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Die Welt · 1902-10-02 · 40 (2.10.1902) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
40 (2.10.1902)
Article
Die russische zionistische Landeskonferenz
Date
1902-10-02
Page
9 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 40 „Die 2& Welt" Seite 9 einer edlen Ehrlichkeit sind- Zuweilen geht alles drunter und drüber; manche nehmen den Mund ein wenig zu voll; aber im grossen und ganzen bekundet all dies ein Streben nach Ordnung und Festerknüpfung des Bandes. Dann erscheinen die Projekte. Der „Clou* war zweifellos der fix und fertige Plan Ussischkins. Das Projekt ist einigemal schon, aufgetaucht, aber immer an seinerUndurchführbarkeit geseheitert Ussischkin verteidigt sein Projekt in einer wahren machtvollen „Hunnenrede". Stramme Disziplin in der zionistischen Hierarchie; die kleinste Auflehnung wider die Autorität soll unnachsichtlich gezüchtigt werden; ein Todesurteil über die Vereine, hingegen Schichtung der Schekelzahlergruppen. Der klare und energische Geist des tüchtigen Antragstellers sieht in der gegenwärtigen Lage einen Zustand von unentwirrbarer Konfusion, in der wohlorganisierten und strengen Leitung hingegen ein Paradies. Nun kann man wohl der aufopferndem Agitationsfähigkeit Ussischkins ein ehrenvolles Zeugnis ausstellen, ohne auf die Zweckmässigkeit einer zu strammen Disziplin zu schwören. Das Lockendste an seinem Projekt ist die Idee einer zionistischen Garde, also einer Ueberzionisten-Gruppe, die sich mit Leib und Seele der zionistischen Propaganda widmen soll. Das Projekt fand viel Aufmerksamkeit, Zustimmung und Beifall. Doch konnte das Projekt zu keinem greifbaren Resultate führen. Die zu diesem Zwecke ernannte Kommission stellte nur gewisse Thesen auf. Es war gut, dass die endgiltige Organisation nicht beschlossen, sondern ferneren eingehenden und sorgfältigen Beratungen überwiesen wurde. Nichtsdestoweniger blicken wir mit Genugtuung auf den wohlgelungenen, gedankenreichen Verlauf der Debatte zurück. Grosse Gesichtspunkte wurden entschleiert und viele Details, denen man das Interesse nicht versagen kann, zur allgemeinen Kenntnis gebracht, so z. B. die aktiven und die fiktiven Vereine, das Verhältnis der Schekelzahler zu den organisierten Zionisten u. dgl. Die gegenwärtige Kolonisationsfrage spielte in den Verhandlungen der Landeskonferenz eine hervorragende Rolle. Die traurige Lage der Kolonisten und der Arbeiter ist zur Genüge bekannt. Bis jetzt sind die Versuche bei der „Ica", sie zu einer grossen Rettungsaktion zu bewegen, fehlgeschlagen, und da die Not in Palästina unbeschreiblich gross ist, so bleibt den Aermsten unter den Kolonisten nichts übrig, als sich an zionistische Kongresse und Landeskonferenzen zu wenden. In den schweren Tagen, die sie durchzukämpfen hatten, war es für sie ein wonniges Gefühl, als sie fortwährend Beweise der Liebe und der Brüderlichkeit aus zionistischen Kreisen empfingen. Es ist also natürlich, dass sie in Minsk wie in Basel erschienen sind. Das Herz blutete, als diese unsere Besten über das Elend sprachen; wir fühlten uns ganz ergriffen, als sie uns „Grüsse" vom Ahneniande, vom armen Ahnenlande überbrachten, und erschreckt, als sie uns von dem Ankauf der Ländereien durch verschiedene Volksangehörige anderer Staaten erzählten. Ob es aber richtig war, unter dem Eindrucke dieser zweifellos richtigen und traurigen Tatsachen den Beschluss zu fassen, der Nationalfonds möge sofort den Ankauf von Grundstücken in Angriff nehmen, ist mir nicht ganz klar. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, den Nationalfonds sofort zu leeren, in aller Hast Grundstücke zu kaufen, ja diese Unterstützuug wäre ein Wagnis, dessen Verantwortung eine politische zionistische Organisation nicht so leicht übernehmen wird. Die Frage wurde von zwei Referenten: Ach ad-Ha am und meiner Wenigkeit, behandelt. Ich will nicht Gesagtes wiederholen. Achad Haara hat die nationale Erziehung eingehend und klar behandelt Er empfahl zwei prinzipielle Leitsätze zur Annahme. Ich übernahm in Stellvertretung des Dr. Kohan-Bernstein das Referat über praktische Kultur. Da Ach ad-Ha am den Standpunkt seines „geistigen Zentrums" vertritt, so musste ich meine Tendenz der Vollständigkeit eines Programmes des politisch-kulturellen Zionismus kennzeichnen. Ich suche im Zionismus eine kräftige, jugendfrische Partei, mit einem wirksamen und zugkräftigen Programm, mit Klarheit über ihre ganze Richtung und Stellung zu den entscheidenden Tagesfragen. Dann kamen, wie gewöhnlich, die verehrtesten Rabbiner und von einer Masse von eingeschriebenen Rednern gewählte Generalredner, zuletzt auch unsere Repliken. Endlich wurde fast einstimmig der Beschluss angenommen, zwei Kommissionen für progressiv-nationale und traditionell-nationale Kultur zu ernennen. Es könnte jemand den Eindruck empfangen, dass mit Ach und Krach ein Kompromiss-Antrag durchdrang, der in ebenso schönen als nichtssagenden Worten etwas von zwei Richtungen in der Kultur enthält. Im Grunde aber ist es nicht so arg. Meine Vorschläge für durchführbare Verbesserungen — ein ziemlich langer Wunschzettel, der nur das Minimum dessen enthält, was dringend nothwendig ist — wurden den Kommissionen überwiesen. Der Zionismus erblickt ferner in der Kulturfrage eine seiner wichtigsten und aktuellsten Aufgaben, deren Inangriffnahme seitens der Vereine dringend geboten ist. Behufs angemessener Förderung der auf diesem Gebiete erforderlichen Arbeit ist eine Teilung notwendig, welche die bisherige Organisation dahin erweitert, dass zwei Kommissionen gewählt werden. Nur muss den einzelnen Richtungen möglichst viel Spielraum bleiben. Die Richtigkeit dieses Argumentes kann nicht bestritten werden. Ich erstrebte lieber eine unbedingte Annahme meiner praktischen Vorschläge, der Standpunkt der friedliebenden Mehrheit machte sich dahin geltend, dass man nicht das Wünschenswerte beschliessen solle, sondern dass man einen gangbaren Weg zeige, wo man weiter komme. Das Präsidium verstand meisterlich die Kunst, den Pulsschlag der Mehrheit zu erlauschen. Nun hängt es von den Kommissionen ab, den unfruchtbaren Kampf um Worte aufzugeben und an die Arbeit zu schreiten. Auf ökonomischem Gebiete ist das Ergebniss sehr gering. Dr. Gurewitschs Vortrag war gründlich und grossartig. Er deflnirte die ökonomischen Begriffe, zeigte die Entwickelung der Arbeitergenossenschaften und stellte ihren Vorzügen die Gefahren gegenüber. Wie durch die gepflogenen statistischen Erhebungen erwiesen wird, macht die Proletarisierung der Juden erschreckende Fortschritte. Die ökonomische Organisierung stellte Herr Dr. Gurewitsch mit Recht als einen politischen Faktor ersten Ranges dar. Das Material verdichtete sich dann in einer Reihe von Vorschlägen, die einer Kommission überwiesen wurden. Dies die praktischen Resultate. Das Wichtigste ist das öffentliche Hervortreten und der Zusammenschluss des Zionismus in Russland, und da die Stärkung der Teile das Gedeihen des Ganzen bedeutet, so kann man sagen des Gesamtzionismus. Die Landeskonferenz in Minsk war eine grosse Tat, die eine grössere Inanspruchnahme der Hilfsquellen und der Energien der jüdischen Nation für die Verwirklichung des zionistischen Ideals ermöglichen wird. N, Sokolow. Welt-Nationalfondsfest. EinVorschlag. (Aus dein hebräischen Manuskript übersetzt.) Die Jahreskonferenz steht nahe "bevor. Sollte sich das Volk gar nicht regen, während seine Vertreter zusammenkommen, um über seine Zukunft Rat zu pflegen? Kein! Man wird wohl zugeben, dass es geboten wäre, zur Zeit des „kleinen Kongresses* oder einige Tage vorher das Volk aufzurufen und die Auf merk-

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