Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Article
- Zionismus und Weltanschauung
- Date
- 1902-12-05
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt** % 49 .- ..t ■. Das beste Material zum Beweise dieser Behauptung liefern, wie auch bei anderen Gelegenheiten, unsere Gegner. Gerade sie zeigen in der Art, wie sie ihren Standpunkt begründen; dass das jüdische Volk eine besondere Denkart befolgt, dass das nationale Empfinden sich auf seelische Eigenschaften der Gesamtheit stützt. Da sind zunächst die Orthodoxen. So weit sie den Zionismus befehden, geschieht es, „weil die Zionisten nicht sämtlich das Gesetz halten und das Baseler Programm die allgemeine Befolgung des Gesetzes nicht einmal anstrebt". Auf der anderen Seite verwahrt man sich eifrig dagegen, dass man mit freidenkenden Juden nicht zusammenleben und -arbeiten wolle. Kur nach Erez Israel darf man nicht gemeinsam mit ihnen zurückkehren. Und weshalb nicht? „Weil das Ziel der Gottesstaat ist, in dem alle eine Gemeinde bilden, um Ihn zu verehren."*) Also nicht die religiöse Verschiedenheit bedingt die MeinungsdifTerenz. Bewahre. Der Zionismus schädigt nur angeblich die Idee des Gottesreiches, das angestrebt werden soll, und deshalb „ecrasez la Pologne". Dann kommen die Kosmopoliten. Sie erstreben auch einen Gottesstaat, aber einen auf sehr unklarer Grundlage aufgebauten. Immerhin begründen sie ihren Standpunkt genau wie die Orthodoxen: „Der Zionismus will die Netietablierung der jüdischen Nationalität. Das Endziel der Menschheit soll aber jener Zustand sein, in dem alle trennenden Schranken hinfort geräumt sind und sämtliche Menschen wie Brüder zusammen leben. Weil also der Zionismus angeblich diesem Werdegang entgegenarbeitet, muss er bekämpft werden." Und die liberalen Gegner vernichten uns, indem sie beweisen, das Judentum habe eine „Mission" übertragen erhalten, nämlich den Auftrag, den monotheistischen Gottesr gedanken für alle Völker und Zeiten rein zu bewahren, damit dereinst der reine Glaube an den einig-einzigetu Gott überall herrsche. Selbst unsere Deserteure argumentieren oft genug in dieser charakteristischen Weise. Als Begründung dieses Schrittes hörten wir schon: „Die Juden bringen keine erstklassigen Genies hervor, stehen aber durchschnittlich über dem arischen Niveau. Deshalb müssen wir in anderen Völkern aufgehen und sie befruchten." Weiter: „Die Juden sind die besten wissenschaftlichen Köpfe. Sie müssen im deutschen Volkstum aufgehen, damit die Erkenntnis durch ihre Mitarbeit gefördert wird." Und: „Der höchste Zweck ist die Veredelung der Rasse. Kinder aus Mischehen sind die schönsten und klügsten, also haben wir die Pflicht, Mischehen einzugehen." Sicher hat jeder von uns ähnliche Argumentationen zu Dutzenden mit angehört und wenjn auch sehr viel Heuchelei mit unterläuft, so ist es doch töricht anzunehmen, dass alle jene Gründe nur vorgeschützt sind. Zum mindesten versucht man doch jedenfalls, der Heuchelei ein teleologisches Mäntelchen umzuhängen. Würde wohl der Deutsche, Franzose, Engländer in derselben Art zu beweisen suchen? Schwerlich. In der Zeit höchster religiöser Ekstase zogen die christlichen Heere gen Jerusalem. Etwa um die Erkenntnis der Wahrheit zu fördern? 0 nein. Wer zum heiligen Grabe gewallfahrtet war, der hatte sich die Seligkeit gesichert. Und dann war es eine Schande für die Christenheit, dass ungläubige Mohammedaner die Grabeskirche bewachten und die Pilger plünderten. Wohl stritt man unter dem Schlachtruf „Dieu le veut!" Gott will es! Aber dies Wollen bezog sich nicht auf den Fortschritt der Gesamtheit, das grosse ferne Endziel der Entwicklung, die unbekannte Bestimmung, der die Mensch- *) Vgl. die häufigen Ausführungen im „Israelit". heit. entgegeneilt, sondern auf das Glück ctesr einzelnen, die Vernichtung des Feindes, die Abwendung/der Schmach- Weil es für den guten Christen verdienstlich war, verbrannte man Juden, die Mörder des Heilands, weil es befohlen war, schlug man die Ketzer tot. Man erzähle einmal unseren Landesgenossen vom Missionsgedanken. Fassungsloses Staunen wird die Antwort sein. Und dem ist gut so. Denn wenn man die Arroganz, die in diesem Gedanken liegt, begriffe, würde der Antisemitismus mehr gesteigert werden, als durch alle von Juden begangenen Verbrechen. Wie wenig der kosmopolitische Gedanke in christlichen Kreisen Wurzel fassen konnte, dafür zeugen am besten die Mitgliederlisten der Gesellschaft für ethnische Kultur. Unsere „Glaubensgenossen" sind dort ziemlich unter sieh. Der deutschnationale Gedanke hat alle Geister erobert. Aber wie fern ist dieser Nationalismus von dem unsrigen! Der deutsche Nationalismus ist exklusiv, der unsrige transzendental und deshalb ohne jede Gehässigkeit. Man lese z. B. Herzls „Altneuland". Da kämpfen alle, die es gut mit dem neuen Lande meinen, gegen die Partei des Dr. Geyer, der Judäa nur für die Juden will und die Fremden nicht für gleichberechtigt erklärt. „Alle eure Pflanzungen sind nichts wert," so ruft David Littwak den Bauern von Neudorf zu, „wenn bei euch nicht Freisinn, Grossmut und Menschenliebe gedeihen." Und Dr. Friedrich Löwenfeld versteht im neuerbauten Tempel in Jerusalem, warum nur auf Zion der Tempel des Allgegenwärtigen errichtet werden konnte: „Weil sie erst hier zu der freien Gemeinschaft gediehen waren, in der sie für die höchsten; Zwecke dier Menschheit wirken konnten." („Altneuland".) Mit diesen Anschauungen harmonieren unseres Wissens alle zionistischen Autoritäten. Und nun vergleiche man den deutschen Nationalismus. Zunächst betätigt er sich in den Burschenschaften, in denen Franzosen- und, Judenhass das Ferment bilden. Man denke an die bekannten Kundgebungen auf dem Wartburgfest, an Jahn und Massmann, besonders an des letzteren Fremdenfresserei. Dann wächst er sich recht nüchtern im Zollverein aus, der doch materiellen Interessen zu dienen bestimmt ist. Und wie sucht man ihn 50 Jahre lang zu motivieren, bis die deutsche Einheit erreicht ist? „Die Deutschen verlangen, auch ihren Platz an der Sonne." Der „Nationalismus ist der Wille zur Macht". Die Patrioten weinen über die Zerrissenheit und Ohnmacht ihres Landes, über Abhängigkeit von Kussland und Oesterreich, über alle die Schmach, fremden Einflusses und den Niedergang der Eigenart. Aber wir haben nirgends eine Stelle im Gedächtnis, in der es Wesse: „Das Deutschtum ist von der Vorsehung bestimmt, die anderen Menschen zu befreien, sich für die Entwicklung der Menschheitsidee einzusetzen!, allen die Brüderlichkeit zu bringen." Nur ein Volk ausser den Juden hat Aehnliches gesagt, wenn auch nicht getan — das sind die Franzosen gewesen. Und wie dort der Begriff praktisch gehandhabt worden ist, das dürfte allbekannt sein. In Deutschland und überall anders, ausser bei uns, liegt im Nationalismus das Moment des Fremdenhasses, der Geringschätzung der anderen Völker, der Ahsehliessung. Die französischen Nationalisten, die Alldeutschen, die ungarischen Bekämpf er der Siebenbürgen und Rumänen, die amerikanischen Jingos usw. sind aus demselben Boden erwachsen. Sie alle sind auch die hauptsächlichen Träger des Antisemitismus in ihren Heimatländern. In der jüdischen Nationalpartei allein liegt das Bewusstsein: „Jedes Volk hat eine besondere Anlage, die es auszubilden berufen ist." W7ie die Familie durch Erhaltung der Tradition künstlerischen oder kaufmännischen Sinn bildet, juristische oder soziale Interessen wachzieht, so sollen auch clie Völker-