Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Erste Landeskonferenz der russischen Zionisten in Minsk
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 99Dk & Welt" 'Seite 5 wird, mit der Zeit in antizionistische Hände geraten könnte. Dieser Einwand sei aber nicht stichhältig; die kulturelle Organisation soll eben in steter Wechselbeziehung zur politischen Organisation stehen und wird tatsächlich durch unauflösbare Bande mit ihr verknüpft sein. Ueberdies habe das Beispiel der Jüdischen Kolonialbank gezeigt., wie man derartigen Besorgnissen wirksam vorbeugen könne. Selbst die Orthodoxen unter uns — meint der Eedner — können die Notwendigkeit nationaler Kulturarbeit nicht leugnen. Im ersten Zirkulare der orthodoxen Föderation „Misrachi." wird gesagt, ein Grundprinzip des Zionismus müsse die Wahrung der Thora sein. Dies aber, sagt Achad- Haam, ist ein kulturelles Postulat. Auch auf dem fünften Kongresse haben die Orthodoxen im Sinne der Notwendigkeit nationaler Erziehung ihre Stimme abgegeben. Was den allgemeinen Gesittungszustancl des jüdischen Volkes betrifft, die Hebung unseres geistigen Niveaus, also das zweite Glied in der Kette der Bestrebungen, die wir in dem Worte „Kultur" zusammenzufassen gewohnt sind und für die die Bezeichnung „nationale Erziehung", wie gesagt ungenau, weil zu eng ist, so ist es unrichtig, wenn man, wie das oft geschieht, darauf hinweist, dass das Niveau unserer Gesittung ungleich höher sei, als das der Durchsehnittsgesittuug anderer Völker, dass bei uns z. B. der Perzentsatz Analphabeten ein verschwindend geringer sei. Diese Tatsache berechtige uns nicht zur Annahme, dass es in dieser Hinsicht mit unserem Volke wohlbestellt sei und dass wir dieses Arbeitsgebiet füglich vernachlässigen dürfen. Es sei eben falsch, hier Vergleiche mit anderen Völkern anzustellen, vielmehr müssen wir unser Volk mit unserem eigenen Massstabe messen und uns fragen, welche hohe Stufe der Gesittung es vermöge seiner natürlichen Anlagen schon erreicht haben konnte und wie tief es demgegenüber noch steht. Der Eedner meint nicht, dass wir innerhalb der zionistischen Organisation Aufkläiungsvereine schaffen sollen; aber wir sollen die Aufklärungsarbeit, die das Leben selbst durch seine gesteigerten Anforderungen an den Einzelnen verrichtet, für unsere Sache nutzbar machen., sollen in die bereits bestehenden Büdimgs- und Aufklärungsorganiationen zionistischen Geist hineintragen. Schliesslich stellte der Eeferent folgende Thesen auf: 1. Der Zionismus, als Bewegung, die eine freie Entfaltung der jüdischen Nationalindividualität anstrebt, muss nicht nur auf unseren materiellen, sondern mindestens in gleichem Masse auch auf unseren geistigen Zustand bedacht sein. 2. Indem der Zionismus eine gesicherte Heimstätte für das heimatlose Volk anstrebt, erstrebt es das gleiche auch für den Geist des Volkes und für die jüdische Nationalkuitur. 3. Zu diesem Zwecke ist die Schaffung einer gesonderten kulturellen Organisation im Schosse der zionistischen Partei notwendig. 4. Die im Prinzipe bereits auf dem V. Kongresse anerkannte Förderung nationaler Erziehung ist gleich notwendig für orthodoxe wie für freisinnige Zionisten. Der Referent schloss mit folgenden Worten: Die nationale Erziehung wird unsere Kinder zu Helden machen, zu Helden — wie der Prophet sagt — „nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch den Geist!" Lang-anhaltender Applaus folgte den Ausführungen des gefeierten Referenten. Sodann erteilte der Vorsitzende das Wort dem Referenten für nationale Erziehung vom praktischen Gesichtspunkte, Herrn K S o k o 1 o w, Redakteur der „Hazefirah". Als Sokolow seine Rede in hebräischer Sprache begann, entstand eine tumultuarische Szene. Es wurde nämlich ein vereinzelter Ruf laut: „Russisch sprechen!" Dies hatte einen Sturm der Entrüstungzur Folge. Die ganze Versammlung wandte sich mit Kundgebungen der Empörung gegen den Zwischenrufer. Endlich machte der Präsident dem Auftritt durch die Erklärung ein Ende, er spreche dem Zwischenrufer die schärfste Missbilligung der Versammlung ans. Niemand habe das Recht, in dieser Versammlung einem Redner den Gebrauch unserer nationalen Sprache zu verweisen. Neben der Wiederbelebung des Volkes sei die Wiederbelebung unserer teuren hebräischen Sprache unser höchstes Stxeben. Wer nicht hebräisch verstehe, der sollte diese Schmach schweigend tragen. Bei diesen Worten des Vorsitzenden erloschen plötzlich die elektrischen Lampen und es wurde ganz dunkel im Saale. Präsident: Seht ihr, meine Brüder, sobald jemand unser Heiligtum, die hebräische Sprache, antastet, wird's uns dunkel vor den. Augen. Der geehrte Herr Referent soll aber sprechen, wenn helles Lieht uns alle umflutet — morgen früh um 9 Uhr. (Heiterkeit.) Damit wurde die Sitzung aufgehoben. In der Montag-Vormittagsitzung erklärte der Präsident, dass der gestrige Zwischenrufer, Delegierter G r a - nowsky, sein Versehen — das nicht einer Missachtung der hebräischen Sprache entsprungen sei, die Herr Granowsky wohl verstehe, sondern dem Wunsche, das wichtige Referat auch von anderen verstanden zu wissen — auf das lebhafteste bedauere und z u m Z e i. c h e n cl e r S ü h n e 100 Rubel für den rJationalfonds spende. Auch die Fraktion, deren Mitglied Herr Granowsky ist, lasse ihr Bedauern über den Zwischenfall aussprechen. Delegierter Granowsky bittet die Versammlung, das gestrige Missbilligungsvotum in der Weise zu widerrufen, dass sie ihm gestattet, sich ins Goldene Buch eintragen zu lassen. (Beifall und Bravo-Rufe.) Sodann, erstattete K Sokolow sein Referat in hebräischer Srache. Er polemisierte in eingebender Weise gegen die Ausführungen Achad-Haams und führte aus, der Zionismus müsse dort ansetzen, wo Mangelndes zu ersetzen ist, nicht aber, wo ein leidlich volles Mass zum Ueberfliessen gebracht werden soll. Unser Volk sei ohnehin ein Volk des Geistes — reich an geistigen Gütern aller Art. Es fehle diesen geistigen Gütern, dieser geistigen Kraft nur an einer materiellen, besser gesagt territorialen Unterlage. Die Schaffung einer solchen werde im Wege der natürlichen Entwicklung von selbst eine Blüte der nationalen Kultur zeitigen. Darum ist und bleibt das Tdeal des politischen Zionismus eine grosse, freie Kolonisation auf dem Boden der Urheimat, nicht aber die Schaffung eine? Zentral Versuchsstation für .jüdische Originalgenies. Was uns nottue, sei die Steigerung unserer Lebenskraft und die Weckung des nationalen Lebenswillens unter dem Volke. Wenn im Volke erst der Wille zu nationalem, bodenständigem Leben erwacht ist, dann wird es seinen Willen auch zu vollstrecken wissen, und wenn wir erst Boden unter den Füssen haben, eine gesicherte Heimstätte gefunden haben, wo wir unsere Kräfte frei regen können, dann werden wir auch einen Sammelpunkt für die geistige Auslese unseres Volkes und deren nationale Kulturschöpfungen haben. Es gehe aber nicht an, die Entwicklung auf den Kopf zu stellen und die Regeneration des Volkes durch das Bestreben herbeiführen zu wollen, schon jetzt einen Mittelpunkt für seine geistige Kultur zu schaffen. Zuerst komme die Wurzel, der Stamm, die Zweige und das Laub — die Blüten folgen nach. Zinn Schlüsse stellte der Referent folgende Thesen auf: 1. Die Allrussische Zionistenkonferenz regt die Vereine an, möglichst viel Musterchederhns zu gründen und ein Informationsbureau für „Informationen und Erkundigungen" zur Gründung