Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Die russische zionistische Landeskonferenz
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8 „Di* & Welt* Nr. 40 sich ein Gleicher unter Juden fühlte. Sie sind überall da, wo es gilt, die Zusammengehörigkeit zu manifestieren, den Gemeingeist zu fördern, eine wirklich jüdisch-humane Gesinnung darzutun und durch eine, man möchte sagen, demokratische Brüderlichkeit einen Vorgeschmack des künftigen Judentums zu gewähren. Wenn ein Jude in diese Versammlung kam, so sah er ein Stück Judenheimat vor sich, und zwar eine freundlichere und entgegenkommendere, als er sie in seinen Golus-Institutionen findet. Dies ist nicht das kleinste Verdienst der Kongresse und der Landeskonferenzen, und wir zweifeln, ob eine so grandiose, wie die letztens ins Minsk abgehaltene, schon je stattgefunden hat. Was war uns die russische zionistische Landeskonferenz? War sie eine Reihe von Resolutionen? Nein. Sie war eine Feuerprobe des Zionismus in Russland. Sie zeigte, wie mächtig der nationale Gedanke sich in die Gesinnung unseres Volkes eingelebt und zur Leitidee seines Lebens geworden. Und mag es ja auch zu den Vorstellungen von der Abgesondertheit, welche derzeit in der Assimilation noch immer die Herrschenden sind, ganz gut passen, wenn eitrigst nach Merkmaien umhergeschnüfMt wird, aus denen sich der Vorwurf des Landesverrats konstruieren lassen könnte gegen Juden, die nach Minsk zogen, um übei die Lage ihres Volkes zu konferieren. Habeant sibi! So lange das zionistische Programm besteht — und es wird noch recht lange bestehen — wird alle diese Liebesmühe eine verlorene sein, denn wer vermöchte bei klaren und nicht durch den Hass verblendenden Sinnen zu der sublimen Vorstellung sich zu erheben, dass es ein Landesverrat sei, wenn Juden fraternisieren und das leuchtende Beispiel der nationalen Wiedergeburtsbestrebungen nachahmen, das ihnen die besten, edelsten und modernsten der Völker geben? Die Neu-Organisation des russischen Zionismus wurde nicht in endgiltiger Form beschlossen. In der Sache macht der Ursprung dieser Reformvorlage keinen Unterschied. Ein Antrag, welcher eine so einschneidende Veränderung in der Organisation vornimmt, konnte nicht zustimmend erledigt werden, bevor er die entschiedene Unterstützung sämtlicher Parteien besitzt. Herr Ussischkin mag taktische Gründe haben, um die eine oder die andere Modalität für die Inangriffnahme der Frage zu wählen, die Reform wird dennoch in jedem Falle, trotz grosser Modifikationen, sein Werk bleiben. Herr Ussischkin ist auch nicht ernstlich ein so jupiterhafter Ukas-Zionist, wie ihn seine Gegner bemängeln. Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich schaudere nicht weniger als jeder andere über die Summe von Elend und Notdurft, die über den Häuptern unserer lieben Pioniere in Palästina sich angesammelt hat. Und ich erkläre mir den Beschluss bezüglich des Nationalfonds als ein Ergebnis eines psychologischen Moments. Es ist ein erhebender und zugleich menschlich schöner Anblick, wenn die Repräsentanten der ersten Kolonisten, umgeben von hunderten Zionisten, als unsere Heroen und Lieblinge gefeiert werden. Ich begreife es, dass eine tiefe Bewegung entsteht, so oft diese Trefflichen auf einer zionistischen Platform erscheinen. Wir werden und dürfen nie vergessen, dass wir ernste Pflichten gegen diese Leute haben, dass wir unsere eigene Zukunft sichern, wenn wir unaufhaltsam darauf bedacht sind, das Los dieser wenigen zu bessern, jede Reform, welche diesem Ziele dient, aufs wärmste zu unterstützen, doch müssen wir1 reiflich überlegen, ob wir den gross angelegten Zionismus nicht zu der Methode des halbphilanthropischen und kleinen Ischuw zurückdrängen. Sympathisch und belehrend war es, dass die thatkräftige und hochgeachtete Odessaer Palästina-Gesellschaft ihre Harmonie und Anerkennung kundgegeben hat, wir dürfen aber nicht zurücksondern vorwärtsstreben. Als strammer und konsequenter Bekenner des Zionismus in seiner gegenwärtigen modernen Fassung bin ich vielleicht zu argwöhnisch, aber ich habe das Gefühl, dass ein retrogrades Bestreben existiert, dessen Kernpunkt es eben ist, die kleinen Experimente unter Zurückschraubung der Entwicklung wieder zum Mittelpunkte des Zionismus zu machen. Vielleicht ist dies ein Wahn des Vorurteils. Es wird ja jetzt keinem politischen Zionisten einfallen, Zug um Zug, Schritt um Schritt die Massnahmen der früheren Kolonisten nachzuahmen. Der Beschluss bezüglich des Nationalfonds empfiehlt sich nach sehr genauen und sachkundigen Berathungen, mit Rücksichtnahme auf die Hauptziele und Aufgaben des politischen Zionismus. Wir begrüssen diesen Beschluss als eine edle Intention. Und nun zur Kulturfrage. Diese Angelegenheit haben viele am Herzen, sei es, dass sie sie freut, sei es, dass sie sie drückt. Einige Redner in den Vorkonferenzen haben allerdings ärgerlich ausgerufen, es sei an der Zeit, mit der Kulturdebatte eine Ende zu machen, aber wie sehr die Sache doch die meisten Zionisten interessiert, geht daraus hervor, dass die erstbeste Gelegenheit die lebhaftesten Debatten darüber hervorruft. Man konnte das in Minsk recht deutlich beobachten. Also diejenigen, die die Kultusfrage totschweigen möchten, sprechen damit keineswegs die vorhandene Grundstimmung aus und reden überhaupt nur deshalb so, weil ihnen die theoretischen Streitigkeiten bei der praktischen Agitation bisweilen einige Schwierigkeiten bereiten. Dabei übersehen sie, dass der Zionismus, der sich mit Recht rühmt, den jüdischen Geist zu heben, gar nicht anders kann, als für die Fortentwicklung des jüdischen Geistes zu sorgen. Manche glauben, die Abneigung breiter hyperorthodoxer Volksschichten sei eine Folge der Kulturtendenz und deren Manifestierung. Es ist so bequem, so praktisch, für die schwierigsten gesellschaftlichen Probleme sofort eine Lösung zu wissen. Wodurch entsteht der Widerwille der „Chassidim" und der Obskuranten gegen den Zionismus? Durch die irrigen Anschauungen über Religion, durch die Unwissenheit, durch die Trägheit, durch die Feigheit, durch die Golus-Verkümmerung des Unternehmungsgeistes und des Mannesstolzes. Wer versteht dies? Dagegen antworte man auf alle diese Fragen mit dem einzigen Worte: Kultur! sofort wird alles begriffen, sofort wird der Sündenbock entdeckt, dessen Haupt mit allen Sünden belastet wird, und nun klatschen alle Beifall, die die Ursachen nicht ergründet haben. Es hilft aber nichts — die Mehrheit auf allen Kongressen und Landeskonferenzen stimmt immer für die Kultur. Viele haben betont, dass die Landeskonferenz in Minsk ein stiller, ein reiner Geschäftsparteitag sein werde. Nun, das ist nicht eingetroffen. Die Landeskonferenz war von Prinzipienfragen förmlich überflutet. Schon die Organisationsfrage bot eine Menge von grundsätzlichen Erörterungen. Die Organisationsdebatte ist wie die Etatsdebatte in den Parlamenten: man spricht da über alles, was man auf dem Herzen hat. Einerseits ertönen die Berichte : soundsoviele Vereine, soundsoviele Kränzchen, Klubs etc. Dann kommt die oft treffende, zuweilen aber auch nörgelnde Kritik: man ist recht grossprechend mit den Zahlen der Vereine, aber wenn man sie ansieht, merkt man bald ihre Hinfälligkeit! Die Kritik kann bei dieser Gelegenheit die Schranken der Frage nicht streng einhalten und wird oft zur Ordnung gerufen. Die Diskussion wird ermüdend, zersplittert sich in Details lokalen Charakters, doch wäre es Leichtfertigkeit, sich über deren Bedeutung und weitreichende Konsequenzen hinwegzusetzen. Man muss sich sagen, dass die Probleme, welche diese gewaltige Menge bewegen, von einem erschütternden Ernste und von