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Die Welt · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Article
Jetti Laufers Kauler
Date
1902-12-05
Page
13 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 49 Die s£ Welt44 Seite 13 mir recht ist — auch Dolphi Pollak. Nun stellte sich Jetti Läufer vor die Reihe, mit einem freudigen Lächeln auf den armen, blutlosen -Lippen^ Imd beugte sich, um auszugehen. Jetti Lauf er hatte nämlich ihre Grundsätze, darunter auch diesen: immer-erst nach mehreren Mitspielern auszugehen, um dann ihren Standort wählen zu können. Und diesen Standort verlegte sie immer in die „goldene" Mitte. Denn es handelt sich um ein recht schwieriges Problem beim Nussenspiel, fast um ein so schwieriges wie im L^bens- ■ spiel. Gehst du reicht weit aus, dann hast du freilich die ganze Eeihe noch unvermindert vor dir, du bist der allererste am Wurf. Triffst'du die Kose oder auch nur die Mitte, so streichst du eine gewaltige Menge Nüsse in deine Tasche. Aber, aber — je weiter du ausgegangen bist, desto weniger Aussicht hast du, zu treffen und zu „reissen". Mit Gewalt musst du den Kauler werfen und dann „fliegt" und „springt" er. Diesem höchst peinlichen Dilemma gegenüber hatte, wie gesagt, Jetti Lauf er einfür allemal ihren Grundsatz aufgestellt: „Geh* nicht zu weit aus!" Ein anderer Grudsatz von ihr lautete: „Ziel nicht auf die Kose!" Nehm' ich dazu noch ihren dritten: „Den Kauler iss nicht auf!" .so möchtMch den Philosophen kennen lernen, der imstande wäre, trefflichere Maximen, ich will nicht sagen für die Spielbahn, nein, für die Lebensbahn, aufzustellen. Mit solchen Grundsätzen und bei der Festigkeit, mit der sie sie befolgte — denn Grundsätze allein, ach! tun es nicht, man muss sie auch halten! — wie geschickt hätte sie ihr Lebensschifflein zwischen den Klippen des Daseins zu steuern verstanden! Und wäre vielleicht in einem Hafen warmen, sonnigen Glückes gelandet! Es kam nicht dazu. Kuhig hatte sie uns anderen ausgehen lassen, ihren Grundsätzen getreu, und warf nun ihrerseits ihren olivengelben Kauler zum „Ausgehen". Ach, es war das letztemal, dass sie einen Kauler warf. Wir hörten sie plötzlich einen schneidenden, grausigen Schrei ausstossen. Eine unholde Bauerngestalt stapfte von der Fahrstrasse auf unsere Spielbahn ein, stapfte herein und — zertrat Jetti Laufers Kauler- Sie hatte ihn kommen gesehen —- es war nämlich jener Haman — hatte gesehen, wie er plötzlieh abbog von derj Fahrstrasse und hatte erraten, was er vorhatte .. . . Drei oder vier von uns flogen wir ins Dorf zu Reb Schime: „Jettele liegt auf der Erd', schreit grauslich, dreht sich immer, herum, drischt die Erd mit Händen und Füssen . . ." Reb Schime kam gelaufen und immer mehr und mehr kamen gelaufen .... Drei Tage später schwankte eine lange schmale Kiste, mit schwarzem Tuch überhangen, auf den Schultern von vier Männern durch das tiefe Gassei und dann weiter, weiter. - In der Kiste lag Jetti Lauf er. s ^olHs^trfscbafMicbep ^pei1. Ueber die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit in das zionistische Programm. Referat des Dr. Oh. Gurewitsch auf der Minsker zionistis chen.Konferenz. V. Die Realisierbarkeit unseres Nationalideals je nach dem Charakter unserer nationalen Bewegung. Die Notwendigkeit einer materiellen Basis für unser ideal. Aus all dem Gesagten folgt, dass die Verwirklichung des zionistischen.Ideals nicht denkbar ist ohne die vorausgehende Aenderung d t sozialökonomischen Bedingurgen der jüdischen Existenz. So lange die Juden immer mehr im Elend versinken werden, so lange die jüdische Nation geschwächt und entzweit sein wird, so lange werden die Juden nicht imstande sein, den erhabenen Gedanken von der Wiederherstellung des nationalen Lebens auf historischem Boden zu verwirklichen. Das zionistische Ideal wird so lange nur ein Ideal bleiben, bis eine zweckmässige nationale Bewegung die erschütterten Grandlagen des sozialökonomischen Baues befestigen und somit auch den jüdischen Willen bessern wird, indem er sich der nationalen Wiedergeburt anpassen wird; kurz man muss eine materielle Basis für unser nationales Ideal schaffen. Das jüdische Nationalgefühl konnte sich meines Erachtens deshalb nicht zu einem Impuls, zu einer zweckmässigen und fruchtbaren nationalen Arbeit gestalten, weil es zu subjektiv, zu geistig war, weil es sich nicht in konkreten Objekten, die ihre Grundlage in dem sozial-ökonomischen Leben des Volkes haben, materialisierte. Es genügt noch nicht, dass die Juden ihre nationale Solidarität fühlten, die Solidarität muss sich in entsprechenden Institutionen rein wirtschaftlichen Charakters verkörpern. Man muss Bedingungen iür das ökonomische Leben der Juden in der Gegenwart schaffen, in welchen die praktischen Prinzipien dieser Solidarität verwoben wären und unter welchen der Jude imstande wäre, seine Ideale und sein Leben zu versöhnen und aneinanderzupassen. Bei allenVölkern gibtes solchelnstitutiocen, in denen augersch einlich ihre Solidarität ausgedrückt ist. Eine solche Institution ist vor allem der Boden. Der Boden kann in verschiedener Art und Weise verteilt sein, aber er ist das gemeinsame Objekt einer ganzen Menschengiuppe, verbindet sie in einen ganzen Organismus, in eine Nation. Wie gross die Anhänglichkeit des Menschen an den Boden ist, wissen am besten wir Juden, die wir zwei Jahrtausende von unserer Erde losgerissen sind und doch nie aufhörten, uns hinzusehnen. Das andere verbindende EUment ist der Staat. Zwar fallen die Begriffe von Staat und Nationalität in der letzten Zeit nicht immer zusammen, aber in jedem Staate ist doch immer nur eine Nation die entscheidende, die Führerin. Der Staat hat eine wohltätige Rückwirkung auf die Nation, indem er durch seine internationale Politik ihre Integrität sichert; so verdanken zum Beispiel die Schweiz undBelgien ihren blühendenZustand ihrer Neutralität. Wir Zionisten hegen auch den Wunsch, für das jüdische Volk einen Staat zu schaffen, aber dazu ist noch weit genug, wir müssen zuerst seine ökonomische Lage erheben. Darin soll auch die geistig kulturelle Erziehung der Juden bestehen, dass die Kluft zwischen seinenn individuellen und sozialen Willen ausgefüllt werde und dies ist nur durch wirtschaftliche Arbeit möglich. Vor allem muss man, ich sage es frei und offen, den jüdischen Markt reformieren. Nicht der Geist allein, noch die Materie allein sollen an die Spitze des Programmes gestellt werden, sondern beide, Geist und Materie, kulturelle und ökonomische Tätigkeit, die Verbindung der geistigen und materiellen Interessen unseres Volkes. VI. Die nationale Wiedergeburt der Juden, betrachtet vom Standpunkte anderer Völker. Die Völker und Staaten, unter denen wir leben, haben ein wahres Interesse an unserer Bewegung und müssen uns deshalb beistehen. Es ist da zu beachten, dass die wachsende Verelendung der Juden eine schädliche Wirkung auf das sozialökonomische, wie auch auf das rechtlich-kulturelle Leben der Völker übt.. Unsere Verelendung ist doch direkt dadurch verursacht, dass die Juden ihrer produktiven Funktion verlustig gehen und deshalb wächst die Zahl der unproduktiven Juden, die beinah« erdrückend auf den Staat fällt und seine regelmässige Funktion verhindert. Schon aus dem Grunde ist unsere nationale und wirtschaftliche Wiedergeburt den übrigen Nationen nützlich. Aber sie bringt für die Nationen noch einen Vorteil mit sich, und zwar die Organisation der Auswanderung des dürftigen jüdischen Elements. Unsere Organisation muss auch dazu beitragen, die starke jüdische Konkurrenz zu mildern und womöglich aufzuheben. Diese Konkurrenz, die für das Volksleben höchst nachhaltig ist, kann nur durch eine regelmässige und planmassige Emigration des Ueberschusses in solche Länder, wo man ihre Arbeit braucht, verringert werden. An der Spitze steht selbstverständlich Palästina und wir müssen nach Kräften uns bestreben, die besten und tüchtigsten Emigranten hinzuschicken. Auf die Notwendigkeit der Regulierung d&t Auswanderung wies auch Dr. Herzl in seiner Londoner^ Rede, mit der er den IV. Kongress eröffnete, hin. Indem

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