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Die Welt · 1902-12-05 · 49 (5.12.1902) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
49 (5.12.1902)
Article
Zionismus und Weltanschauung
Date
1902-12-05
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Besonders in studentischen Kreisen, und denen älterer Akademiker kursiert dieses Sehlagwort und wenn auch sehr viel Unklarheit über das Ziel des Wollens mit unterläuft,, wenn auch für manche jugendliche Köpfe „Vertiefung" und „sozialistische Durchdringung" der Idee gleichwertige Begriffe sind, so hat doch das Streben nach Verinnerlichung des Zionismus seine gute Berechtigung. Aber ist eine Vertiefung des Gedankens so zu erreichen, wie man sie heute erstrebt? Falästinaforsehung und Statistik sind gewiss sehr notwendig, wenn wir unser Ziel erreichen wollen. Will man verständigen Zionismus treiben, so muss man die heutigen Lebensbedingungen des Juden und das Land kennen, in das man ihn verpflanzen will, Man muss wissen, wie die Volksvermehrung vor sich geht, wie viel Armut und Reichtum vorhanden ist, welcher Perzentsatz von Volksgenossen in Städten und auf dem Lande lebt, welches die hauptsächlichsten Erwerbszweige der Juden sind und tausend andere Dinge mehr. Wir müssen auch die natürlichen Hilfsmittel und Absatzwege des neuen Landes erforschen, ob Wein- oder Ackerbau sieh besser rentieren und welche Gegenden sich klimatisch am besten für die Besiedlung eignen. Statistik und Palästinakunde sind also sehr nützliche Hilfswissenschaften. Aber alles das zeigt uns doch bestenfalls, welche Wege wir waaideln müssen. Genügte die Kenntnis alles Vorstehenden,, verbunden mit dem, Wunsche, Leidenden zu helfen, um den Zionismus innerlich zu begründen, dann wäre es nur eine Zweckmässigkeitsfrage, oh wir die Kolonisation auf der Wohltätigkeitsidee oder auf dem Volksgedanken aufbauten. Wir sagen heute, dass wir den Zionismus auf dem nationalen Gefühl begründen. Da wir nicht nur aus Zufallsgründen und nicht nur mit dem Verstände, sondern auch aus den Tiefen unseres Gefühlslebens zu dieser Anschauung über den Zionismus gelangt sind, da wir wissen, dass auch das Ende der Judennot die Idee nicht töten würde, da wir alle heute im Zionismus ein Element finden, das uns hebt, sittlich stählt, das Judentum verstehen und lieben lehrt und das Kleinliche, Parteiniässige vergessen iässt, so muss doch in diesem nationalen Empfinden mehr verborgen liegen, als das blosse Hinneigen zu leidenden Mensehen gleicher Rasse. Wir hören es täglich von hochstehenden Gesinnungsgenossen aussprechen, dass sie seit dem Entstehen unseres Gedankens alle bisherige politische Betätigung schal, unbedeutend finden, nicht mehr begreifen können, dass sie liberale, konservative, sozialistische Parteigänger waren. Sie sagen uns, dass der Gedanke ihr Leben ausfüllt — da muss denn doch im Zionismus ein Etwas liegen, das, nicht allen bewusst, doch ihr Wesen tiefinnerlich beeinflusst. Und dieses verborgene Etwas hat schon Herzl gezeichnet, als er die Worte sprach: „Der Zionismus ist das Judentum". Das Judentum als Begriff ist mehr als ein Volk, ist mehr als ein Dogma. Es ist eine Weltanschauung. Und der Zionismus, der das Judentum sein will, hat nur dann das Recht, ein so stolzes Wappenschild zu führen, wenn er sich bewusst wird, dass auch in ihm die Keime wenigstens zu einer Weltanschauung vorhanden sind. Wir haben wiederholt dargelegt, was wir für 'das wesentliche Kennzeichen der -Nationalität•• halten. Eine Nation ist eine Gesamtheit von ■ Personen, welcher entweder durch die gemeinsame Abkunft oder nach erfolgter Vermischung durch starkes Ueberwiegen eines Bevölkerungsteiles ein einheitlicher Charakter gegeben ist und die den Willen hat, diese Gemeinschaft nach aussen zu betätigen. Den Willen, ein Volk zu sein, haben die Juden oder doch ein sehr grosser Teil derselben zur Genüge betätigt. Der Volkscharakter aber ist vor allem an der Denkform erkennbar, an der Art, wie ■ wir ■ vor uns und anderen unser Wollen und unser Tun begründen, wie wir Ideen verteidigen und bekämpfen. Betrachten wir daraufhin den Juden, so sehen wir, dass er in all den Jahrhunderten der Zerstreuung die Eigenart nicht aufgegeben hat, die Dinge unter einen Gesichtswinkel zu bringen, den wir transzendental nennen möchten. Die Juden sind noch-immer das Volk der Bibel. Man missverstehe uns nicht. Wir. halten durchaus nicht jeden Juden für religiös im gewöhnlichen Sinne. Aber wir glauben zu sehen, dass sie alle, auch die Atheisten, auch die leidenschaftlichsten Leiigner unseres Volkstums, . die Dinge teleologisch betrachten, sich - fragen, wohin der Entwicklungsgang des einzelnen und der Gesamtheit führt, dass sie den Gedanken sittlichen Fortschreitens bis zu einem unbekannten .und unerforschbaren Ziele ihrer Betrachtung zugrunde legen.

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