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Die Welt · 1902-10-17 · 42 (17.10.1902) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
42 (17.10.1902)
Article
Rabbi Elchanans Zug
Date
1902-10-17
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die # Weit*6 Nr. 42 befrachtet war und mein Plan der war, mich unt°r denselben zu verstecken und so die Grenze zu überschreiten. Denn da ich keinen Pass hatte — nachdem mir das Geld, um mir einen solchen zu verschaffen, fehlte — bestand für mich die Notwendigkeit, mich über die Grenze zu stehlen. So wird ein armer Mann im Lande der Bedrückung gezwungen, unehrlich zu werden. Da die Felle erst frisch abgezogen waren, lagen sie schlaff und unordentlich übereinander und der Geruch war nicht der Duft von Gewürz und Zimt. In diese Felle wickelte ich mich ein und der Kutscher häufte sie auf m*ine Füsse und meinen Körper auf, dass ich nicht entdeckt werde. So fuhren wir weiter, ich rang schrecklich nach Atem, als ich plötzlich eine Stimme ..Halt" rufen hörte. Mein Herz pochte mächtig in der Brust. „Was für Dünger führst du da, Gregoroff?" fragte einer der Zollwächter; ich hörte das Klirren ihrer Säbel. „Keinen Dünger,* antwortete der Kutscher, „sondern uogegerbtes Leder". „Und wie viel Leichen ausserdem?* spottete der Wächter. „Keine Häupter meines heiligen Patrons, kein Wesen könnte da drinnen atmen, höchstens es wäre ein Stinktier ohne Riechschnauze," antwortete mein Kutscher. „Oder ein Jude," fügte der Wächter hinzu und alle lachten unbändig. So wurde uns gestattet, zu passieren, und ich kroch aus meiner Umhüllung heraus und schnappte begierig nach Luft Und dann forderte der Kutscher ungestüm von mir noch zwei Rubel für die Gefahr, in der er gewesen, sonst würde er zum Zollhaus zurückfahren und mich ausliefern. Aber ich überredete ihn zu warten, bis wir das nächste Wirtshaus erreicht haben würden, denn ich war gerade daran, meine Morgenandacht zu beginnen und wollte in diesem Augenblicke mich in kein Geschäft, welcher Art immer, einlassen. Und kaum hatten wir ein Wirtshaus 'erreicht, als ich ihm mit Wodka aufwartete, die billigste Sorte, zwei Kopeken das Mass; und or, der müde war von dem Wachen und auf leeren Magen trank, wurde schläfrig und schlief auf der Stelle ein. Darauf überlegte ich bei mir selbst wegen der zwei Rubel, die ich ihm versprochen hatte. Nicht dass ich die Absicht gehabt hätte, sie ihm als Lohn für seine Gierigkeit vorzuenthalten, noch dachte ich an den Stoss, den er mir gegeben hatte; aber es kam mir das Wort unseres Weisen in den Sinn: „Der einen Schlafenden wecket, stösst eine menschliche Seele mit dem Fusse aus dem Himmel." Und da ich diese Sünde nicht begehen wollte und nicht wusste. wie lange dieser Trunkenheitsschlaf dauern köante und da ich in Hast war, wartete ich nicht darauf, ihm das Geld einzuhändigen, sondern setzte meine Reise fort. So bin ich unter den Händen der Grenzwache durchgeschlüpft, denn Gott hatte sie mit Blindheit geschlagen. Und nun bin ich in das Land Aschk^naz gekommen, welches Edom auf dieser Seite des Jordans ist, in anbetracht dessen, dass seine ßeyölk ru< g gegen unsere Rasse übel gesinnt ist. Und ich machte die Beobachtung, dass ihre Sprache der unserigen nicht unähnlich ist, sondern eine Frühgeburt derselben darstellt, vergleichbar zu ihr etwa, wie ein Affe dem Menschen; und sie sprechen ihre Sprache mit viel Ziererei des Mundes, gleich Mädchen, welche auf die Lippen geküsst werden. Aber davon weiss ich nichts und spreche nur nach Bericht und Hörensagen, In der Wildnis, in der ich mich nun befand, folgte ich genau den Weisungen, welche Moschke Kitzler, der Glaser, mir eingeschärft hatte. Denn du erinnerst dich wohl der Geschichte, wie er vor zwei Jahren in dieses Land Britannia gewandert war, nachdem er einen Brief erhalten hatte, der ihn aufforderte, seines Bruders Erbe zu übernehmen; und als er dort ankam, gab es keinen ßrüder und keine Erbschaft und das Ganze stellte sich als eine Handlung des Mutwillens irgendjemandes heraus, der dem Moschke einen Groll nachtrug und das Mütchen an ihm kühlen wollte. Der Verdacht, es getan zu haben, richtete sich auf Elia Schmendrik, der nach dieser Stadt London ausgewandert war, weil Moschke das Mädchen geheiratet hatte, das Elia liebte. Ich habe Schmendrik aufgesucht und ihn geradeheraus über die Sache befragt; aber er /sah mich starren Blickes an und leugnete, irgend etwas davon zu wissen. So ging ich nach den Weisungen Moschkes vor, die er mit grossen Kosten und viel Seelenpein sich erkauft hatte. Er hatte mir eingeschärft, meinen ersten Weg nac h Ostrowo zu lenken und da dort am Morgen Markt war. hatte ich keine grosse Mühe, einen Wagen zu finden, der dorthin fuhr. Da aber eines der Pferde lahm gelaufen war, kamen wir dort erst beim anbrechenden Abend an. Von da an hatte ich Gelegenheit, mich zur Reise einer gewissen wunderbaren Erfindung zu bedienen, von der ich die Leute habe reden hören, die aber dir, da du in dem Getriebe der Welt unerfahren bist, nicht bekannt sein dürfte. Jetzt, seitdem ich das Ding verschiedentlichemale benützt habe, bin ich schon vertraut mit demselben, aber sein erster Anblick versetzte mich in tiefes Erstaunen. Nachdem ich zuerst mein blinkendes Silber in wertlose viereckige Papierzettel umgetauscht hatte, stand ich in der Dämmerung wartend da, als ich ein Ungetüm mit feurigen Augen erblickte, das aus dem Innern der Erde emporzusteigen und unter Rauch und Flammen auf mich zuzufliegen schien, während es aus dem aufgerissenen Rachen schrille Töne ausstiess. Und in diesem Rachen, aus welchem lange Feuerzungen herausragten,'sah ich drei Männer, gleich Chananja, Michael und Azaria in Nebukadnezars Ofen, doch gleich denen wurden sie vom Feuer nicht verzehrt. Und dann stand das Wundertier keuchend und schnaubend still und ich wiederholte den Segensspruch, den zu sprechen uns beim Anblick eines wundersamen Schauspieles obliegt. Obgleich ich näher schaute, konnte ich die zwei Dämonennicht erblicken, welche nach Moschkes Schwur an die Erfindung angeschirrt wären und sie in Bewegung setzten; und ich konnte mir keine Idee machen über die Art der Fortbewegung und stand da und staunte die Gescheitheit der Heiden an und ihre Geschicklichkeit. Da kam zu mir, der dadurch ganz zerstreut war, ein Mann, der, wie es schien, ein Würdenträger der Stadt war, denn er hatte goldenes Schnurgeflecht auf seiner Brust und eine silberne Kokarde auf seiner Kappe und redete mich an: „W^ohin wollt ihr?" „Ich will nach Hamburg, um das Schiff zu nehmen, Euer Ehren," erwiderte ich. „Dann macht, dass ihr rasch einsteigt, sonst werdet ihr hier gelassen/ sagte er grob; und dabei öffnete er ein Fach an der Seite des Monstrums und schob mich in den Bauch desselben. Seine Eingeweide sind aus Holz und so geformt, dass Menschen auf denselben sitzen können. Eine kurze Weile kauerte ich dort ganz verwirrt, denn ich fühlte den Boden unter mir sich bewegen und in der Finsternis, die draussen herrschte, flog die Gegend an meinen Augen so rasch vorübel*, dass dieselben keine Ruhe fanden. Aber als ich sie der Gesellschaft zuwendete, die an meiner Seite oder mir gegenüber sass, sah ich überall lachende Gesichter, weswegen ich sehr getröstet war, denn Menschen pflegen nicht zu lachen, wenn Todesgefahr über ihnen schwebt. Unter den Anwesenden befand sich ein junger Mann mit Gläsern vor den Augen, einer grossen Narbe auf der Stirne und einer mächtigen Pfeife, die aus einem langen Weidenrohre und einem Porzellai köpfe bestand, im Munde.

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