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Die Welt · 1902-10-24 · 43 (24.10.1902) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
43 (24.10.1902)
Article
Rabbi Elchanans Zug
Date
1902-10-24
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Welt" Nr, 43 unserer Stadt in den Tagen verschwand, welche der Niederwerfung des Postanye*) folgten. Und wir alle dachten damals, däss er nach Sibirien verbannt worden und dort seinen Leiden erlegen ist. Die^Art seiner Flucht warein Wunder Gottes; denn im Begriffe, sein Haus zu verlassen, um zu fliehen — da er verdächtig geworden war — traten zwei Abgesandte der Polizei in den Hausflur und einer von ihnen frug ihn: „Bist du Chajim Drontover?" Denn sie kannten ihn nicht. Und Gott verlieh ihm die Weisheit und Geistesgegenwart zu folgender Antwort: „Nein, ich bin es nicht; aber ich komme von ihm, er sitzt mit seiner Familie gerade beim Mittagmahle; er wohnt im dritten Stocke.* Die Polizisten hielten ihn nicht weiter auf. Er versteckte sich unter einem Kehrichthaufen, wo er den ganzen Tag zubrachte, in der Nacht aber floh er und kam in dieses Land. Und sein Weib Marjam, die auf dem Marktplatze nackt gepeitscht worden war, um ihres Mannes geheimen Zufluchtsort zu verraten, kam über seine Aufforderung in dieses Land, nachdem sie sich von den Folgen der Züchtigung erholt hatte. Aber nun hat sie dieses Leben verlassen und der Tag, an welchem ich Chajim traf, war der zweite Jahrestag ihres Todes. Und von einem anderen will ich dir noch Mitteilung machen, obgleich er nicht wert ist, dass sein Name von solchem Mund ausgesprochen werde, welcher nur Worte der Rechtlichkeit zum Ausdruck bringt; ich spreche von Lütke, dem Schlemmer, wie er genannt wurde. Ich hoffe, du wirst dich an ihn erinnern; er war ein wilder, liederlicher Geselle, der keine Scham kannte vor Gott und den Menschen. Ein Wunder ist es, dass angesichts seiner Schlechtigkeit und Tücke die Sonne am Himmel nicht Flecken bekam* Nachdem das Mass seiner Laster voll geworden war und er sich in grossen Geldnöten befand, ging er zu den Spähern, welche in den Wäldern nach den dort verborgenen Insurgenten forschten — denn es war die Zeit des Aufstandes — und bot sich gegen Bezahlung an, den Ort zu bezeichnen, an dem grosse Vorräte von Pulver, Munition und sonstiger Ausrüstungsgegenstände aufgespeichert waren» Nachdem er zuversichtliche Zusagen betreffs des Lohnes erhalten hatte, verriet er den Ort, an dem auch wirklich die Vorräte gefunden wurden; sie wurden nach Wratislawlk wegtransportiert, die Insurgenten aber waren ihrer Hilfsmittel beraubt und konnten in diesem Teile des Landes den Krieg nicht weiter führen. Er aber ging, um dem Zorn der Aufständischen zu entgehen, die ihm,nach dem Leben trachteten, mit den Spähern zurück, und hielt sich unter den Soldaten auf. Deiner Schwester Tochter hat uns erzählt, wie sie ihn vor ihrem Tor in die Soldatenkantine gehen sah, um seine Schüsseln aus dem gemeinsamen Kessel zu füllen. Eines Tages war er verschwunden; wie ich ihm wieder begegnet bin, werde ich dir später erzählen. Denn vorerst will ich dir von gewissen Sachen sprechen, die ich in diesem Lande bemerkt habe und wodurch mein Herz mit Kummer erfüllt worden ist. Denn die Leute unseres Stammes, die hier wohnen, sind durchaus nicht gottesfürchtig. Im Gegenteil, sie handeln oft den Lehren und Geboten unserer Weisen zuwider. So sah ich gar wenig Frauen — obgleich sie Mütter von Kindern sind — einen Scheitel**) tragen, was ein Zeichen der Matronenschaft ist; sie treiben sogar einen grossen Luxus mit ihren Haaren. Hinwieder schaben sich die jungen Männer und sogar manche der älteren das Gesichtshaar und gehen glatten Gesichtes einher gleich Hunden, die räudig sind. Noch mehr: sie tragen schamlos Eegenschirme an Sabbaten und Festtagen, obgleich diese Stadt keine Umwallungen hat, sondern nach allen vier Seiten offen daliegt. Ja, sie kleiden *) Aufstand. **) Perücke. sich sogar in Kleider, in welchen Schaf- und Baumwolle gemischt sind, was eine abscheuliche Sünde ist, für die es gar keine Gnade gibt. Und dann habe ich von einem Greuel gehört, das grösser ist als alle früher erwähnten zusammengenommen. Sie haben ein Gotteshaus — ich möchte es eher ein Gotteslästererhaus nennen — in welchem Knaben und Mädchen ununterschieden vereinigt sind zum Gesang der Sabbat-Hymnen, worinnen auch ein Mann durch Hineinblasen in lange Röhren Musik macht, so dass die Zerstörung unserer heiligen Stadt solcherart unter diesen Leuten in Erinnerung gebracht wird. Nachdem ich all diese Sachen gewahr worden war, miei ich von nun an selbst das Trinken der Milch; das Fleischessen habe ich seit dem Verlassen der Heimat unterlassen. Denn in einem Lande, wo solche Entheiligungen geduldet werden, kann man keinem Menschen in Bezug auf die Reinheit und Tauglichkeit der Nahrungsmittel vertrauen. Seitdem nähre ich mich von den Erzeugnissen des Bodens und den Früchten der Bäume und von Fischen, die in Oel geröstet sind, gemäss der Art und den Gewohnheiten der Gegend. Und nun komme ich zum Gegenstand meines Zuges: der Mitgift. Und was diese betrifft, hege ich keinen Groll gegen den, welchen wir für unserer Tochter uns ausgesucht haben, trotzdem er sich selbst so hoch bewertet hat, dass ihm fünfhundert Rubel als Mitgift gegeben werden müssen. Denn er ist ein guter Junge und Meister eines Handwerks. Es soll bei uns sich nicht ereignen, wie bei so vielen anderen, denen ihr Schwiegersohn auf dem Halse liegt, dem sie Nahrung und Kleidung und Unterhalt geben müssen, bis er gelernt hat, die Suppe mit seinem eigenen Löffel auszuteilen. Und weiters — muss es nicht gesagt werden? — unsere Tochter gleicht nicht anderen Mädchen, deren Zunge humpelt und hinkt, so dass ihre Worte nur zögernd herauskommen und eines über das andere straucheln. Und diese Dinge bedürfen des Glanzes des Geldes, um die Augen des Freiers zu blenden. Dass sie drei Abschnitte der Mischna hersagen kann — was ist das wert? Es gilt für nichts in diesen unfrommen Tagen. Was die Leiden betrifft, die ich ausgestanden habe oder die mir noch nach dieser Richtung bevorstehen, ich mache mir nichts daraus; mögen sie als Sühne meiner Vergehen angesehen werden und mögen sie widrigere Strafen von mir abwenden. Uebrigens ist es nicht recht und billig, dass bei allen freudigen Gelegenheiten irgend ein Beigeschmack von Bitternis dabei sei, um uns daran zu erinnern, dass wir uns im Exile befinden und inmitten unserer Gegner wohnen? Um zu meinem Ziele zu kommen, wendete ich mich zuerst an unsere Landsleute, die in dieser Stadt wohnen. Und zwar ist ihrer keine geringe Zahl; auch gibt es in der Tat keine Gegend unter der Sonne, aus der nicht ein oder zwei Bewohner in dieser Stadt zu finden wären, ja sogar S c h e o 1 und T o p h e t *) nicht ausgenommen, denn ich habe hier Teufel herumstolzieren gesehen, die eine Haut haben schwärzer als Ebenholz und kleine wollige Hörn er auf dem Kopfe; aber ihre Schwänze waren nicht sichtbar, denn das Landesgesetz verbietet ihnen, unbekleidet zu bleiben. Um auf die Landsleute zurückzukommen, so empfingen sie mich gastfreundlich und waren mir wohlgesinnt, allein sie sind arme Leute, die selbst kaum genügend Brot haben, und leben gewiss nicht wie Gott in Frankreich, wie man hier zu sagen pfiegt. Von ihnen kann ich also nichts erwarten. Aber nach ihrer Weisung, die mir gut schien, schlug ich verschiedene Wege ein. In dieser Stadt gibt es Männer unseres Stammes, die Gott mit Reichtümern gesegnet hat; man sagt, dass sie aus goldenen Schüsseln essen und die Kleider wegwerfen, *) Die Hölle.

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