Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Article
- Jetti Laufers Kauler
- Date
- 1902-12-05
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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m. m ,DIe<>& Welt* Seite 11 Beginn des Spieles sind ^uch die Hoffnungen am höchsten, wie mancher meiner Leser ans seiner eigenen Erfahrung wissen dürfte. Denn hierin unterscheidet sich das Nussenspiel nicht im mindesten vom Kartenspiel.; Der Vorschlag, drei Nüsse einzusetzen, wird allseitig mit grosser Bereitwilligkeit angenommen, wiewohl drei Nüsse schon die Hälfte jener Menge ausmachen, die man für einen Kreuzer bekommt, und wiewohl* es nur wehige in der Kinderschar geben dürfte, die mehr als einen Kreuzer zum Nussenspielein bekommen haben. Und das nur dem Chalemoid (Chol Hamoed, Halbfeiertäge) zuliebe, wo bekanntlich gespielt werden muss und nicht nur von den Kindern. Denn nicht nur Nüsse, auch Karten hat der liebe Gott geschaffen oder wenigstens bei ihrem Entstehen beide Augen zugedrückt. Die Einsätze werden also eingesammelt — „Dolphi, Netti, Kubi, einsetzen!" — und quei* über den Gehweg auf den Boden aufgereiht. An die Spitze der Reihe aber, auf der linken Seite der Reihe, muss die „Kose" gestellt werden. Dies ist nun wieder ein Ding, von dem nicht sämtliche Völker der Erde wissen dürften. Die „Kose" ist eine von den eingesetzten Nüssen. Aber nicht eine beliebige! Eine Nuss, die eine „Kose" vorstellen will, muss gleichfalls ihre Qualitäten haben. Sie muss erstens einen ansehnlichen Leibesumfang haben, sie muss zweitens auf einer Seite recht glatt und breit sein, um gut auf dem Erdboden aufstehen zu können. Dafür soll sie drittens auf der anderen Seite in eine möglichst lange Spitze ausgezogen sein. Also wie ein Turm, der schwer einzunehmen ist, muss sie in die Höhe ragen. Denn auf die Kose wird sehr hitzig losgegangen. Ich werde nicht verschweigen, warum. Was ist das übrigens für ein Wort, „Kose"? Es ist ein slovakisches Wort und bedeutet Ziege. Und doch ist das Nussenspiel ein ausschliesslich jüdisches Spiel und nicht etwa dem Spielrepertoire der Slovakenkinder entlehnt. Es will mir aber nicht gelingen, herauszubekommen, warum wir gerade für die Ecknuss das Wort aus dem Sprachschatz der Slovaken, unter denen wir lebten, entnahmen und warum wir sie gerade eine Ziege nannten. Mögen glücklichere Forscher alsbald die Lösung des schwierigen Problems verkünden können. Es dauert lang, bis die Reihe endgiltig gestellt ist, d. h. bis sämtliche Spielteilnehmer mit der Art, wie sie gestellt ist, sich einverstanden erklären. Denn dem einen stehen die Nüsse zu weit auseinander. „Da kann mein Kauler durch!" Wenn aber der Kauler „durchgeht", ohne eine Nuss von der Stelle geworfen zu haben, dann ist, ach, der Einsatz verloren für einmal. Dem anderen stehen sie im Gegenteil wieder zu eng und zu dicht. „Da kann jeder Esel treffen!" fürchtet er. Denn der Mensch ist immer geneigt, nicht sich selbst, sondern lieber den andern für einen Esel zu halten, erhebt also Einspruch gegen alles, wodurch es ein Esel etwa dem Nichtesei abgewinnen könnte und ahnt nicht, dass er sehr möglicherweise sich selber damit am meisten schadet. Endlich „steht" die Reihe.. Jetzt wird „ausgegangen". Ausgegangen nun wird mit dem Kauler, was aber noch lange nicht seine wichtigste Verrichtung ist. Man rollt den Kauler von der Reihe aus nach dem Standort, den man für sich wählen will. Man kann ihn näher oder ferner wählen, ganz nach Belieben. Wer aber am weitesten ausgegangen ist, also den von der Reihe entferntesten Standort eingenommen hat, der hat den Vorzug, als erster mit seinem Kauler die Reihe angreifen zu dürfen. Und wo er die Reihe trifft, in der Mitte oder am Ende oder näher zur Kose, von dort an nach der rechten Hand darf er sämtliche Nüsse der Reihe in seine Tasche streichen, mögen noch so wenige für die anderen Spieler, die nach ihm kommen, übrig bleiben. Trifft er gar die Kose selbst — fürwahr, das Herz klopft mir! — so hat er für einmal der ganzen Runde ein Ende gemacht. Die ganze Reihe strömt in seine Tasche und mit den Nüssen streicht er die Hoffnungen aller anderen ein:. Von neuem muss eingesetzt, von neuem ausgegangen werden. Es kann eben auf dieser AVeit nicht leicht einer eine grosse Freude erleben, ohne dass zahlreiche mit Trauer dafür aufkommen müssten. Und darum sehnen wir uns mit Recht nach einer anderen Welt, wo nicht erst der eine wird verlieren müssen, damit der andere gewinnen könne, eine Einrichtung, die durch Menschenwitz allein nicht würde zustande gebracht werden, so dass der liebe Gott selbst wird eingreifen müssen. Beim Nussenspielen allerdings will er sich nicht einmischen und legt Glück und Unglück in die Hand derKinder selbst, die daher darauf bedacht sind, sich zunächst eines guten Kaulers zu versichern. Denn man mag so gut zielen, wie man will, wenn der Kauler, den man gegen die Reihe rollt, nicht gut ist, wenn er z. B. über die Reihe „springt", ohne sie durchschlagen zu haben und wäre es selbst die Kose, über die er hinübergesprungen, so ist damit ganz und gar nichts gewonnen, sondern vielmehr der Einsatz ist für einmal verloren und es begreift sich, wenn der Unglückliche, nachdem er mit freudiger Spannung dem schnurgerade dahinrollenden Kauler höchst hoffnungsvoll nachgesehen hat, ein sehr schmerzvolles „Ach!" vernehmen lässt, wenn der Kauler im letzten Augenblick, statt durchzuschlagen, „gesprungen" ist. Aber das Herz des anderen, der jetzt an der Reihe zu rollen ist, weil er jenem zunächst steht und der mit angstvoller Spannung dem unheimlich zielgerecht dahinrollenden Vorderkauler nachgeblickt hat, das Herz des anderen gehtplötzlich auf, wie ein schöner Sommermorgen. Die Schar steht noch, noch ist sie zu erobern. Ach, hat er aber auch einen zuverlässigeren Kauler, als jener? ... , Ein zuverlässiger Kauler — eine sehr seltene Sache! So ein Kauler muss z. B. frei von allen Hökern und Kanten seih. Eine Nuss, deren Mittelrippe einigermassen hervorragt, wird sich kein vernünftiger Mensch zum Kau kr nehmen. Wenigstens muss die Rippe früher we^geschliffen werden und wenn man den ganzen Erew Sukkoth damit zubringen müsste. Vonnutzen aber ist dazu ein Ziegelstein, den du vorher anfeuchten musst. An diesem Ziegelstein reibst du den Kauler. Hier zeigt sich der Segen der Freundschaft. Wenn du nämlich einen „besten Freund" hast, so darf er sich nicht weigern, dir beim Präparieren des Kaulers seine tätige Mithilfe zu leihen und durch eine oder zwei Stunden zu „reiben"', eine Arbeit von jammervoller Langeweile, über die nur der Gedanke einigermassen hinüberhelfen kann, dass man es für seinen „besten Freund" tut. Uebrigens sind an dieser Probe schon Freundschaften genug gescheitert . . . Nur eine Nuss von tadelloser Symmetrie kann einen guten Kauler abgeben. Sie darf auf der einen Seite nicht dicker sein als auf der anderen, wenn sie anders ein zielgerades Rollen verbürgen will. Ein Kauler soll aber auch sein ordentliches Gewicht haben, eine „leichte" Nuss, sie mag der Form nach noch so tauglich sein, wird nur der ausgesprochenste Leichtsinn zu einem Kauler machen. Warum? Ein Kauler — ich bitte, das ist ein sehr wertvoller Fingerzeig — muss am Boden „kleben", über Höhen und Tiefen hin soll er sich dicht an den Boden schmiegen. So ein Kauler „reisst", wenn er erst in die Reihe hineingerät, er „fliegt" nicht hinüber. Ein Kauler muss aber auch seine gehörige Länge haben und doch darf er keine „Walze" sein. Ein Kaiiler soll vielmehr eher ein „Fässchen" sein, aber dabei ja nicht glatt.an den Enden, sondern mit proportionierter Rundung, auch schön in die Länge ragend .... Mit welchem Vergnügen wägst du schon einen Kauler in deiner Hand, der nur die Hälfte dieser schönen Eigenschaften in sieh vereinigt, mit welcher Zuversicht siehst du mit ihm in der Hosentasche dem Chalemoid entgegen! Nun denn, Jetti Laufers Kauler war mit sämtlichen dieser Eigenschaften ausgestattet,