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Die Welt · 1902-10-31 · 44 (31.10.1902) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
44 (31.10.1902)
Article
Ide
Date
1902-10-31
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 4Mb 3$t Wett" Nr. 44 was, lass; mich in Ruh'!" Mit diesen Worten stiess sie brüsk seinen Krug zurück. Gleich darauf zog sie unverschämte, verachtungsvolle Grimassen. „Judengesieht, weich weg!" Und jetzt kommandierte Ondra mit verächtlich in die Luft geworfenem Arm: „Ide, fahr ab, geh' hausieren!" .... Eine dicke Röte stieg in Wendelins Kopf. Zwei-, dreimal ging ihm ein tiefer geräuschvoller Atem durch den lials. Er griff mit den Armen weit aus, hämmerte mit den Zähnen — und mit einem schrillen, schneidenden Wut- und Triumphgeschrei zerschmetterte er den Weinkrug an Ondras Schläfe.------- Ondra war mit einem dumpfen Seufzer wie tot hingefallen. Als man gleichwohl noch ein schwaches Leben in ihm entdeckte, bemühte man sich, ihn durch TJeberstürzen mit Wasser und Einflössen von Wein zum Bewusstsein zu bringen. Aber er erlangte es nicht wieder und verschied am dritten Tage. .,lde'* war von dem ungeheueren Tumult weg, der sich alsbald um Ondras hingestreckten Leib entwickelte, enteilt. Die Dorfsehaft machte sich wutvoll auf seine Spuren. Man fand ihn auf lieznis Heuboden erhenkt. Mit Ekel wichen sie von seinem Leichnam, der endlich ohne Weihe vor der Friedhofsmauer eingescharrt wurde. Dies ist die Geschichte Wendelins von Uherska. So sehr er assimiliert war, so wurde ihm doch sein Judengesicht zum Verhängnis. Ich für meine Wenigkeit lerne daraus* dass unsere Assiniilationsbestrebungen so lange fruchtlos bleiben werden, so lange wir nicht das Mittel entdeckt haben* das Judengesicht verschwinden zu machen. Aber ob dies Mittel jemals entdeckt werden wird? ^ol^s^iFfscbaftlicbey ^eii. lieber die Aufnahme der ökonomischen Tätigkeit in das zionistische Programm *) Referat d e s Dr. Ch. D. Gurew«tsch auf der Minsker zionistischen Konferenz. I. Die Idee der Abgrenzung der Gebiete. Wie eigentümlich es auch scheinen mag, muss man doch die Tatsache konstatieren, dass die zionistische Bewegung sich noch immer im primitiven Entwicklungsstadium befindet. Der beste Beweis dafür ist der, dass die Zionisten aller Richtungen und Abstufungen sich zur ökonomischen Tätigkeit, zum Bestreben, die gegenwärtige jüdische Lage zu heben, feindlich verhalten und mit staunenswerter Einmütigkeit alle ökonomischen Erörterungen aus dem zionistischen Programme wegzuschaffen trachten. Es ist selbstverständlich, dass unsere Kulturzionisten die ökonomische Arbeit nicht anerkennen. Speziell die Kulturzionisten namentlich können die wirtschaftliche Frage in den Bereich ihrer Tätigkeit nicht aufnehmen, da für sie unsere nationale Bewegung nicht politische, sondern ausschliesslich kulturelle Bedeutung hat. Die Kulturzionisten scheuen sich, die alltäglichen und grauen wirtschaftlichen Fragen zu diskutieren, um nicht die weisse Reinheit'und Geistigkeit ihres Programmes zu besudeln. Eben unter diesen Kulturzionisten wurde zuerst der Gedanke von der Abgrenzung der Gebiete geboren, und zwar in der Fassung, dass der Zionismus nur die nationalen und kulturellen Interessen unseres Volkes zu vertreten habe, während die Frage der Hebung der ökonomischen Lage der Juden den Zionismus als solchen nicht angehe. Es scheint aber, dass die politischen Zionisten, die im Zionismus die volle und allseitige Lösung d*r jüdischen Frage sehen, die wirtschaftlichen Fragen doch in das Programm ihrer Tätigkeit aufnehmen sollten. Und nichtsdestoweniger scheint auch der politische Zionismus im Widerspruche mit der ökonomischen Arbeit in der Gegenwart zu stehen. Und in der Tat, wenn man das Grundprinzip des politischen Zionismus, dass nämlich die Sanierung des *) Wir können den Ausführungen des Verfassers, besonders in den ersten zwei Kapiteln, nicht vollständig beistimmen und behalten uns die eventuelle Besprechung und Auseinandersetzung der Widersprüche, in, denen der geehrte Verfasser mit den Tatsachen steht, vor. Die Red. ökonomischen Lebens der Juden nur durch die Massenaus Wanderung nach Palästina erfolgen köune, zugibt, muss man #uch folgerichtig zugeben, dass jeglicher Versuch, die tiage der Juden, auch sonst zu heben, eitel und unnütz sei. Die politischen Zionisten haben noch andere Gründe, weshalb sie die ökonomischen Fragen meiden, und zwar sind diese Gründe rein praktischer Natur. Da man, wie es besonders in Russland der Fall ist, gewöhnlich der Ansicht ist, dass das Wesen jeder ökonomischen Tätigkeit der Klassenkampf ist, suchen sie diese zu verdrängen, um die Solidarität, die dem Zwecke der Gesamtheit unentbehrlich ist, zu bewahren. Wir brauchen Frieden, sagen sie, und schlimmer Frieden ist einem guten Kampfe vorzuziehen, destomehr, wenn dieser Zwist die Volksmassen entzweit. Sie gehen vom Standpunkte aus, dass jede wirtschaftliche Verbesserung des Lebens der Völker nicht anders erfolgen kann, als mittelst der Organisierung verschiedener Menschengruppen in Klassen und aus diesem Grunde glauben sie, dass jede wirtschaftliche Arbeit sich notwendigerweise im Klassenkampfe äussere und wenn nicht die Interessen aller, so doch die einer Klasse beeinträchtige. v\ je könnte man zum Beispiel auf andere Weise die Lage der jüdischen Arbeiter verbessern, wenn nicht durch die Verkürzuog des Arbeitstages und Erhöhung des Lohnes? Aber dies beeinträchtigt ja die Interessen der kapitalistischen Unternehmer, nicht nur der grossen, sondern auch der kleinen, die einen guten Teil der gesamten jüdischen Bevölkerung ausmachen. Dazu kommt der Umstand, dass der Klassenkampf nicht nur die gesamte Judenheit entzweien, sondern auch die Seelenruhe des einzelnen Juden stören würde, da das Klassenbewusstsein das Nationalbewusstsein dämpft, womit also die Grundlage des Zionismus erschüttert werden könnte. Es kommt noch der Umstand hinzu, dass viele Versuche scheiterten, die auf dem ökonomischen Arbeit&feljle gemacht wurden. Zum Beispiel die Gründung der Genossenschaften, die in den letzten Jahren in allen grösseren und kleineren Städten Russlands innerhalb des Ansiedlungsgebietes gegründet wurden und ebenso rasch sich wieder auflösten und nur den völligen Ruin der kleinen Handwerker zur B'olge hatten. Oi^es bestärkte die Zionisten in ihrer Ansicht, dass der Zionismus sich nur auf eine agitatorische und kulturelle erzieherische Tätigkeit zu beschränken habe, die Lösung der ökonomischen Fragen aber entweder dem Leben selbst oder demjenigen Teil der Judenschaft, der diese Aufgabe auf sich nehmen will, überlassen müsse. Sogar die zionistischen Arbeiter, um derentwillen man fast das ökonomische Programm in den Zionismus eingeschaltet hätte, erkennen es an, dass eine strenge Scheidung gemacht werden müsse zwischen der geistigen und materiellen Wiedergeburt des jüdischen Volkes und dass dem Zionismus nur die geistige Arbeit zufalle. " IL Das Verhältnis der Volksmasse und der Intelligenz zum Zionismus. Wie aus dem Vorausgehenden ersichtlich ist, halten sich die Zionisten von aller ökonomischer Arbeit fern und widmen alle ihre Kräfte der organisatorischen und kulturellen Tätigkeit. Und was ist die Folge davon? Die Vertrauensmänner selbst gestehen, dass die Ergebnisse der zionistischen Arbeit weder in materieller, noch in geistiger Hinsicht so befriedigend sind, wie sie sein könnteil. Das innere geistige Leben der Vereine hat sich nicht auf die mögliche Höhe aufgeschwungen, die Schekel- und Aktiensammlung schreitet viel zu langsam vorwärts und kurz, alle Zionisten ohne Ausnahme sind mit dem Zustande des Zionismus in Russland unzufrieden, denn er könnte viel grössere Erfoige aufweisen. Es ist auch nicht zu vergessen, dass die Schekel und Aktien kein Beweis für die zionistische Gesinnung sind. Gar viele Juden betrachten die Zahlung als eine philanthropische Tat und geben das Geld wie ein Almosen her. Ausserdem bilden wir überzeugten Zionisten nur einen Teil der jüdischen Bevölkerung, die grosse Masse ist uns noch viel zu fremd. Der schlagendste Beweis für das kaappe Verständnis, das der Zionismus unter dem Volke gefunden hat, ist der Indifferentismus und das Fernstehen der jüdischen Frau dem Zionismus gegenüber. Zwar ist die jüdische Frau, wie überhaupt jede Frau allzu sehr an Haus und Herd^gebunden, allzu sehr von Familiensorgen bedrückt,' um an den Zeitfragen Anteil nehmen zu können, aber immerhin ziehen alle grossen Volksbewegungen, die in gewissem Masse auch die engeren Interessen des Familienlebens berühren, auch die Frauen an. Da aber unsere Bewegung trotz ihrer grossen erzieherischen Bedeutung für die Familie es noch nicht vermochte, die Frau heranzuziehen, ao können wir daraus snhliessen,

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