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Die Welt · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Article
Jetti Laufers Kauler
Date
1902-12-05
Page
12 (sequence 3)
Language
German
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Seite 12 &mm&;imR» tä. 4ö ganz einfach ein Unikum, wie gesagt, und man stelle sieh gefälligst die Gemütsheiterkeit vor, mit der erst Jetti Laufer sich auf den Chalemoid freute. Als sie zu einer glüekvollen Stunde das Dutzend Nüsse kaufte, unter denen sie diesen Kauler vorfinden sollte, ohne Ahnung, dass ihr ein solcher in den Schoss fallen würde, da mag es ein solcher Augenblick gewesen sein, wie wenn man unter seinem Geld — es gibt ja Menschen, die welches haben — einen Taler findet und plötzlich die Entdeckung macht, dass es ein Hecktaler ist. Aber ob es wirklich Hecktaler gibt, steht nicht fest und wird vielleicht nicht mit Unrecht angezweifelt. Dass aber Jetti Laufer niemals ihren Kauler warf, ohne zu treffen und zu reissen, dessen versichert mich mein Gedächtnis aufs gewisseste. Ihr Kauler „sprang" nie und „flog" nie und wenn die Reihe an Jetti Lauf er kam, wenn sie das kurze ärmliche Kleidchen zusammenraffte und mit lächelnder Ruhe zu „schwingen" begann, so war es „tote GewissKeit", dass sie streichen werde. Es war ein Fatum, und dem Fatum beugten wir uns mit schweigsamer Resignation . . . Tränen tiefer Genugtuung treten mir ins Auge, so oft ich daran denke, dass Jetti Lauf er in ihrem Kauler etwas hatte, was wir alle andern nicht hatten, und dass sie um diese eine Freude reicher war als die anderen Kinder. Denn an allen anderen Freuden war sie bitterarm. Die Köstlichkeit einer gelungenen Schabbeskugel hat sie schwerlich jemals kennen gelernt und vom Wohlgeschmack der Scholet-Eier konnte sie sich nur aus der Ungeduld eine Vorstellung machen, mit der man ihr entgegensah, wenn sie die besagten Eier am Sabbat vom Backhaus in die Häuser trug. Sie war so gefällig und anstellig und widmete jedermann gern ihre Aushilfe. Doch ich will hotten, dass sie bei diesen Gelegenheiten das eine- und das anderemal ein solches Brat-Ei zu kosten bekommen haben wird. Ich glaube, auch ihre Eltern haben sich s als ein Stttck Besitztum, als ein Etwas angerechnet, wodurch sie t|as Schicksal für ihre grosse Armut einigermassen schadlös halten wollte, dass ihre Jetti diesen niemals fehlenden Kauler l>esass und dass sie niemals anders vom ISTussenspiel nach Hause kam, als mit strotzender Tasche und mit einem grossen Lachen auf den gekniffenen, schmalen, blutleeren Lippen. Wir kamen oft in ihr verfallenes Lehinhansehen, das für uns Kinder nicht wenig Bedeutung besass, denn es beherbergte Jetti Laufers Kauler. Die Stube mit dean grubigen Lehmboden und den zwei düsteren Fensterlöehem wäre traurig genug gewesen, wenn es nicht eben die Behausung von Jetti Laufers Kauler gewesen wäre. Um hölzerne Stützen musste man sich herumwinden, die die einsinkende Zimmerdecke vor völligem Einsturz bewahren sollten. Diese tief herabhängende Zimmerdecke hatte Jetti Laufer ober ihrem Haupte, wenn sie schlief. Und doch legte sie sich nie anders als in heiterer Zufriedenheit nieder. Denn sie hatte ihren Kauler. An Sabbaten im Winter pilgerten wir zu ihm, um ihn nach langer Zeit wieder einmal zu sehen und — wenn sie nichts dagegen hatte — in die Hand zu nehmen. Jetti Lauf er hatte eine grosse Sehachtel. In dieser Sehachtel lagen ihre Sehätze: Verblichene Bänder, Kettchen und Ringelchen, Spiegelchen und Knöpfe, in zahlreichen kleinen Schächtelehen verwahrt. Und gleichfalls in einem Schächtelchen lag der Kauler. Es war ein bedeutender Augenblick, wenn sie von diesem Schächtelchen, ohne ein Wort zu verlieren, feierlich den Deekel abhob und der auf Watte gebettete Kauler sichtbar wurde, gelb wie Olivenöl und glänzend von jahrelangem Gebrauch. Ein Lachen überflog dabei ihr mageres blutloses Gesichtchen, in dem hunderte von blauen Aederchen sich schlängelten und zwei grosse wasserblaue Augen wie Glaskugeln hervorstanden. Bei diesem Lachen schmunzelte auch Reb .Schime, ihr Vater, und Regj Lauf er, ihre Mutter, war gleichfalls ausserordentlich. glücklich . . . Auf zweierlei Weise nehmen die Dinge dieser Welt Abschied vom irdischen Dasein: sie! sterben eines natürlichen oder eines gewaltsamen Todes. Und zwar'könnte man sämtliche Wesen in zwei grosse Klassen einteilen, je nachdem bei ihnen der natürliche oder der gewaltsame Tod Regel und Bestimmung sei. Ein Kauler nun müsste, der Art zufolge, in der er gewöhnlich endet, in jene zweite. Klasse eingereiht werden, da es ihm meist versagt ist, die Lebenstage, die die Natur ihm zugedacht, vollständig auszuleben und erst bei völlig eingetretener Erschöpfung der Kräfte sanft zu entschlafen, etwa so, dass er in der betreffenden Schicksalsstunde seine beiden Schalen, von Altersschwäche übermannt, auseinanderklaffen lässt und die Seele in die Luft verhaucht. Denn gewöhnlich wird ein Kauler noch in seines Lebens Blüte aufgeknackt und aufgegessen. Wenn aber jemals ein Kauler die Aussicht hatte, das höchste Kauleralter zu erleben und ausnahmsweise eines ehrbaren Naturtodes zu sterben, so war es Jetti Laufers Kauler. Drei oder vier Jahre besass sie ihn schon — ein. unerhört langes Lehen für einen Kauler, auf Ehre! — und wenn er dann eines Tages auf die oben dargestellte natürliche Weise verscliieden wäre, so hätte sie ihn wahrscheinlich mit manchen Tränen wohl beweint, im übrigen aber sich bald mit dem Gedanken an seine lange segensreiche Wirksamkeit getröstet und hätte seine olivengeiben Schalen mit versölmtem Schmerz in ihrer Schachtel verwahrt, schon an diesen Reliquien eine Quelle der Tröstung besitzend. Aber es sollte anders, schrecklich anders kommen. Es war ein wunderschöner Chalemoid an diesem Sukkothfeste. Die Sonne schien warm, der Himmel lachte uns ermunternd zu und wir zogen aus, einen Platz für unser Nussenspiel aufzusuchen. Pinkas Schwarz machte den. Vorsehlag: „Gehn wir ins tiefe Gassei Und wir strömten wirklich ins tiefe Gassei. Es gab zwar einen anderen Platz im Dorfe, der, was Ebenheit und Glätte des Bodens anbelangt, nicht zu übertreffen war an Tauglichkeit für das ISTussenspiel. Und das tiefe Gassei kam erst lange nach ihm. Dies war der breite Weg neben dem langgestreckten Hofe des Marzin Chorwat in den „Budjowizes". Aber Marzin Chorwat — o, mein unvernünftiges Gedächtnis, wie lange wirst du noch diese widerwärtige Missgestalt beherbergen? — war ein gar grauslicher Geselle. Wir Judenkinder brauchten nicht erst in die Welt zu ziehen, um das Gruseln zu lernen. Marzin Chorwat sorgte dafür, dass wir daheim bleiben und es doch gründlichst erlernen konnten. Wir wichen dem schadenfroh-bösen Blick dieses Dorf-Hamans angstvoll aus, wenn wir ihn wo kommen sahen. Einmal, da hatten wir ahnungslos vor seinem Hofe auf dem guten breiten Wege die Reihe aufgestellt. Da kamen Steine geflogen, die siclr's nicht gerade besonders angelegen sein Hessen, schonend einen Umweg um unsere Köpfe zu nehmen. Ja, man darf nicht vielleicht glauben, dass es ein Leichtes war, so einen geeigneten Spielplatz aufzufinden, auf dem wir zugleich sicher genug gewesen wären. Herr Winter, unser Lehrer, pflegte unsern Missmut damit zu besehwichtigen, dass er sagte, dies müsse nun einmal so sein, da wir doch im „Gules" sind. Dereinst, wenn uns Gott erhört haben wird, würden wir mit freiem Atem Nüssen spielen können. Möge dieser Tag nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen! Im „tiefen Gassei" war übrigens die herrlichste Rahe und Einsamkeit. Wir beglückwünschten Pinkas zu seinem glückliehen Einfall. Es war nur das herbstliche Laub, das die Spielbahn bedeckte, wegzufegen, was unsere Sacktücher im Handumdrehen bewerkstelligten. Schon war die Reihe gestellt: eine lange Reihe, dass uns das Xerz im Busen lachte. Meine Wenigkeit war schon ausgegangen. Auch Pinkas Schwarz war schon ausgegangen und — wenn

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