Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 43 (24.10.1902)
- Article
- Rabbi Elchanans Zug
- Date
- 1902-10-24
- Page
- 12 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 12 ^*.j&rW0>' Tage kam ein Mann zu mir, der mir von Angesicht unbekannt war und sagte mir viele und vertrauliche Worte. Das Wesentliche derselben war, dass seit vielen Diahren in dieser Stadt kein »guter Hebräer" erschienen sei, dass deren Bewohner, wenigstens diejenigen, die unserem Glauben angehören, durch manche Besorgnisse und Z weif ei geplagt wären; es herrsche viel Verwirrung in ihren Haushaltungen und Geschäften, und es gebe niemanden, der ihnen Rat erteilen oder ihre Aengstlichkeit verscheuchen könne. Ich* der ich in kabbalistischer Wissenschaft bewandert und in die Mysterien von Himmel und Erde tief eingedrungen sei — ich wäre geeignet, dieses Amt auszufüllen; es wäre dabei für mich und ihn viel zu verdienen. Der Plan erschien gut in meinen Augen und ich stimmte zu. Er selbst übernahm das Amt eines Herolds und Büttels für mich und verstand es in Umlauf zusetzen, dass ein Gottesmann atigekommen sei und alle, die von Beschwerden oder Sorgen beunruhigt seien, möchten kommen und es würde ihnen Hilfe werden. Und Teweies, so hiess der Mann, stand im ersten Zimmer und schrieb Täfelchen und nahm das Honorar in Empfang. Wer nichts oder nicht genug mitgebracht hatte, den jagte er davon und liess ihn nicht ins zweite Zimmer treten, wo ich sass und Antworten erteilte. Hauptsächlich waren die Besucher Weiber — Mädchen, die ihre erste Jugend hinter sich hatten und gerne wissen mochten, ob ihnen noch der Trauhimmel bevorstünde; dann Mütter von schlecht beschaffenen Kindern und schliesslich Frauen, denen Gott trotz langen Wartens keine Sprösslinge gewährt hat. Allen diesen antwortete ich nach der Ansicht, die sich in mir bildete. So setzte ich diesen Vorgang mehrere Tage lang fort. Zur Nachtzeit sollte mir Teweies meinen Anteil an dem Einkommen auszahlen, aber er tat es nicht. Aber trotzdem ich Verdacht hatte, dass er mir den gebührenden Anteil zurückhalten würde, wagte ich nichts zu sagen, denn er war ein Mensch von gewalttätigem Wesen und groben Manieren. Plötzlich tauchten dunkle Gerüchte auf und eines Tages erschienen drei vertrauenswürdige Männer bei mir und sagten gegen Teweies aus, dass er ein Abtrünniger sei, der unseren Glauben abgeschworen und viele Jahre mit den Heiden gelebt habe. Teweies konnte gegen seine Ankläger nichts einwenden, denn seine Falschheit war zu offenkundig. Die drei Männer packten ihn und warfen ihn unter Schlägen aus dem Zimmer. Ich aber gelobte ein dreitägiges Fasten, um die Befleckung durch den Verkehr mit dem Manne zu sühnen. Aber achte, wie Uebles immer Uebles im Gefolge hat. Denn Verleumder erhoben sich gegen mich, welche behaupteten, ich hätte von des Menschen Missetaten Kenntnis gehabt und hätte ihn an meinen Busen gedrückt und mit ihm Freundschaft gepflogen. Die Behauptung hat Glauben gefunden und keine Seele kam seitdem über meine Schwelle; selbst meine Landsleute sehen mich schief an und misstrauen mir. Die Zukunft liegt dunkel vor mir und meine einzige Hoffnung ist, dass ich — wenn ich über die grossen und heiligen Tage hier verweile — von irgend einer Gemeinde auserkoren werde, vorzubeten und feierliche Predigten über die Reinigung von ihren Sünden zu halten; dafür würden sie mir einen bestimmten Lohn geben und ausserdem würden zu meinen Gunsten Spenden gemacht werder. Dieses Geld soll mir dazu dienen, in meine Heimat zurückzukehren und wenn es nicht mit der bedungenen Summe ist — unser zukünftiger Schwiegersohn muss sich mit deren Herabsetzung zufriedengeben, wenn er in Wahrheit sein Herz an unsere Tochter verloren hat So möge dir denn dieses als Bericht von mir genügen , und fürchte dich nicht, denn Gott vergisst die nicht, die seinen Geboten nachkommen., Und die folgenden wenigen Vorschriften in Bezu^ auf unseren Haus halt möchte ich dir noch ans Herz legen: Was das Fleisch betrifft, das zu meinen Sportein von Seite der Gemeinde gehört, so verwende es für deinen Lebensunterhalt, äainit dii und unsere Tpchter nicht Hunger leiden. Den Talg aber, der mit zur Ration gehört, lasse auflösen und dann gefrieren und verkaufe ihn in der Stadt und das Erträgnis hiervon lege für die Hochzeit beiseite. Wenn aber das Gefrieren des Fettes in dieser heissen Jahreszeit Schwierigkeiten machen sollte, würde ich dir raten, Gruben in den Boden zu graben und dasselbe dort in geschlossenen Töpfen aufzubewahren; denn der Talg kann leichter verkauft werden, wenn er hart und spröde ist. Und der geeignetetste Platz für das Aufbewahren wird —- denke ich — die Nordseite unseres Hofes sein, wo der grosse Baum steht, der die Stärke der Sonnenstrahlen durch seine Zweige abhält. Und weiters schau zu, dass du beim Futter unserer Milchziege die Nachtschatten von den guten Kräutern absonderst, damit sie nicht hin werde, wie es mit der anderen passiert ist; und Ziegenfell ist ein Ding von geringem Werte und trägt kaum den Preis für einen Pelzkragen gegen die Winterkälte. Preis sei dem Herrn der Heerscharen! Wussteich dehn nicht, dass Er Seine Rechte von seinem Getreuen nicht wegziehen werde? Gerade in diesem selben Augenblicke erhalte ich deinen zweiten Brief, der mir frohe Botschaft bringt. Tausend Rubel, sagst , du? Ach, ach! Mein Herz hüpft vor Freude und meine Stimme erhebt sich zu Psalmengesang und Dankgebeten.. Sicherlich ist es Gottes eigener Finger gewesen, der das Lotterierad so gedreht hat, dass es bei der Nummer unseres Loses stehen geblieben ist. So werde ich denn meine Angelegenheiten in dieser Stadt, die nicht gross sind, erledigen, und mich zur Heimreise rüsten, um diesem Sendschreiben so rasch als möglich zu folgen. ^oll^s^Mscbaftlicbei8 ^eiL Juden Oesterreichs! Ein neuer Geist ist in unser Volk eingezogen, der Geist der Selbsthilfe. Aus den Juden des indolenten Geschehenlassens sind Juden der zielbewussten Tat geworden und so gibt es ,denn heute — selbst in Oesterreich (!) — jüdische Männer, die ihre ganze Kraft daran setzen woilen, um die traurige Lage ihres Volkes im Geiste einer mutigen Selbsthilfe zu bessern, seine gebundenen Kräfte für Gegenwart und Zukunft frei zu machen! Der gute Wille dieser Charaktervollen findet aber einen schlecht vorbereiteten Boden. Die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs sind nicht klargelegt, keine deutliche Zeilen spräche weist unsere Arbeitswilligen dorthin, wo ihre Kraft am nötigsten wäre. Es gibt noch keine Statistik des jüdischen Volkes und damit fehlt auch die Vorbedingung, für ein ezielsichere Realpolitik. So notwendig und unerlässlich diese ist, so un erlässlich ist auch die Schaffung einer einheitlichen Statistik des jü dischen Volkes. S cho n einmal haben wir uns in dieser für das Judentum hochbedeutsamen Angelegenheit an unsere österreichischen Volksgenossen gewendet — leider nicht mit dem erwünschten Erfolge, der uns ermöglicht hätte, mit den nächsten Arbeiten, und zwar: 1. der. Zusammenstellung aller auf die jüdische Bevölkerung bezughäbenden statistischen Quellenwerke (Bibliographie), 2. der Sichtung des in den Matriken, amtlichen Publikationen bereits vorliegenden statistischen Materials raschest zu beginnen. Wir wenden uns heute nochmals an alle Juden Oesterreichs, die den Wert einer verlässlichen Statistik für