Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Article
- Aus Versehen
- Date
- 1902-12-12
- Page
- 13 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 50 „Die j*t Welt« Seite 13 führt* man ihn auf die Polizei. Dort wurd« er erst mit dem Ochsenziemer bearbeitet, dann mit einem Protokoll der Staatsanwaltschaft übergeben. Der Staatsanwalt ordnete eine Untersuchung an, und nach dreimonatlicher Präventivhaft wurde der arme Itlc zu einem Monat Gefängnis verurteilt — wegen Amtsehrenbeleidigung. Das amerikanische Eldorado! Jahr für Jahr wandern viele lausende armer Juden nach dem Lande des Goldes, der Freiheit und des Rechtes, nach Amerika; und Tag um Tag kommen Nachrichten aus dem Ideallande, dass das Elend ins Unsagbare wächst, dass Krankheit und Not sich in den Ghettis Amerikas, namentlich New-Yorks, festgesetzt haben und durch jeden Trupp neuer Ankömmlinge, d. h. neuer Konkurrenten vermehrt werden. Die Hoffnung, Erwerb zu finden, zieht die Massen hinaus Warnungen sind nutzlos, die Schilderung des hundertfältigen Elends wird ungläubig aufgenommen und verliert jede abschreckende Wirkung, wenn ein einziger von den Auswanderten Geld in die Heimat schickt und von seinem Wolergehen berichtet. Der geringste Anhaltspunkt, die leiseste Veranlassung von drüben setzt ganze Gegenden in Bewegung und verursacht^ Massenauswanderungen, d. h. eine Kette von Leiden und furchtbaren Entbehrungen. Gewissenlose Auswanderungsagenten haben leichtes Spiel bei einem Proletariate, das, ausgehungert und verzweifelt, von dem Gedanken beherrscht wird, es könne nicht schlechter werden, wo und wie es auch sei. Wer aber die Verhältnisse in Amerika kennt, dem wird es als eine unglaubliche, erschreckende Tatsache erscheinen, dass es Menschen gibt, die sich hinaussehnen und unter den schwersten physischen und psychischen Opfern — und der Abschied von den Stätten der Kindheit, von den Gräbern teurer Verblichener ist für den Juden immer ein schweres Opfer — ein wenn noch so grosses Elend in Europa mit dem unmenschlichen Dasein eines New-Yorker Ghetto-Juden vertauschen wollen, Jakob A. Riis schildert in einem jüngst erschienenen Buche „How the other half lives"*) das Leben und Treiben in der New-Yorker Judenstadt. Die Dichtigkeit der Bevölkerung daselbst übertrifft die aller anderen Teile New- Yorks und selbst Londons um einen sehr hohen Perzentsatz, da die dichtest bevölkerten Teile Alt-Londons die gewiss beträchtliche Zahl von 175.000 Einwohnern auf einer Quadratmeile vereinigen, während auf demselben Räume der Judenstadt von New-York aber 330.000 Menschen zusammengepfercht sind. Es kann daher nicht wundernehmen, wenn alle sozialen Missstände, die das Massen quartierleben stets im Gefolge hat, auch hier in schärfstem Masse zutage treten und die Grundsteine zur moralischen und physischen Verkümmerung bilden. Der Autor des genannten Werkes führt als eines von vielen Beispielen an, dass in einem Hause, in welchem die Blattern ausgebrochen waren, 36 Familien wohnten, die nicht weniger als 96 Kinder unter 5 Jahren und davon 58 B a b i e s aufzufüttern hatten. Welche Wirkungen eine ansteckende Krankheit in einem solchen Falle haben muss, lässt sich leicht denken, l'älle, wie einer aus der Essex-Street berichtet wird, dass in zwei kleinen Räumen Vater, Mutter, zwölf Kinder und sechs Aftermieter wohnen, dürften selbst in dieser Welt des tiefsten Elends zu den Seltenheiten gehören; dass sie aber vorkommen, dass sie von der Sanitätspolizei gekannt und dennoch nicht gerügt oder geändert werden können, ist für den Tiefstand der allgemeinen Lage in der Judenstadt bezeichnend. Es gibt kaum irgendwo in der Welt eine schlechter bezahlte Klasse, was durch den anhaltenden Zuzug neuer *) New-York, Charles Scribner's Sons 1902. Arbeitskräfte aus dem Osten leicht zu erklären ist. Es wandern — die letzten 5 Jahre betrachtet — im Durchschnitte 25.000 Juden jährlich nach Amerika aus, von denen mehr als 70 Perzent in New-York bleiben. Fast die Hälfte davon verlangen und erhalten auch von jüdischen Woltätigkeitsanstalten Hilfe, die ihnen wohl für eine Zeit mitzukämpfen gestattet, sie aber vor dem Zugrundegehen nicht bewahren kann. Das Heer der Arbeitslosen, der Preisunterbieter, der Hungernden ist zu gross; zu denen stossen noch diejenigen, die nicht mehr arbeiten können. Sie haben ärger denn irgend ein Tier gearbeitet, dabei zusammengepfercht wie die Tiere, von der knappsten und schlechtesten Kost gelebt, nur darauf bedacht, ihren Verdienst zu sparen, bis sie zusammenfallen, elend, krank, arbeitsunfähig. Die Mittel waren bald erschöpft, das elendste Hungerproletariat der Welt hat wieder neuen Zuwachs erhalten. Dürftigkeit und Armut sind überall mit Schmutz und Krankheit verbunden, die Judenstadt bildet keine Ausnahme. Der Leiter der Armen-Apotheke, welche inmitten des Bezirkes ist, der all dieses Elend mitlebt, bezeichnete als die Ursachen der Krankheiten unter den Juden nicht deren Unmässigkeit oder Unmoral, sondern ihre Unwissenheit, den Mangel an passenden Nahrungsmitteln und die schlechte Luft, in der sie leben und arbeiten. Die Wohnungen sind hier gleichzeitig die Werkstätten. Tausende Nähmaschinen sind vom frühesten Morgen in Bewegung, bis Gehirn und Muskeln nachlassen und totale Erschöpfung eintritt. Jedes Glied der Familie vom jüngsten bis zum ältesten arbeitet von früh bis nachts, eingeschlossen in rauchigen Räumen, wo die Mahlzeiten gekocht, die Wäsche gewaschen und getrocknet und wo geschlafen wird. Es ist nichts Ungewöhnliches, zwölf Personen, Männer, Weiber und Kinder, in einem einzigen kleinen Zimmer an der Arbeit zu finden. Dass unter solchen Umständen Typhus und Blattern ständige und beharrliche Gäste in der Judenstadt sind, ist leicht begreiflich. Die Sanitätsbehörden sind immer scharf auf der Suche nach den zahlreich versteckten Fiebernestern, was umso begreiflicher erscheint, als mehr als die Hälfte der Kleider und Anzüge, die in den grossen Geschäften zum Verkaufe gelangen, in solch ungesunden, bazillenschwangeren Räumen erzeugt werden. Die Judenstadt wird deshalb bezeichnenderweise bei der Sanitätsbehörde der Typhus-Bezirk genannt; im Toten-Registrier- Amte heisst sie „Selbstmörderviertel", die Polizei nennt den X. Bezirk „Galgenre vi er" oder „Schleichwegebezirk", wegen der Unzahl von Schlupfwinkeln, die New-Yorks Dieben, Hehlern und ähnlichem Gelichter als sicheres Versteck vor der verfolgenden Polizei dienen. Hier in diesen Gassen und unterirdischen Löchern enden die Schicksale so vieler, die mit frohem, hoffnungsreichem Gemüt nach langem mühevollem Wandern gelandet sind, die redlich und unermüdlich gekämpft haben, bis sie zusammengebrochen sind. Ohne Fach- und Sprachkenntnisse haben sie sich in den wilden Konkurrenzkampf gestürzt, auf ihr Gottvertrauen, ihren Fleiss und ihre Ehrlichkeit bauend; sie wurden zermalmt.—Opfer der Heimatlosigkeit und des Unglücks eines verfolgten, nicht geeinigten Volkes, das aufjauchzt, so oft auch nur ein Lichtschein von Freiheit und Duldung sich auf seinem trüben Himmel zeigte, das alles Leid vergisst, alle Erfahrungen missachtet, wenn man ihm nur ein wenig Menschlichkeit und Gerechtigkeit vorgaukelt. Gewiss, auch im New-Yorker Ghetto gibt es Frohsinn und Freude und stilles Familien glück; manchem ist es gelungen, sich im Laufe der Jahre eine Existenz zu erringen, Tanzschulen und Theater finden ihr Publikum. Wer will sich aber hiervon blenden lassen? Wer kann über die Hungernden und Verhungerten, über die Kranken und Krüppel, über die Strauchelnden und Gefallenen hin-