Assentierung. Itic sin Burah erbebt. — Er weiss es nicht bestimmt, doch ist ihm, als hätte man ihn gerufen. Ja, man hat ihn ins Kommissionszimmer gerufen und von allen Seiten hört man Stimmen: Itic! Itic! Itie! du wirst ge-. rufen. Und Itic tritt mechanisch ein, wie eine Puppe. Seit mehreren Minuten drückt der Arzt das Ohr an Itics Brust;v er hämmert; er lässt ihn husten. Dann sieht er den Oberst an, macht eine verächtliche Kopfbewegung, hämmert noch einmal und ruft schliesslich: Untauglich! Er wendet sich an den Schriftführer und diktiert langsam, damit er nicht irrt : Infiltration der linken Lungenspitze. Oberst, Präfekt ruid Delegierter des Bezirksrates besprechen sich leise. Pirlescu möchte Itic nicht freigeben; er schaut ihn ungläubig an und flüstert dem Oberst zu: „Schaut der aus wie ein Lungenkranker?" Der Oberst regt sich etwas auf. Pirlescu gibt nach. Freigesprochen; gut zum Ersatzdienst! erklärt der Präfekt. Pirlescu setzt sich unzufrieden auf seinen Platz. Als Burah sin Itic an die Beihe kam, war der Doktor nicht mehr so minutiös in der Untersuchung. Kaum hatte er ihn berührt, als er ihm auch schon auf die Schulter klopfte und mit dröhnender Stimme'rief: „Tauglich!" Der Präfekt und Pirlescu wechselten die Farbe. Wie, Burah sin Itic ist tauglich? Burah sin Itic figuriert auf der Liste Pirlescus mit 1500 Lei und Itic hat ihm versichert, dass er dem Doktor 1000 Lei gegeben, und jetzt soll Burah zum Militär genommen werden, während Ttic siri Burah, dessen Namen in der Liste mit einem grossen Fragezeichen bezeichnet ist, frei werden soll? Das ist unmöglich. Der Präfekt interveniert. „Herr Doktor, ich glaube, Sie täuschen sich; ich weiss es vom behandelnden Arzte des Mannes genau, dass, er ein Herzleiden hat; bitte, untersuchen Sie ihn nochmals." „Gerne, Herr Präfekt, gerne." Nach einer neuerlichen, etwas längeren Untersuchung hält der Doktor seine Meinung aufrecht. Tauglich! PMescu nähert sich Burah und sagt dem Doktor: „So schauen Sie ihm doch ins Gesicht, der ist ja verloren; er ist mager wie ein getrockneter Fisch." „Ah, er wird 10 Tage gefastet haben," meint der Doktor lächelnd. Der Präfekt wendet sich an den Oberst: „Ich glaube, wir müssen den Mann für ein Jahr zurückstellen." Der Oberst sträubt sieh. Eine Diskussion entsteht. Endlich schreit er erregt: „Ich nehme ihn auf meine Verantwortung!" So war alles zu Ende. Burah sin Itic war genommen durch ein Versehen des Doktors, der statt Itic sin Burah Burah nn Itic bekreuzt hatte. Der Doktor hatte eine Entschuldigung. Die Namen >vafen zu ähnlich. IV. Itic, der Vater des Burah, provozierte einen unerhörten Skandal. Als er sich betrogen sah, stürzte er in das Kommissionszimmer, spuckte den Doktor an und Pirlescu und heulte: „Ihr Diebe, ihr Räuber, 2800 Lei habt ihr von mir genommen, meinen Sohn freizumachen; ihr Diebe, ihr habt mich unglücklieh gemacht, Diebe, Diebe! ..." Ein fürchterlicher Skandal. Erst nachdem der Präfekt ein wenig zu sieh gekommen, erschien der Polizeichef. Er stopfte Itic das Maul. In Püffen