Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 42 (17.10.1902)
- Article
- Rabbi Elchanans Zug
- Date
- 1902-10-17
- Page
- 12 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 12 „Die Welt" Nr. 42 Tag zu endigen? Aber es schien, dass mein Name am Jörn Kipur nicht aus dein Buche des Lebens gestrichen worden war, so dass ich alles überstand. Nach einiger Zeit machte das Meer seinen Frieden mit Gott und die Blitze waren ausgelöscht und der Donnerwagen wurde wieder in seiner Scheune angekettet. Nichts begegnete uns weiter, bis wir in den Hafen einliefen; aber ich schwöre es dir bei meinem Leben und meiner Gesundheit, dass ich nicht weniger froh war, das Innere dieses Schiffes zu verlassen, als es Jon ah war, als der Walfisch ihn ausspie und er nach Niniveh ging, um dem dortigen Volke zu prophezeien. Es erübrigt mir noch zu vermerken, dass der Tag meiner Ankunft der zweite Wochentag war, an welchem nach der Meinung unserer Weisen Gott das Gehennom und Lilith und alle Kinder des Bösen erschaffen hat. Es mag darin der Grund sein, dass meine Botschaft bisher nicht nach Wunsch gefördert ist. Nachdem ich ans Land gestiegen war, kam ich mir vor wie ein Götzenbild der Heiden, denn ich hatte Augen und sah nichts und Ohren und hörte nichts, denn ich war so verwirrt, dass ich die Vorgänge um mich herum nicht fassen konnte. Aber ich hatte das Glück, einen Mann unseres Stammes und unserer Zunge anzutreffen, der mir seine Führung zum Orte meiner Bestimmung anbot Aber vorerst, meinte er, müsse ich ihm ein Goldstück geben, was soviel als zehn Rubel ausmacht, nicht als seinen eigenen Nutzen und Vorteil, wie er beteuerte, sondern weil es üblich wäre, dass Fremde diese Summe zu Zwecken der Pflege der Kranken und des Studiums der heiligen Schriften widmen. Und ich gab diese Summe her, wenn auch mit vielem Herzenszweifel und er führte mich; aber ich erfuhr dann über Befragen, dass der mir angegebene Brauch nicht bestand und dass der Mann mich betrogen hatte. Nun, wenn er in Wirklichkeit ein Studierender des Gesetzes ist, missgönne ich ihm das Geld nicht, wenn aber nicht, möge es in seinem Haushalte zur Heilung schrecklicher Krankheit gebraucht werden. (Schluss folgt.) \)o!\{sxb\vfscbafalicber ^>eil. Bodenreform und jüdische Sozialpolitik. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, dass mit dem Fortschritte die Armut wächst und sich die Gegensätze zwischen den Besitzenden und dem Proletariat immer mehr verschärfen. Die Vervollkommnung der Technik und die Verbilligung der Transportmittel drücken wohl die Preise der Massen-Konsumartikel auf ein Minimum herab, ohne jedoch gleichzeitig die breiten Volksschichten in die Lage zu versetzen, die ihnen dargebotenen billigen und reichlich produzierten Waren kaufen zu können. So entsteht durch die zu geringe Konsumtionsfähigkeit des grössten Teiles der Konsumenten die Ueberproduktion auf der anderen Seite, was wieder wirtschaftliche Krisen, Arbeitseinstellungen und dadurch neues Massenelend zur Folge hat. Die zunehmende Ergiebigkeit der Arbeit, die Erweiterung der Absatzgebiete, die leichtere Beschaffung von Rohmaterialien, die Errichtung von Vorschuss- und Unterstützungskassen und andere soziale Wohifahrtseinrichtungen wären wohl geeignet, die Lage namentlich der arbeitenden Bevölkerung zu heben, dem stehen aber die stets wachsenden Mieten und die unerschwinglichen direkten und indirekten Abgaben an Staat, Land und Stadt gegenüber, die jeden Mehrgewinn absorbieren und jedes Mittel einerHebungderLebensführung illusorisch machen, so dass die Existenzmöglichkeit in den Städten fast zur Unmöglichkeit wird und die Verschuldung des Bauernstandes allmählich zu einer katastrophalen Höh§ anwächst. Henry George hat in seinem Werke „Fortschritt und Armut" nachgewiesen, dass die Ursache dieser unnatürlichen Entwicklung in dem Bestehen des Privatbesitzrechtes auf Grund und Boden gelegen ist und fordert als das einzige Mittel der Erlösung die Aenderung dieses unheilbringenden Systems, indem er den Gemein den den Ankauf der Ländereien und deren Verpachtung — nie aber deren Veräusserung — an die Bevölkerung empfiehlt. Adolf D am as chk e, der an der Spitze der Bodenreformer Deutschlands aus der Schule Henry G e o r g e's steht, hat in seinem jüngsten Werke über „Die Bodenreform"*) sehr interessante Daten darüber gebracht, wie der Wert des Bodens durch den Fortschritt der Kultur und Zivilisation stets wächst. DergBodenwert von Charlottenburg betrug nach Abzug der Werte für alle Baulichkeiten nach Paul Voigt im Jahre 1886 45 Millionen Mark, im J ahr e 1897 300 Mi 1lionen Mark. Id einem einzigen Jahrzehnt ist also in dieser einen Stadt der Wert des nackten Grundes und Bodens um mehr als 250 Millionen Mark gestiegen. Ein anderes interessantes Beispiel von Zuwachsrente zitiert Damaschke aus einem deutschen Blatte „Das Grundeigentum". Ein Bauer hatte seinen Grundbesitz um 50,000 Mar k. vergeblich ausgeboten. Da wurde in der Nähe eine Eisenbahnhaltestelle eröffnet. Es bildete sich sofort eine Terraingesellschaft, die dem Bauern für seinen Grund 1,300.000 Mark bezahlte. Dem Besitzer dieses Grundstückes fiel somit ein Gewinn von 1*|4 Millionen Mark zu, der weder in der auf diesen Grund verwendeten Arbeit, noch in dem darauf investierten Kapital gerechtfertigt war. Das Moment, dass der Bau einer Eisenbahn, resp. die Einrichtung einer Haltestelle in der Nähe notwendig wurde, war das Verdienst der Gesamtheit derer, die zur Hebung der Industrie und des Verkehrs beigetragen haben; das ist aber stets die Gesamtheit schlechtweg, weil die Ursachen der allgemeinen ökonomischen Entwicklung auch die Ursachen jeder natürlichen Bodenpreissteigerung sind. Ebenso wird der Boden an der Peripherie der Grossstädte durch das Anwachsen der Bevölkerung, durch die Steigerung des Verkehrs etc. immer wertvoller, welcher Wertzuwachs wieder nur einzelnen zugute kommt, für die Masse aber nur eine Erhöhung der Mieten und eine Verteuerung des Lebensunterhaltes bedeutet. Deshalb fordern die Bodenreformer, dass Grund und Boden allmählich in den Besitz der Gesamtheit gelangen solle, und dadurch auch der natürliche Wertzuwachs des Bodens als Rente (Zuwachsrente), die gross genug wäre, um alle anderen Steuern und Abgaben zu ersetzen. Da der Uebergang von Privatbesitz in Gemeindebesitz nur langsam erfolgt, schlagen die Bodenreformer die Einhebung einer Steuer vor, deren Höhe diesem der Gesamtheit gebührenden Wertzuwachse entsprechen solle. Also nicht Abgaben auf Nahrungsmittel, Rohprodukte etc., sondern die Verwendung der durch die Gesellschaft erzeugten Rente — für die Gesellschaft. Damaschke spricht mit Ziffern; er zeigt, wie hoch die gesamte Hypothekarschuld des Landes ist, d. h. wie viel Perzent des Ertrages die Bevölkerung für Zinsen jährlich abzahlen müsse, er vergleicht diese Ziffern mit dem *) rKulturproblemeder Gegen wart", herausgegeben von Leo Berg, Band II. Adolf Damaschke, „Die Bodenreform", Verlag von Johannes Räde, Berlin.