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Die Welt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Article
Rabbi Elchanans Zug
Date
1902-10-17
Page
11 (sequence 3)
Language
German
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Nr, 42 „Die.,..£ Weltöt Seite 11 Nachdem er mich einige Zeit angeglotzt hatte, sprach er mich folgendermassen an : „Was treibt dich°'aus deinen Türpfosten, Judas Ischariot? Bist du auf der Suche nach den verlorenen Stämmen?« Indem ich meinen Aerger darüber, dass er mich so sonderbar benannt hat, unterdrückte, erwiderte ich ihm: „Mein Sohn, unsere Weisen sagen: „Wer seinen Mund in Unwissenheit rföffnet, wird ihn in Verwirrung schlies&en." J3.s,.steht geschrieben, dass die Kinder Israels auf der jenseitigen Seite des Sandflusses Sanibation verweile^ .werden, den niemand durchqueren kann, denn die ganze Woche über wird er .von Wirbelwinden oder von Stein und* Staub durchzogen und am Sabbat, wenn Ruhe herrscht, ist es nicht erlaubt, mehr als tausend Ellen zu reisen, der Fluss aber misst tausend und eine Elle in der Breite.", Und die ganze Gesellschaft hörte erstaunt zu, nur der vorerwähnte junge Mann aber — der meine Anwesenheit nicht beachtete, als wäre ich ein Heufeimen oder ein Felsslück, wendete sich zu ihnen und begann abermals: „Ist es nicht sonderbar, dass dieses Volk so verstockt an seinem Aberglauben festhält? Und da spricht man von Fortschritt und Erleuchtung in unseren Tagen!tf Aber da konnte ich nicht länger an mir halten und begann wieder zu reden: „Junger Herr/1 sagte ich, „es mag möglich sein, dass wir in Bezug auf unseren Glauben im Fihsterh wandeln und den Zweck und Sinn der Dinge nicht erkennen; das düifte vielleicht seine Ursache darin haben, dass unsere Augen durch die Tränen über die Not unseres Volkes erblindet sind. Aber das eine wissen wir und halten es hoch, dass der Fremde in unseren Toren mit Güte und Höflichkeit behandelt werden soll und dass es sich für einen Grünschnabel schickt, vor grauen Haaren Respekt zu haben. Denn was für Segen liegt im Wissen, wenn dasselbe durch Herzenstücke vergiftet wird Und dann schwieg ich. Aber keiner antwortete und der junge Mann beschäftigte sich emsig mit dem Putzen seiner Gläser. Ich aber stand auf und begann das Abendgebet leise vor mich herzusagen, die drei Schritte nach rückwärts am Schlüsse der achtzehn Gebete nicht vergessend. Und dann schlief ich fest ein und schlief die ganze Nacht durch. Aber als ich des Morgens erwachte, war Weh und Unglück über mich gekommen: die Ringlocken an der Seite meines Hauptes, der Stolz meiner Schläfen und das Zeichen meiner FrÖmmigkeit, waren bis auf den Grund abgeschoren und in meinem Gürtel fand ich einen Papierfetzen stecken, auf welchem diese Worte geschrieben standen (ich habe sie mir seitdem lesen und erklären lassen): „Ahasverus, du hast mich von der Falschheit meiner Wrege überzeugt, deshalb habe ich, eingedenk deiner Worte, deine grauen Haare mit mir genommen, um ihnen in meiner Mussezeit den geforderten Respekt zu bezeigen." Und die Botschaft war gezeichnet: „Bierbauch, Student der Theologie". Dann stand ich auf — denn ich war von der ganzen Gesellschaft allein gelassen worden — und wünschte ihm alle Leiden Hiobs und rief ihm alle Flüche zu, welche dem Bileam gegen die Kinder Israels auszustossen nicht erlaubt worden waren. All dieses schleuderte ich ihm zu und ich zweifle nicht, dass seine Hände jetzt schon gelähmt sind und sein Augenlicht verdunkelt ist. Was aber meine Ringlocken betrifft, sind sie noch nicht in der notwendigen Länge wieder gewachsen und ich fürchte sehr, dass sie nicht mehr in der alten Stärke spriessen werden, denn ich bin ein alter Mann und das Mark in meinen Beinen ist ausgetrocknet und meine Sehnen sind gebrechlich gleich Strohhalmen. Doch ich will meine Klagen zurückhalten, denn es könnte der Fall eintreten, dass diese Botschaft dich an einem Sabbat erreicht und es würde die Sünde auf mein Haupt fallen, dein Herz an solch einem Tage mit Sorge zu erfüllen. Darum will ich lieber darangehen, dir zu erzählen, welche Erlebnisse ich durchgemacht habe, bevor ich das Ziel meiner Reise erreicht hatte, wobei ich stets den Weisungen Möschkes des Glasers gefolgt bin. So lenkte ich, als ich nach Hamburg gekommen war— dem Orte meiner Einschiffung — meine Schritte geradewegs dem Schiffe zu. Als ich meinen Fuss auf die Schiffstreppe setzen wollte, klopfte mir jemand auf die Schulter und sagte schlau zu mir: „Freund." sagte er, „deine zehn Gebote hängen dir hinten heraus/' Als ich mich umschaute, bemerkte ich, dass die Zizes*) heraushängten, und ich schob sie an ihren Platz zurück und musste über die Unwissenheit und Narrheit der Heiden sehr lachen. Dann stieg ich in die Tiefe des Schiffes hinunter und sie wiesen mir einen Platz an, an dem ich während der Reise verweilen sollte; er war düster und schmutzig, mit schmalen hölzornen Bärken längs der Wände, welche Särgen gleich sahen. Und ich spuckte aus in Verwünschung des Gedankens. Aber ich war doch sehr erschrocken, denn du weissr, dass dies meine erste Seereise war. Da hörte ich einen lauten, dröhnenden Ton, der vielleicht das Gebrüll eines Seeungeheuers sein mochte, und gleich darauf setzte sich das Schiff in Bewegung, und zwar indem es hin und her schwankte. Zuerst schaukelte es nicht heftiger, als du die Wiege unserer Tochter Lea bewegtest, da sie noch ein Säugling war; aber bald wurde die Bewegung sehr heftig, augenscheinlich, dass das Schiff zwei verschiedene Wege zu gleicher Zeit machte, und endlich verlor es das Gleichgewicht und kippte um sich selbst herum, — gleich einem Schläfer, der sich in bösem Traume hin- und herwälzt — bis der Fussboden ober den Köpfen stand. Da setzte ich mich dann auf meinen Koffer unten, denn meine Eingeweide waren durcheinander geworfen und meine Gallenblase kam mir bis in den Schlund. Ich will dir die Gefühle beschreiben, die ich empfand: Du erinnerst dich, wie du mit den anderen Leuten, der Stadt Zeuge warst des Henkens der Gefangenen, die während des Aufstandes ergriffen worden waren. Ein merkwürdiger Zauber beherrschte deine Augen, so dass du sie nicht: wegzuwenden imstande warstMbis das Urteil an allen sechs vollstreckt war; dann aber verfielst du auf der Stelle in eine Ohnmacht, dass drei Tage lang keine Nahrung über deine Lippen kam und du nichts anderes tatest als ächzen und stöhnen, so dass ich fürchtete, du würdest deine tr^ue Seele aushauchen. Dieser Art waren meine Leiden wahrend dieser Tage der Ueberfahrt, uud als ich wieder auflebte und wieder zu empfinden anfing, dass ich noch ein lebender Mensch war, da erhob sich — in der vierten Nacht — ein Sturm, der das Schiff in feine Arme nahm und es entweder in die Himmelswoiken hinauf- oder in die Meerestiefe hinunterschleuderte. In meiner grossen Angst ergriff ich meinen Penfcateuch und öffnete ihn und streute zur Beschwörung ein bisschen von dem Salze darauf, das ich mitgenommen habe, um es nicht vom Heiden kaufen zu müssen, und ich sagte viele Psalmen her, besonders aber den einen, welcher so anfängt: ,,Die, welche sich zu Schiffe aufs grosse Wasser begeben, sehen die Wunder des Herrn. Denn welcher Tod ist so schrecklich, als der von den Leviathans des a. eeres verzehrt zu werden? Bitterlich beklagte ich meine Unvorsichtigkeit, keinen Sack mit heiliger Erde, welche dem Boden Palästinas entnommen ist, mit auf die Keise genommen zu haben. Denn wie würde ich sonst meinen Weg ins Land Kanaan finden, wenn es Gott gefällt, meinen *) Die Fransen der viereckigen Leibjacke.

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