Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 49 (5.12.1902)
- Article
- Zionismus und Weltanschauung
- Date
- 1902-12-05
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 49 ^Die # Welt*4 Seite 3 iamilien diircli sorgfältige Pflege besonderer Eigenart die Gesamtheit, fördern. Denn nur das Zusammenwirken verschiedener Interessenkreise bedingt Harmonie. Wir sehen denn auch beim Engländer die besondere kolonisatorische und kaufmännische Befähigung, beim Deutschen den wissenschaftlich kritischen und herrschenden Zug, beim Italiener das künstlerische Empfinden, beim Nordländer das Streben nach Begründung psychologischer Bätsei besonders ausgeprägt und gepflegt. Und unsere Eigenart ist eben die jener Weltanschauung, welche durch ein Erstreben der letzten Ziele der Menschheit auf unerforschlichen Wegen gekennzeichnet ist. Vermögen wir dereinst nach Erreichung der Selbstständigkeit diese Idee stets festzuhalten, so werden wir das grösste aller Völker sein — das Volk der Bibel, das allein das Gottesreich herbeizuführen vermag. Dr. Friedeinann. Zionismus. Von Max Nordau. (Schluss.) Der erste zionistische Kongress proklamierte feierlich im Angesichte der aufhorchenden Welt, dass die Juden eine Nation seien und nicht wünschen, von den anderen Nationen absorbiert zu werden. Er proklamierte seinen Willen, für die Emanzipation jenes Teiles der jüdischen Rasse zu wirken, welcher aller Hechte beraubt ist und welcher sein Da?ein im unverdienten Elende verbringt. Her Kongress setzte seine Ziele in folgendem Programme fest: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung* einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Kongress folgende Mittel in Aussieht: 1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedelung Paliistinas mit jüdischen Ackerhauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden. 2. Die Gliederung und Zusammenfassung der gesamten Judenschaft durch geeignete und allgemeine Veranstaltungen nach den Eandesgesetzen.. 3. Die Stärkung des jüdischen Volksgefühles und Volksbewusstseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Hegierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. (Nachdem Dr. Nordau die einzelnen Punkte des Baseler Programmes eingehend besprochen und die bisherigen Erfolge und Leistungen der Zionisten dargelegt hat, schliesst er wie folgt:) Ich habe mir die Mühe gegeben, in kurzer und objektiver Weise zu zeigen, was Zionismus ist und was er plant, wie er entstanden ist und wie er sich bisher entwickelt hat. Ich habe ebenso wiederholt bewiesen, dass seine heftigsten Gegner aus der jüdischen Gemeinschaft selbst entstanden sind. Manche begnügen sich, die Führer der zionistischen Bewegung zu verdächtigen und zu beschimpfen. Diese Art der Feindschaft kann man verachten. Männer, welche ohne den leisesten Vorteil für sich selbst aus reinster, selbstlosester Liebe für die Unglücklichsten ihres Volke?, aus Achtung für ihre Ahnen, aus allgemeiner Menschenliebe die grössten Opfer an Geld, Zeit, Kraft und Gesundheit bringen, um ihr Volk zu heben und Millionen von Bedrückten und Elenden zu befreien, haben cfas Hecht, lächelnd ihre Achseln zu zucken, wenn unverantwortliche Fanatiker oder bemitleidenswerte Soldschreiber ihnen selbstische Interessen oder unlautere Beweggründe unterschieben. Ausser die?en Opponenten niedrigster Art gibt es andere, welche nicht lügen und verleumden, sondern bloss argwöhnisch sind. Sie vergleichen die Apostel des Zionismus mit den falschen Messiassen gleich Sabbatai Zewi, welche nur zn oft in der jüdischen Geschichte aufgetreten sind und dem jüdischen Volke immer grosses Unglück gebracht haben. Den Zionismus mit 3en Verrücktheiten und Betrügereien der falschen Messiasse von der Art Sabbatai Zewis zu vergleichen, setzt aber grosse Beschränktheit oder bösen Willen voraus. Der Zionismus charakterisiert sich scharf durch das komplette Fehlen jede^ mystischen Elementes. Er verspricht seinen Anhängern lc^me Wunder, im Gegenteil, er schärft ihnen fortwährend ein, dass ihre Befreiung aus einer unhaltbaren Situation nur einzig und allein das Produkt ihrer eigenen Arbeit, die Frucht langer, fortgesetzter und vereinigter Bemühungen sein kann. Manche Leute erklären den Zionismus als einen Traum und leugnen die Möglichkeit seiner praktischen Verwirklichung. Erwägungen dieser Art haben die Zionisten schon hundertemale ausreichende Antwort gegeben. Die einfache negative Kritik kann übergangen werden. Ihre beste Zurückweisung besteht in Taten, wie sie die Zionisten schon ausgeführt haben und weiter auszuführen die Absieht haben. Ein Punkt aber wird wahrscheinlich für immerwährende Zeiten die Möglichkeit einer Verständigung zwischen zionistischen und nichtzionisfcj^Qhen Juden aussehliessen. Das ist die Frage der jüdischen Nationalität. Wer daran glaubt und festhält, dass die Juden keine Nation sind, kann in der Tat nicht Zionist sein, kann sich nicht einer Bewegung ansehlies.*en, welche einzig und allein gerechtfertigt ist, wenn zugegeben wird, dass es wünschenswert sei, normale Existenzbedingungen für ein Volk zu schaffen, das unter abnormalen Bedingungen lebt und leidet. Derjenige, welcher dagegen überzeugt ist, dass die Juden ein Volk sind, muss notwendigerweise Zionist werden, da einzig und allein die Rückkehr in ein eigenes Land das überall gehasste, verfolgte und bedrückte Jüdische Volk vor physischer und geistiger Vernichtung bewahren kann. Manche Juden, speziell im Werten, haben im Innersten ihres Herzens mit dem Judentum vollkommen gebrochen und werden es wahrscheinlich öffentlich tun. und wenn sie es nicht tun, werden es wahrscheinlich ihre Kinder und Enkel tun. Diese wünschen von ihren christlichen Landsleuten gänzlich aufgesogen zu werden. Sie fühlen es als eine grosse Störung, wenn andere Juden sie als ein besonderes Volk proklamieren und eine unzweideutige Scheidung zwischen sich und den anderen Völkern wünschen. Ihre grosse und beständige Furcht besteht darin, im Lande ihrer Geburt als Fremde denunziert zu werden. Sie fürchten, dass dies der Fall sein wird, wenn eine breite Schichte des jüdischen Volkes für sich öffentlich die Rechte einer Felbstständigen Nation beansprucht, und noch mehr, wenn irgendwo in der Welt ein politisches und geistiges Zentrum des Judentums geschaffen sein wird, in welchem Millionen von Juden als Nation zusammenleben werden. Alle diese Gefühle von Seite der Asrimilationsjuden sind verständlich. Von ihrem Standpunkte aus sind sie gerechtfertigt. Aber diese Juden können und dürfen doch nicht erwarten, dass der Zionismus um ihretwillen Selbstmord begehen solle. Die Juden, welche im Lande ihrer Geburt glücklich und zufrieden sind und die Idee, es zu verlassen, mit Indignation zurückweisen, bilden höchstens ein Sechstel des jüdischen Volkes, etwa 2 von 12 Millionen. Die anderen fünf Sechstel oder 10 Millionen fühlen sich in ihren Wohnsitzen tief unglücklich und haben allen Grund dazu. Von diesen 10 Millionen kann nicht verlangt werden, dass sie für immer und widerstandslos sich ihrer Knechtschaft unterwerfen und auf jeden Versuch verzichten sollen, sich aus ihrer elenden Lage zii befreien, bloss um das "Wohlbehagen der zwei Millionen glücklicher und zufriedener Juden nicht zu stören. Die Zionisten sind jedoch fest überzeugt, dass die Besorgnisse der Ässimilationsjuden unbegründet sind. Die Vereinigung des jüdischen Volkes in Palästina wird nicht jene Folgen haben, welche sie befürchten. Wenn eu wieder einmal ein jüdisches Vaterland geben wird, werden die Juden die Wahl haben, entweder dahin zu wandern oder in ihren gegenwärtigen Heimatländern zu bleiben. Viele werden zweifellos zurückbleiben und durch ihre Wahl den Beweis erbringen, dass sie das Land ihrer Geburt mehr lieben und als ihr Vaterland ansehen. Es ist wohl möglich, dass die Antisemiten dennoch den perfiden und verächtlichen Ruf „Fremde" ihnen ins Gesicht werfen werden.