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Die Welt · 1902-10-02 · 40 (2.10.1902) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
40 (2.10.1902)
Article
Die russische zionistische Landeskonferenz
Date
1902-10-02
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 „Die s£k Welt^ Seite 7 nicht zu leugnender Geschicklichkeit die Gelegenheit wahrgenommen, ihn im Hui umzudrehen und das skandalöse „Daas-Rabonimu-Anathem damit zu beantworten, dass sie ihr seit einigen Jahren ventiliertes Projekt, im Zionismus eine orthodoxe Gruppe zu formieren, mit allem Nachdruck auf die Tagesordnung setzten, und es den zahlreichen orthodoxen zionistischen Vereinen nahelegten, durch schleunigen Beitritt zu dieser neuen Gruppe an den zionsfeindlichen Anhängern des alleinseligmachenden ChassidismusRevanche zu nehmen. Nicht anders ging es den „Weltverbesserern", die im Namen der Klasseninteressen des jüdischen arbeitenden Volkes den Zionismus befehdeten. Das Zurückdrängen des jüdischenVolksgedankens und des nationalenWiedergeburtsbesirebens musste von vielen volkstümlich fühlenden jüdischen Arbeitern mit Unmut empfunden werden und früher oder später zur Sprengung des „Bundes" führen. Bemerkenswert aber bleibt zweierlei: Erstlich der Zorn, mit welchem die Fanatiker der Arbeiterassimilation durch das ehrliche Betonen der „Judennot* erfüllt werden. Die weitere Herrschaft der „Rabbis" und der „Gewirim" — das wäre doch einmal die vielgesuchte, ökonomisch vollkommene, zukunftsreiche Entwicklung! Wenn man trotzdem in der Verunglimpfung des Zionismus mit den Chassidim und Assimilanten gemeinsame Sache macht, was anderes folgt daraus, als was wir von jeher behauptet haben, dass die Partei, welche für das jüdische Volk nur die Existenz von Klasseninteressen anerkennt, nichts anderes ist, als die schlechthin assimilatorische Partei? Ja. wenn die Zionisten sich verpflichten wollten, fremden Völkern zugefügtes Unrecht zu rügen, welche Wolke von Weihrauch würde zu ihnen emporsteigen! Da sie aber eigene nationale Interessen zu vertreten gesonnen sind, werden sie samt ihren „reaktionären* (weil jüdischen!) Bestrebungen gesteinigt. Zweitens aber ist es, seit Arbeiterkreise in das zionistische Lager eintraten, von der Ausschliesslichkeit der Bourgeoisie im Zionismus auffallend stille geworden. Die Witzlinge, welche sich vor Lachen nicht zu halten wussten, sobald von „zionistischen Arbeitern" die Rede war, sind auffallend rasch veranlasst worden, vor der eigenen Tür zu kehren. Wir wollen nicht sagen, dass die Reihe zu lachen nunmehr an uns sei, aber ob der Unüberwindlichkeit des eisernen Ringes des Bundes an der Zukunft zu verzweifeln, dazu, denken wir, ist just auch kein Grund vorhanden. Für den gebildeten Beobachter der russischen zionistischen Landeskonferenz waren das Erscheinen des „Misrachi" als Gegengewicht der zionsfeindlichen Orthodoxie und der „unabhängigen" ökonomischen Reformer (Niesawisimtzy) als Gegengewicht des anationalen Marxismus hochbedeutende Ereignisse. Damit ist, welche Wendung immerhin in Zukunft der häusliche Krieg unter unseren Parteien noch nehmen mag, in diesem Augenblicke die Sachlage eine wesentlich andere geworden. Bisher haben einzelne die Idee, der Zionismus möge alle Parteien umfassen, nur akademisch und stets mit dem wehmütigen Bekenntnisse ausgesprochen, dass unter den dermaligen Verhältnissen keine Hoffnung vorhanden sei, dieselbe zu verwirklichen. Die neuesten Kundgebungen aber sowohl seitens des „Misrachi" wie auch seitens der von ihm grundverschiedenen Arbeiterkreise enthalten die unmittelbare und unzweideutige Aufforderung, die Zionisten (von rechts und links) mögen die Verketzerungen ihrer Genossen (d. h. für Misrachi die Orthodoxen, für die Unabhängigen der B.) gebührend zurückweisen oder, was das Beste wäre, mit der Erklärung ihrer Organisation als einer selbständigen Partei „beantworten — was zum Teil schon geschehen ist. Das ist ein Hammerschlag auf den eisernen Ring des Antizionismus, der genau auf die schwächste und gebrechlichste Stelle desselben trifft und das Schicksal des Zionismus in der zukünftigen Entwicklungsphase hängt davon ab, wie diese Aufforderung von den Orthodoxen und Arbeitern, von denen gewisse Kreise durch den Austritt aus ihrer vorigen Organisation ihr Missvergnügen an dem Gange der Dinge schon kundgegeben haben, beantwortet wird. Freilich kommt fürs erste alles darauf an, welchen Widerhall der Appell dieser Gruppen finden wird. Noch stehen sie allein, noch zögern selbst diejenigen ihrer Parteigenossen, welche schon längst kein Genüge daran finden, ewig für das Danaidenfass der Assimilation zu schöpfen, den bequemen Plaiz an der Tafel der wohlorganisierten Partei zu verlassen und jüdischnationale Politik ohne die Krücke, welche äussere Feindschaft bietet, zu machen; allein dass ein tiefer Riss durch die antizionistischen Parteien geht, das ist nach der russischen zionistischen Landeskonferenz unmöglich mehr zu leugnen. Und nun muss noch hervorgehoben werden, dass man nicht mehr daran zweifeln kann, dass russische Juden fähig sind, wie ein reifes, geschultes und intelligentes Volk für eigene, tiefgefühlte Interessen parlamentarisch zu arbeiten. Nicht bloss die SchmeichLer werden ihnen nachrühmen, dass sie in der auf die Milderung leicht entzündlicher Gegensätze gerichteten Tätigkeit grosse Meisterschaft bekundet haben; dies werden auch die Unbefangenen zugeben. Es ist wohl dem klugen und versöhnlichen Verhalten Dr. Tschlenows zu verdanken, dass so manche kritische Momente ruhiger und leichter vorübergingen, als sie ihrer Natur nach hätten vorübergehen können, doch muss man anerkennen, dass die Ursache nicht in der tüchtigen Führerschaft, sondern in der Macht der einigenden Zionsidee lag, die, so ofc die Hochflut lärmender Temperaments-Ausbrüche sich über die Versammlung ergoss, immer schliesslich die Oberhand gewonnen hat. Es muss auch gesagt werden, dass Leute, die wir seit ihren bescheidenen Anfängen kennen, erstaunlich erweise mit der Bewegung, in der sie stehen und von der sie getragen werden, bis zur Unkenntlichkeit emporgewachsen sind. Die Führerschaft — Leute aus dem Volke, welche, was sie tun müssen, ohne Schwäche, aber auch ohne überflüssige Hervorkehrung von Rauheit und Härte, geschwei^ denn von verletzendem Hochmut tun. Sie pflegen nicht einu. grotesken Stolz oder eine permanente Verschlossenheit zu zeigen, hinter welcher sich nicht selten das absolute Nichts oder ein reicher Schatz wichtiger Beschränktheit b:rgt, wie es bei den Allianz-Männern und aufgedunsenen Kommerzienräten der Vorstände häufig der Fall ist. sondern haben ein anderes Geheimmittel, sich die Zuneigung ihrer Brüder, mit welchen sie verkehren, zu erobern, und dieses liegt in ihrem einfachen und natürlichen Betragen. Unwillkürlich drängte sich einem die Parallele auf zwischen diesen echten jüdischen Führern und den reichen Gemeindevorstehern, die sich im Besitze einer Spezialehre di- ' en, welche sie möglichst sichtbar zur Schau tragen mür j, die nicht den unbedeutendsten Schritt unternehmen koiuien, ohne damit zu sagen : Hier sieht man die Grossen Israel«, die durch ein unbändiges, bis zum Vergessen gesellschaftlicher Artigkeit gesteigertes Selbstbewusstsein den Umgang und den natürlichen .Verkehr mit dem eigenen Volke erschweren und "eine peinliche Leere um sich verbreiten. Dort, in Minsk, verkehrte man frei und brüderlich; ein jeder sprach, wie er konnte und wollte; man blickte nicht von oben herab auf den Aermsten. Keine Spur von einfältigem, assimilatorischen Adelsdünkel, von herausforderndem Geld- oder Halbbildungs-Protzentum, wie man sie leider überall unter uns findet. Dort wehte jüdischer Geist und es kostete die Zionisten wahrlich nicht die geringste Selbstüberwindung und sie bildeten sich gar nicht ein, weiss Gott wie lrutS'dig gewesen zu sein, wenn jeder von ihnen

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