Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Rabbi Elchanans Zug
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 11 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 „Die £ Welt" t Seite 11 nachdem sie dieselben bloss einmal getragen haben. Ich hielt es für unmöglich, dass sie ihre Freigebigkeit mir entziehen würden, der ich ein Gelehrter und Poet bin vom Scheitel bis zur Sohle. So setzte ich mich denn hin und verfasste mit viel Plage und Sorgfalt Briefe, die ich an sie richtete; ich rief ihre Grösse an und setzte ihnen meine Not auseinander; und die Art meines. Schreibens war der^ gestalt, wie kein Mann auf der Erde vor mir es wohl gemacht hat. Denn zu Ehren des ersten Mannes komponierte ich ein Akrostichon, welches die Initialen seines;Namens von oben nach unten und von unten nach oben zeigte. Die zweite Epistel verfasste ich in aramäischer Zunge mit Einstreuungen in chaldäisch; und in der dritten ging ich darauf aus, dass jedes siebente Wort die durch Gematrya herausgerechnete Gesamtsumme des Namens des Adressaten enthalte. Ausserdem erfand ich manchen anderen Kunstgriff und manches Wortspiel. Und zwar war mein Gedankengang der folgende: Wenn diese Männer in ihrem Beth- Hamidrasch zusammenkommen, mögen sie in Betreff meiner Gelegenheits-Dichtungen einer zum anderen sagen: „Wahrlich, er ist kein gewöhnlicher Mensch und sein Geist verweilt nicht bei Gemeinplätzen, sondern schweift kühn in die Wildnis und auf unbetretene Gedankenwege; das ist ein Mann, den wir belohnen und ehren müssen für unsere und der Gemeinde Ehrung." In dieser Zuversicht wartete ich; aber nachdem ich eine Woche vergebens gewartet hatte, wurde ich ängstlich und bestürzt, denn auf keinen meiner Briefe war eine Antwort eingelangt. Ich erwog mancherlei und wusste nicht, was ich denken sollte. Hatte vielleicht der Bote, den ich mit der Aufgabe der Briefe betraut hatte, das Geld zu meinem Schaden unterschlagen und dasselbe zu eigenen Zwecken benützt? Leib Tschariner neigte zu folgender Ansicht: dass meine zu grosse Weisheit mir verderblich gewesen sei; denn ich hätte gehandelt gleich einem Manne, der einen mehr als gewöhnlich tiefen Brunnen schlage, um mehr Wasser zu bekommen. Die Männer, von denen ich Dank für meine Mühe erwartete, seien eilig und hastig; sie hätten nicht genügend lange Ketten für ihre eigenen Eimer (um beim obigen Bilde zu bleiben) und verschmähten, fremde zu benützen. Sie wären über meine Briefe hinweggeeilt, ohne einen zweiten Blick darauf zu werfen. Vielleicht war es auch so wie er sagte, und als die Zeit verging und ich nichts hörte, nahm ich es mir zu Herzen und wendete meine Gedanken nach anderer Richtung, denn ich begriff, dass meine Sachen den Krebsgang gingen, das ist nach rückwärts und nicht vorwärts. Da beschloss ich bei mir selbst, eine Schule zu eröffnen, in der ich unsere heilige Sprache lehren und die Jugend in der heiligen Schrift unterweisen wollte. Das brachte mir schwere Sorgen, denn die Knaben waren störrig und widerspenstig, und weder achtsam auf meine Lehren, noch auf die Bezahlung des Unterrichtsgeldes. Und der Zufall wollte es noch unglückseligerweise, dass die meisten meiner Schüler Litwaks waren, und eine andere Aussprache hatten als die meinige, die polnisch ist. So sagten sie „Sibboleth" und was „hiÄ ausgesprochen werden sollte, wurde zu „hu" in ihrem Munde. Aus diesem Grunde ward ich zum Gespötte von ihnen, und eines Tages brachten alle über Verabredung gewisse Höllenwerkzeuge in die Schule und Hessen sie mit Feuerschein und lautem Knall zu meinen Füssen explodieren. Ich floh darauf aus dem Zimmer und bin in dasselbe seither nicht zurückgekehrt, aus Furcht, ich könnte an meinem Körper beschädigt werden. In dieser Not kam mir ein waghalsiger Plan in den Sinn, der aber unternommen werden musste. Ich habe früher von Lütke gesprochen, demselben, der sich zum Denunzianten hergegeben hatte. Ich beschloss, ihn aufzusuchen und ihn* an die verschiedeutlichen Dienste zu erinnern, die ich ihm einst geleistet hatte und ihm zu sagen, dass Geben seliger ist denn Nehmen, und unsere Lands4 mannschaft anzurufen und um Hilfe zu bitten. Aber als ich mein Projekt meinen Freunden erzählte, lachten sie mich höhnisch aus und sagten: „Was dir einfällt! Lütke und Wohltaten üben! Als wir unsere Synagoge bauen wollten und an ihn um einen Beitrag uns wendeten, antwortete er* er wolle uns seine Hilfe, nicht versagen und entsprechend der Würdigkeit der. Sache beitragen. Am folgenden Tage kam eine grosse Kiste und wir waren sehr vergnügt, denn wir sagten uns: Sicherlich ist da drin eine Gesetzrolle oder ein gestickter Vorhang.für die Bundeslade. Aber als wir die Kiste geöffnet hatten, was erblickten wir? Da waren Ziegelsteine drinnen und ein Stück wurmstichigen Holzes! Fluch über den Gotteslästerer! Schone deine Würde und nähere dich ihm nicht, wenn du nicht willst, dass er dich mit dem Kot seiner Beschimpfungen bewerfe." Ali dieses wurde mir gesagt, aber ich achtete nicht darauf, da ich doch hoffte, er würde mir Gehör schenken, wenn er auch andere verhöhnt hatte. Auch dachte ich mir, es gezieme sich nicht für einen armen Menschen, in seinen Unternehmungen geziert und stolz zu sein. So nahm ich denn einen kleinen Burschen zum Führer, nachdem ich des Mannes Wohnungsadresse erfragt hatte. Denn wer kannte ihn nicht? Waren sie nicht alle hingegangen, um das Haus anzusehen, das er bewohnte und darüber zu staunen, dass in dieser Welt der Sünder dem rechtlichen Menschen vorgezogen wird? Was seinen Reichtum betrifft, so sagte man, dass er ihn durch den Handel mit abgelegten Kleidern und auf andere sonderbare Weise erworben habe. Nachdem wir unsere Körper der vorerwähnten Erfindung, welche unter 'Feuer und Rauch einherftiegt, anvertraut hatten, wurden wir eine weite Strecke geführt und zwar — die Wunder hören nicht auf — unter der Erde und nur in bestimmten Intervallen kommt es an die Oberfläche. Endlich sind wir angekommen und ausgestiegen und zu Lütkes Haus gegangen und die breiten Steinstiegen hinaufgestiegen. Auf mein Klopfen wurden die Tore von zwei weisshaarigen, sonderbar gekleideten Enaksöhnen aufgemacht. Sie hielten mich an und redeten mich an. Aber ihre Worte waren für mich nichts mehr als das Stammeln von Papageien und ich achtete ihrer nicht, sondern rief aus Leibeskräften : „Lütke! Lütke!" Und auf den Lärm kam er heraus — er selbst, denn ich erkannte ihn an der Kerbung seiner Unterlippe, die er sich im Zustande der Trunkenheit auf dem Pflaster gespalten hatte und die du mit deiner eigenen Hand verbandst. Er sah mich verständnislos an und sprach einige Worte zu seinen Söldlingen. Und dann — so wahr ich lebe, ich spreche keine Falschheit — fassten diese mich an der Schulter und schoben mich vor sich hin und setzten mich auf die Strasse und warfen das Tor mit grosser Gewalt hinter mir zu. So möge das Tor des Gan Eden vor seiner Nase zugeschlagen werden — ich will ihm nicht weiter fluchen, sind doch alle Juden Brüder. Dann bereute ich fürchterlich, dass meine Tollkühnheit alle weisen Ratschläge so missachtet hatte. Ich wurde von Gewissensbissen gefoltert und meine Augen senkten sich vor Scham, denn mein kleiner Begleiter hatte alles gesehen, da er beim äusseren Tor stehen geblieben war; er wird die Geschichte weiter erzählen — gleicht doch der Kindermund einem Sieb, durch welches seine Rede unaufhörlich durchträufelt. Aber mehr als das, ich hatte an diesem Tage ein Silberstück und zwei Kupfermünzen' verausgabt und mein Verdienst war nicht den Schwanz eines wütenden Hundes wert. Nach meiner Rückkunft hielt ich mich beständig in meinem Zimmer auf; kein andererer Mensch sollte seine Äugen an meiner Demütigung weiden. Aber am dritten