Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 50 (12.12.1902)
- Article
- Aus Versehen
- Date
- 1902-12-12
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3315959-3316010-3326941--36279-3327024- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 50 „Die # Welt" Seite 11 er noch eine Weile, dann zieht er seine schmierige Geldtasche aus der Tasche des Kaftans, entnimmt derselben fünf Scheine und streckt sie dem gnädigen Herrn Jancu hin. „Bitte, 500, morgen gebe ich Ihnen den Rest." Herr Janen siteckt das Geld in die Tasche. „Bring' morgen den Rest. Vergiss nicht, dass übermorgen die Assentierung stattfindet!" Sehr ehrerbietig grüssend, entfernte sich Itic. Der Herr Jancu Pirleseu war eine bedeutende Persönlichkeit. Sohn eines Popen in der Gegend von Vaslui, war er vom seligen Popen Pirlea zum Erben seiner Stellung bestimmt worden. Nach mühseliger Absolvierung der vierklassigen Volksschule trat er ins Seminar ein. Aber nach Socola kam Pope Pirlea nicht mehr mit dem Rucksack voll Kuchen und Obst für die Lehrer — nicht etwa, dass die hier nicht zugänglich gewesen wären, aber es war ihm zu weit — und so kam Jancu nicht von der Stelle und blieb ein Jahr zurück und blieb ein zweites Jahr zurück und als er sah, dass er auch zum drittenmale sitzen bleiben werde, ging er ganz einfach zu Beginn der Sommerprüfungen aus dem Seminar durch und sagte es dem Popen keck ins Gesicht: wenn er ihn auch totschlage, ins Seminar gehe er nicht zurück. — Und Pope Pirlea prügelte ihn so fürchterlich, dass die Fama dieser Prügel bis zum Oberpfarramte gelangte; Jancu aber hielt Wort und band das Buch an den Zaun. Wie jeder Rumäne, der sich achtet, fand auch Jancu für sich eine Anstellung beim Staate. Erst Hilfsnotar bei der Gemeinde, wurde er bald auf Betreiben des Subpräfekten, der sich mit der Frau des Popen gut verhielt, Notar und nach einigen Jahren sogar Gerichtsschreiber; das war das Ideal seiner Kinderjahre gewesen. Aber der Sohn des Popen Pirlea war ehrgeizig. Kaum war er Schreiber, erstrebte er das Sekretariat. Was er getan, weiss nur er: er wurde Gerichtssekretär. — Heute schmeichelt man einem Abgeordneten, morgen erweist man einem Senator einen Gefallen; bald dies, bald das, kurz, es dauerte nicht lange und unf'er Jancu war stellvertretender Richter, dann Richter, Gerichtspräsident und neun Jahre, 'nachdem er als Kopist die Schwelle des Tribunals übertreten, war er stellvertretender Richter am Appellgerichte in Focsani. Pope Pirlea konnte so viel Freude nicht erleben und gerade, als ihm das Leben am schönsten schien, starb er. Man musste sehen, was Jancu in Focsani trieb! Immer in Damengesellschäft, war er ein bekannter Herzensdieb. Die Frau eines Ingenieurs, ein lebhaftes mageres Weibchen, war bald sein und wenn sie ihn auf dem nach rumänischer Art bespannten Dog-Cart vorbei jagen sah, konnte sie sich nicht halten. — Doch, wie eigen ist der Lauf der Welt! Hoch, sehr hoch war Jancu Pirleseu gestiegen, fo hoch, dass die alte Pirleseu^ wenn sie ihren Sohn, die Sonne der Familie Pirleseu, anschauen wollte, ihre Augen mit der Hand beschattete, damit sie nicht geblendet werde. Doch in einem einzigen Augenblicke zerstörte ein königliches Dekret, eine Unterschrift am Rande eines Bogens, wie ein allverwüstendes Erdbeben, das Piedestal, auf welches sich der Sohn des Popen Pirlea im Laufe so vieler Jahre durch Demütigung und Speichelleckerei geschwungen hatte: man hatte ihn fortgejagt! Was er jetzt beginnen wollte? Advokatur und Politik wirken in diesem Lande Wunder, besonders wenn man es versteht, des Präfekten Gunst zu erringen. Als itic nach Hinterlassung von fünf Scheinen fi 100 Lei Pirlescus Haus verliess, setzte sich der Advokat an meinen Schreibtisch und entnahm demselben ein Notizbuch. Auf einer Seite desselben stand: „Rekrutierung 1894" mit folgenden Aufzeichnungen : Fisel Con 2000, wenn er befreit wird; 1000 wenn er verschoben wird. Srul Mittelmann, 2000. Jancu Vax, 8Ö0 (Aufschub). Leibu Äxelrad, 500, Sohn einer Witwe. Huna Harabagiu, 1000. Itic sin Burah? Mendel* Margulis 1500. Natan Volfinger, Bankier, 4000 Lelr. Der Name Natan Volfingers, der die Liste abschloss, war zweimal unterstrichen und die Zahl ^,4000" war mit einer sehr sorgfältig gearbeiteten Zierleiste umgeben. . . . 11 800, rechnet Jancu in Gedanken; dazu 1500 von Burah sin Itic: macht 13 300; und nehme ich noch 500 von Itic sfn Burah: sind es 13 800. Sagen wir also 14 000. Macht pro Kopf 7000. Pirlescus Gesicht erhellt sich zauberhaft und die Augen zur Decke gerichtet, den Schnurrbart zwischen den Zähnen kauend, lehnt er sich weit zurück, streckt die Füsse vor und macht so den Eindruck eines Frosches, der von einem Wagenrade zerquetscht wurde. IL Der Assent-Arzt Garabet Maximoviei bewohnt das Zimmer Nr. 7 des Hotel „Rumänische Eisenbahn". Es ist 7 Uhr morgens am Tage der Rekrutierung. Unruhig geht er im Zimmer auf und ab; von Zeit zu Zeit wirft er einen Blick auf eine Liste, die er jedesmal aus der Tasche seiner Tunique zieht. Es ist die Liste derer, die er „krank" finden soll, „untauglich" zum Militärdienst. An der Spitze steht STatan Volfinger mit 3000 Lei. Dann folgen: Margulies Mendel, Axelrad Leiba, Itic sin Burah, Cohn Fisel ... Es sind dieselben Namen, die auf der Liste des Herrn Pirleseu gestanden, der als Delegierter des Bezirksrates der Assentkommisdon angehörte. Der UnterscHied zwischen den beiden Listen war, dass in der Liste des Arztes der Familiennamen zuerst stand, wie beim Militär. Im engen Vorzimmer hört man gedämpfte Schritte eines Schüchternen. Jemand bleibt vor der Türe stehen und klopft an. „Herein!" ruft der Arzt. Langsam wird die Tür geöffnet und Itic wird sichtbar. Mit einer grossen Fertigkeit zieht er den Hut so, dass das Käppchen am Kopfe bleibt. „Küss* die Hand," sagt er demütig und streckt ohne ein weiteres Wort dem Doktor ein Kuvert entgegen, aus welchem die Ecken einiger Banknoten hervorstehen. „Von wem?" fragt der Doktor barsch. „Burah sin Itic," antwortet der Kaufmann mit erlöschender Stimme. Der Arzt zählt erst die Banknoten. Es sind fünf Hunderter. Dann zieht er die Liste heraus und murmelt: Volfinger Natan, Margulis Mendel, Axelrad Leibo, Itic sin Burah . . . Das ist er, murmelt er, und macht rechts von Itic sin Burah ein Kreuz. Dann wendet er sich zum Kaufmann: „Es ist gut, Sie können gehen." „Herr Doktor", versucht Itic zu sprechen. „Alle Haben vollbezahlt," murmelt er vor sich hin, „nur einer nicht, der Herr Burah sin Itic. Dem besorg' ich's schon! Das Herrchen meint wohl, mich foppen zu können!c* III. Das „Palais" der Präfektur ist belagert. Hunderte von . Leuten, Bauern und Juden, drängen sich in den Sälen und warten, dass an sie die Reihe komme. Von Zeit zu Zeit wird die Türe ' des Zimmers geöffnet, in welchem die Assent-Kommission arbeitet, und der heisere Ruf eines Türf.tehers macht die Herzen der besorgten Menge erzittern. In einem Winkel weint und klagt ein altes Mütterchen. „Of! Of! Mutters teurer Liebling, wie brennt mein Herz. Man wird dir deine Locken abschneiden, mein Teurer, und du wirst dein Mütterchen auf der Strasse lassen . . . of! of! Warum lässt Gott nicht eine Sündflut kommen, dass ich mit dir zusammen sterbe! Of! Dass ich nicht ohne Stütze auf der Strasse liegen bleibe! Öf! Mutters Liebling, of!" Und der Bursehe trocknet sich mit dem Aermel seiner Jacke eine Träne, die sich in seinen Augenwinkel gestohlen, und mit-