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Die Welt · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Article
Ide
Date
1902-10-31
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr . 44 „Die #Welt" Seite 13 Wendelin hatte sich in seinen Ochsenstall geflüchtet. Dort sass er auf dem Bettrand und das grausame Lachen gellte ihm fort und fort im Ohr. •"- :- >:um:'5 Gerade vor wenigen Tagen hatte er ein handbreites Spiegelchen von Ide gekauft, hatte es an einen Nagel am Stal-lpfiock neben seinem Bette gehängt. Mit banger Beklommenheit schielte er jetzt nach dem Spiegel. Yor einer Stunde erst hatte er sich doch darin besehen. Das Gesicht, das er ihm gezeigt hatte, war sein altes, wohlbekanntes Gesicht gewesen, ihm vertraut von den ersten Tagen der Kindheit an. Dass es ein Judengesieht wäre — er hätte es doch längst bemerkt haben müssen. Oder merkt man co etwas nicht an seinen eigenen Zügen, eben weil man mit ihnen grossgeworden ist und sich an sie gewöhnt hat? Ein schmeichelnder Gedanke kam ihm. Das ganze wird wohl nichts anderes als ein Scherz gewesen sein. Anka war ein liebes, tolles Mädchen, das gern seinen Uebermut trieb. Uni es war gar nicht wahr, dass er wie ein Jude aussah. Ein übermütiger Scherz war es von ihr gewesen und die anderen, die gingen natürlich darauf ein. Er versuchte zu lächeln. Aber die Glanzliehter, die das Spiegelchen warf, waren ihm doch unheimlich. Er rückte weiter weg, so dass ihn die Reflexe des Glases nicht treffen konnten. Und doch hatte er ein starkes Verlangen, sich zu besehen. Während dieser dumpfen Gedankenarbeit hob er die Kand zum Kopfe und die Finger griffen und prüften das Haar. Es waren wirklich harte, in sieh gedrehte Büschchen, die sich gleich wieder einrollten, sobald man sie ausgezogen hatte. Und ge-nau so, musste er sich eingestehen, war — Ides Kopf , über den er sieh noch vor einigen Tagen lustig gemacht hatte: ein Hügel mit widerspenstigen schwarzen Stauden. Wendelin weinte bitterlich. * Eine grosse Wandlung vollzog sich nun an Wendelin. Er war zwar früher schon nicht eben anmassend gewesen. Aber in ungetrübter Munterkeit hatte er seine Person doch aufrecht vor sich hingetragen und hatte sich hie und da ein Wort der Widerlegung und Rechtfertigung erlaubt. Doch jetzt schien er gebeugt unter dem Drucke der Demut, der er sich ergab. Noch so starke Arbeitszumutungen nahm er mit schweigsamem Gehorsam hin, ja, kam ihnen zuvor. Er meinte, bei solchem Verhalten die Welt mit seinem Judengesicht aussöhnen zu können. Ganz, wie wenn er ein wirklicher Jude gewesen wäre. Kein Wunder, dass er auch dieselbe Enttäuschung erleben musste, wie die wirklichen Juden. Der Bauer Rezni freute sich ungemein seiner verdoppelten Dienstfertigkeit. Und als er die Ursache dieser erstaunliehen Erscheinung erfahren hatte — es verbreitete sich blitzschnell im Dorfe, dass er einen „Juden" im Hofdienste habe — wusste er alsbald Wendelin zu veranlassen, dass dieser die Dienstfertigkeit verdreifachte. Er brauchte ihm nur auf eine gewisse impertinente Weise ins Gesicht zu sehen und Wendelin flog. Den Burschen reichte er schon von weitem den Tabaksbeutel hin. Hatten sie sich aber mit schadenfrohem Behagen die Pfeifen vollgestopft, dann hiess es zum Dank: „Ide, da hast, steck wieder ein." Kein Mensch nannte ihn mehr mit seinem eigentlichen Namen. Auf dem Kirchgang wurde ihm aus dem Mensehenstrom ein „Ide" über das andere zugerufen. Die Weiber wollten sich ungemein beirrt und in ihrer Andacht gestört gefühlt haben, dass sie in der Kirche sein Judengesieht hatten erblicken müssen. Stechende Blicke bohrten sich ihm in die Augen. Der Hut wurde ihm vom Kopfe geschlagen, auf dass sein Judenhaar so recht zum Vorschein komme, und der Täter erntete lachenden Beifall. Man stellte ihm das Bein', dass er stolperte, und mehr als einer würzte sich den Heimweg aus der Kirche, indem er „Tde" einen Rippenstoss versetzte. Und doch hatte er mit grösserer Andacht als sie alle dem Segen des Gottesdienstes sein Haupt gebeugt, alle hatte er mit bescheidenster Anspruchslosigkeit begrüsst, jedem hatte er platzgemacht und keinem Burschen einen Gulden zu „leihen" sich geweigert. Endlich würden sie doch wohl einsehen, was er im Grunde für ein guter und würdiger Mensch war und ihm nicht länger eine Zufälligkeit nachtragen, für die er doch gar nichts konnte. So hoffte er von einem Sonntag zum anderen. Aber die Zeit wollte keine Besserung bringen. Da kam ihm endlich ein Entschluss ganz anderer Art. Es war wieder einmal nach einem solchen Kirchgang. Wendelin sass auf seinem Lager im Stalle. Lange hatte er auf seine Pauste hinabgestarrt. „Mein Gott im Himmel," rief er, „bin ich denn nicht so gut getauft wie jeder andere Christenmensch? Was wollen sie denn eigentlich? Warum tun sie denn so?" Zorn ergriff ihn. Er sprang auf die Füsse und stiess die Fäuste in die Luft. „Tausend Donner noch einmal! Einfach, weil ich mir's gefallen lasse/, tun sie's. Aber ich will nicht mehr, nein! Die Zähne dem eingestossen, der mich noch angrinst!" Er betastete die harten, mächtigen Muskeln seiner Arme. Er wog die geballten Fäuste. Er hatte die wonnevolle Zuversicht, es müsse jeder Kopf in Scherben gehen, den sie trafen. Er hörte sich plötzlich hellauflachen. Und eine wilde Freude packte ihn, so dass er die Zähne aufeinander hämmern Hess. Mit raschen, stossenden Sehritten verliess er den Stall und den Hof.---— Es war wunderschönes Wetter an diesem Sommernachmittage. Ueberall frohe Menschentrüpplein vor den Türen: helle, blau und weisse FarbenfLecke mit roten Lichtern dazwischen. Die Nachricht hatte sieh verbreitet, dass oben im schattigen Hof des Gemeindewirtes Pawel der „Dreibein", ein Kriegsinvalide mit einer Kniestelze, zum Tanze aufspiele. Burschen und Mädchen strömten hin . . . Um den Taubenschlag herum drehte sich schon der Tanz, stampfend und springend. Das drehende Gewoge wurde immer dichter. Pawel mit seiner Ziehharmonika spielte immer begeisterter. Im Stampfen und Scharren und Schleifen verstummte jedes Scherzwort, jede ironische Anspielung auf die Armseligkeit des Orchesters. Jener andächtig rauschvolle Ernst stellte sieh ein, den das Bewusstsein, eine echte und vollgiltige Unterhaltung zu gemessen', hervorzurufen pflegt. Auf den Hüften und Schultern lagen die Arme mit Wichtigkeit. Die Mädchen legten es darauf an, Eindruck zu machen und sich in die Erinnerung des Tänzers als eine anmutige, kräftige, leichtbeschwingte und ausdauernde Partnerin einzuprägen — genau so, als wäre man im Fasching und als spielte die sechs Mann starke Kapelle des Bailog Farkäs aus Malaczka auf und nicht eine einzige simple Harmonika. Und dies alles bewirkte Pawel, der „Dreibein", der hinreissend musizierte, wenn er bei Laune war. Man freute sich ausserordentlich1, dass er heilte bei Laune war .... Er Hess sie scharren und stampfen und schleifen eine lange, lange Zeit, indem er immer wieder vor den letzten Takten mit geschickten Uebergängen in die Eingangsmelodie einlenkte, so dass sie sich alsbald des Wettstreites bewusst wurden, den er ihnen anbot. Sie nahmen ihn mit hellem Lachen an. Seine Arme sollten doch früher müde werden als ihre Beine, und eher sollte ihm als ihnen der Atem ausgehen. Endlich gab er sich für besiegt für einmal. Ein überaus gewaltiger Schlussakkord und die Harmonika verstummte, leise ausröchelnd. Die Tanzenden hatten es ihm abgewonnen. Das Gefühl des Sieges machte sich Luft und es wurde aus Leibeskräften „Juhuhuh!" geschrieen . . . Ondra und Anka hielten sieh an der Hand, trockneten mit der anderen die heissen Gesichter und lachten sich an. Das war einmal wieder ein ausgiebiges Tanzen gewesen. Ondra drückte ihre Hand kräftiger und wollte sie durch das summende Menschengewimmel hindurch in die Sehankstube führen, um während der Pause ein ordentliches Glas Wein miteinander zu trinken. Anka umklammerte mit der gleichen Heftigkeit Ondras Hand. Dicht an dem Tragbaum des Taubenschlages lehnte ein alter Thonkrug. Sie zerstiess ihn mit einem Fusstritt. Beide lachten. Da fühlte sich Anka an dem einen freien Arme erfasst. Es war Wendelih. Er hatte einen grossen Krug Wein in der Hand. In seinem roten Gesicht lag eine Art furchtsamer Entschlossenheit. In seinen Augen flackerte es unsicher. Es war, als würden dort seine heftigen, ungeordneten Herzschläge sichtbar. ,Anka, das bring' ich dir! Tu' mir Bescheid!" Ankas Gesicht drückte einen scharf verweisenden Unwillen über den Schrecken aus, den ihr sein unvermuteter Griff und sein plötzlich auftauchendes Gesicht verursacht hatten. ,,Ach

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