Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Article
Ide
Date
1902-10-31
Page
12 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3316004-3325813--35520-3325896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 „Die £ Welt" Nr. 44 Feuilleton. „Ide". Geschichte eines vollständig Assimilierten. Von Josef Reigner. Die Begebenheit, die da erzählt werden soll, ist tief traurig. Aber ich stehe nicht dafür, dass man nicht im Grunde über sie lachen wird, lachen ohne aufzuhören, tiefes Mitleid mit dem Helden der Erzählung zu haben. Warum? Geben wir statt jeder Erklärung die Geschichte selbst. . Die Geschichte selbst wird die beste Erklärung dieser Merkwürdigkeit sein. Sie hat sich vor zehn Jahren in meiner Hedmat zugetragen und ist eine der hervorstechendsten Erinnerungen meines Lebens. Und noch eines ist sonderbar an dieser Erzählung. Ich wüsste keine Geschichte, die so sehr eine jüdische Geschichte wäre wie diese, und doch — keine einzige der Personen, um die es sich darin handelt, ist aus dem Stamme Israel. Gleich die Hauptperson, der Held, wie man zu sagen pflegt, durfte sich mit Recht einer arischen, christkatholischen Abstammung berühmen und hätte sieh demgemäss für einen glücklichen Menschen halten können, wie er es denn auch war —bis zu seinem drei- oder vierundzwanzigsten Lebensjahre. Ja, Wendelin Pawlacz, der Hofknecht des Bauern Rezni in Uherska, war bis dahin genau so glücklich wie andere slowakische Burschen, denen es nicht an Kraft und Geschicklichkeit fehlt, den Pflug in den Acker zu drücken, die Sense zu schwingen und mit einem Ochsengespann umzugehen. Wenn die Arbeitswoche um Avar, hatte er so gut wie andere seinesgleichen ein blütenweisses Hemd mit gestickten Flatterärmeln, eine kurze blaue Weste darüber mit blinkenden Kugelknöpfen, sowie eine blaue Tuchhose in den glänzenden Schaftstiefeln, an denen unter dem Knie der herzförmige Ausschnitt und die blaue Quaste nicht fehlten. Dann stülpte er. das niedrige schwarze Hütchen mit der blau-weissen Schnur auf den Kopf und trat mit vergnügter Schwerfälligkeit auf die Dorfstrasse, um sich der Sonntagsmusse zu erfreuen. Also, dass Wendelin mit seiner Umgebung vollständig assimiliert war, wird hiernach kaum in Abrede gestellt werden können. Er ging in dieselbe Kirche wie alle anderen, unter denen er lebte, er war Slowake, wie alte anderen, er trank in demselben - Wirtshause wie alle* anderen und — und nun höre man, wie sonderbar es ihm dennoch erging und wie unglücklich er wurde. Er war von seiner Heimat Sohor, das vier bis fünf Stunden von Uherska lag und gleichfalls ein slowakisches Bauerndorf war; nach Uherska gekommen und stand seit sechs oder sieben WTochen beim Bauer Jakob Rezni im Dienste. Und hier in Uherska — wie hätte er es ahnen sollen? — hier musste er in Unglück verfallen. In Unglück welcher Art? In das — Judenunglück! Und nun ahnt man wohl auch schon das Komische an 'Wendelins Tragödie. Den Anstoss zu diesem unheimlichen Glückwechsel gab das scharfe Auge der Anka Homrowka, ihr scharfes Auge und ihr scharfes Maul. Es war nämlich einmal an einem Sonntag. Wendelin drehte die Hoftür auf, um zu sehen, wo sich in vergnügter Weise der Nachmittag zubringen lasse.' Gass' auf, Gass' ab gab es vor den weissen Häuserehen hellfarbige Menschengruppen, stehend, sitzend, oder auch auf dem grünen Rasen am flachen Strassengraben lagernd. Die Frühlingssonne lachte. Auch Wendelin war es froh zumute. Er sehnte sich nach einem Zusammensein mit vergnügten Menschen. * Gerade gegenüber gab es solche. Auf den zwei' Bänken zwischen den blühenden Vorgärten vor dem Hause des Josef Sobotka unterhielt sich junges Volk, Mädchen und Burschen. AnRas volle klingende Stimme drang aus dem Gelächter und Geschwätz am hellsten hervor, ihre Bewegungen waren die lebhaftesten, ihre runden Arme mit den blütenweissen Bauschärmeln fuhren am häufigsten durch die Luft und das rote Bändergehänge über der blauseidenen Schürze war fast fortwälhrend in flutender Bewegung, so viel warf sie sich hin und her in Possen und Spässen. Wendelin hatte eine Zeitlang hinübergesehen, gebannt von dem mutwilligranmutigen Treiben Ankas. Ein starker Drang bemächtigte sich seiner, in ihre Nähe zu kommen, Mit langen Schritten kreuzte er die staubgraue Dorfstrasse und fand auf der einen Bank, wo Martin Chorwat, Peter Uher und Ondra Bar« tawski sassen, glücklich noch einen Platz für sich selbst. Nunmehr konnte er von Anka, die zwischen zwei anderen Mädchen den Burschen gegenübersass, kein Auge abwenden. In ihrem vollen, glanzigen Gesichte leuchteten die Zähne zwischen den lachend auseinanderstehenden Lippen, aus dem durchsichtigen Schatten ihres weissseidenen Kopftuches blitzten ihre klugen, schlimmen Augen. Martin und Peter und Ondra haschten nach Ankas Bändern und bekamen jedesmal einen derben Schlag auf die Faust. Und jedesmal stieg von den Bänken ein klirrendes Gelächter auf, mit einem langen Atemholen danach. Wendelin war voll Verlangen, Ankas Blick auch auf sich zu lenken. Nach einem abermaligen scherzhaften Schemkampf mit Ondra war Anka auf die Bank zurückgefallen, tief aufatmend. Auch die Burschen verschnauften. Der Zugang zu Anka war frei. Wendelin bog sich hinüber, ein verlegenes Lächeln auf dem flammroten Gesicht, und erfasste ihre Schürze, indem er sie mit seinem Blick um ein gütevolles 'Entgegenkommen bat. Er wäre sich als der reichste Mensch der Welt vorgekommen, wenn sie ihn lachend auf die. Hand geschlagen hätte, wie sie es den anderen tat, wenn sie ihn, wie den Ondra, mit derben, so wenig ernstgemeinten Scheltworten überschüttet hätte. Anka aber tat nichts dergleichen. Vielmehr sprang sie mit heftigem Unwillen auf. In böser Rücksichtslosigkeit bekundete sie einen Abscheu, als wäre sie von einer Spinne bekrochen worden. „Was, der will sich auch unnütz machen?" schrie sie und suchte durch forwährendes Schütteln der Schürze seine Hand loszuwerden. „Willst du endlich abfahren? Marsch, marsch, hässlicherJud! Seht ihn an, ist das kein Jud, Lass los, Jud! Aber wirklich, schaut euch nur dies Gesicht an! Das ist ja Ide, . Ide, geh' hausieren! Nichts zu handeln? Keine Hörnchen? Keine Fellchen?" Endlich hatte sie sich unter Grimassen aller Art, durch Werfen und Drehen von der Faust des vernichteten Burschen losgemacht. Mit allen Fingern zeigte sie nach seinem Gesicht, wie um zur Nachprüfung ihrer physiognomischen Behauptung aufzufordern. Ein schreiendes Gelächter schwärmte auf. Mit .schadenfrohem Ergötzen musterten sie sein Gesicht. „Bei meiner Seele, das ist ein Jud!" — „Aber gar kein Zweifel." -— „Seht doch nur, seht doch!" — „Ei, ei!" — „Ide, ein zweiter Ide, bei meiner armen Seligkeit!" — „Gut Schabbes wünsch ich.? — „Joi, joi!" — So schrieen und höhnten sie durcheinander. Anka krümmte sich und keuchte vor Lachen. Ondra, Martin und Peter griffen an Wendelins Gesicht herum. Ondra hob ihm den Hut vom Kopf und kraute und zupfte unter Stössen von Gelächter an seinem Haar. Es liess sich nicht leugnen: keineswegs war c* schlicht und strähnig, wie sonst das Kopfhaar bei den Slowaken meistens ist, sondern wollig, kraus und geringelt. Die tiefliegenden pechschwarzen Augen, das lange Kinn unter den starken Lippen, die grosse geschwungene Nase machten ihn vollends dem von Anka genannten Dorfjuden Ide ähnlich. Ein seltsames Spiel des Zufalls, eine harmlose Laune der Natur, nicht wahr? Doch, was die Natur ohne Harm und ohne Arg geschaffen hat, die Menschen sorgen dafür, dass es unter Umständen zu einem schweren Verhängnis wird. Unter den Juden des Dorfes gab es einen mit Wendelin etwa gleichalterigen Burschen; sie nannten ihn Jüde. Die Slowaken sprachen den Namen „Ide" aus. Sie haben nämlich die Eigenheit, dass sie die Lippen nicht so weit vorstülpen, um ein „ü" zu bewerkstelligen. Ferner haben sie einen Widerwillen davor, vor einem „i" ein Jota herauszulassen. Linguisten mögen ein freudiges Interesse an solchen Erscheinungen haben. Dem frommen Knechte Wendelin diente es keinesfalls zur besonderen Erhebung, sich mit dem Namen des Dorfjuden Ide rekte Jüde belehnt und beschenkt zu sehen. Jüde ging mit Bändern, Nähnadeln, Fingerhüten und dejrgle&chen hausieren unjä tauschte geblümtes Kaffeegeschirr gegen Knochen un4 Hamern. —* '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.