Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 40 (2.10.1902)
- Article
- Erste Landeskonferenz der russischen Zionisten in Minsk
- Date
- 1902-10-02
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 40 sässige jüdische Yolk werde wieder seine eigene Kultur "bereichern, während heute .unsere besten schöpferischsten Kräfte fremde Aecker bestellen. Erst unlängst ward uns Kunde vom Hinscheiden Antokolskys. Es ziemt nicht, am frischen Grabe das Verhältnis des Verstorbenen zu seinem Volke kritisch zu prüfen. Aber wir alle haben wohl mit Schmerz daran gedacht, was der grosse Bildhauer uns hätte sein können. Welchen Schaden hätte die Menschheit gehabt, wenn er anstatt Ivans des Grausamen Herodes künstlerisch dargestellt hätte? Der grausame Herodes, in dem Augenblicke, da er von Keue erfasst wird — er hätte der Begabung des jüdischen Bildhauers unstreitig besser entsprochen. Noch befremdlicher ist es, da ss Antokolsky, als er uns einen weltabgeschiedenen Grossen vorführen wollte, die Gestalt des Mönches Nestor, des Chronisten der russischen Nation, hierzu wählte. Um wieviel näher gelegen wäre ihm die grossartige Persönlichkeit des Gaons von Wilna, dieser Verkörperung unseres genialen, aber lebensfremden Volkes! Belustigend war es, in einem englisch-jüdischen Blatte zu lesen, Antokolskys Schöpfungen wiesen einen echt slavischen Zug auf: die Vermählung der Idealität in der Auffassung mit der Realität in der Darstellung. Er habe dem rein Geistigen greifbare Gestalt gegeben. — Es fiel dem Kunstkritiker des jüdischen Blattes nicht ein, dass dies von altersher ein spezifisches Merkmal der jüdischen Psyche ist. Dies sei ein Beispiel unter tausend anderen. Wäre alles das, was unsere schöpferischen Kräfte hervorgebracht haben, uns selbst, unserer Kultur zugute gekommen, wir würden, wenn nicht das reichste, doch eines der an geistigen Gütern reichsten Völker sein. Unter den heutigen Bedingungen unseres Lebens werden jedoch unsere auserlesensten Talente dem Volke entfremdet und vergessen ihres Ursprungs. Es gibt ein Kulturgebiet, in dem sich der jüdische Geist am deutlichsten offenbaren sollte — das Gebiet der jüdischen Wissenschaft. Wie steht es nun damit? In allen Zweigen der;,Wissenschaft des Judentums" herrscht knechtische Nachahmung der Bestrebungen und Methoden fremder Gelehrter vor. Gibt es über einen Gegenstand jüdisches und nicht jüdisches Quellenmaterial, so wird jenes gar nicht beachtet. Dies wäre bei nicht jüdischen Gelehrten begreiflich, stimmt aber bei jüdischen Forschern zum Nachdenken. Erst vor kurzem habe ein jüdischer Gelehrter aus einem bestimmten Anlasse den Nachweis erbracht, dass die Angaben des Talmud ungleich zuverlässiger sind als gleichzeitige nichtjüdische Nachrichten. Wieviel Spott und Verkennung ist der talmudischen Logik zuteil geworden — auch bei uns Juden! Nun habe in jüngster Zeit ein christlicher Gelehrter dies als ganz ungerechtfertigt dargetan und die Prinzipien der talmudischen Logik als sehr zutreffend und in völkerpsychologischer Hinsieht überaus wertvoll bezeichnet. Der Begründer der „Wissenschaft des Judentums" in Deutsehland, L. Zun z, erklärte sie für nützlieh zur Erlangung der Gleichberechtigung. Ein anderer, nicht minder bedeutender Vertreter dieser „Wissenschaft^ sah ihren Wert darin, dass sich aus ihr die Forderung religiöser Beformen deduzieren liess. Ein dritter jüdischer Gelehrter, der eine Zeitschrift für die Wissensehaft des Judentums herausgab, erklärte in den Sechzigerjahren kategorisch, von heute ab gebe es keine jüdische Geschichte mehr, da das jüdische Volk seinen Kreislauf beendet habe. Es sei nun an uns, die geistigen Schätze eines entschwundenen Volkes zu sammeln lind zu konservieren. Es ist selbstverständlich, dass aus derartigen Anschauungen nichts wahrhaft Bedeutendes und Ursprüngliches erwachsen konnte. Tatsächlich haben die ernsten Forschungen christlicher Gelehrter höheren wissenschaftlichen Wert als die wissenschaftliche Arbeit dieser „Berufenen". Ein zweites Gebiet der Entwicklung unserer spezifischen geistigen Kräfte ist die jüdische Literatur. Als unsere Nationalliteratur könne der Bedner nur die hebräische gelten lassen. Er müsse das umso nachdrücklicher betonen., als in jüngster Zeit der sonderbare Versuch gemacht worden sei, das Jüdisch-Deutsche, den sogenannten „Jargon", zu einer neuen isTationalsprache zu erheben. Für eine solche Absurdität gebe es in der Geschichte kein Beispiel. Der Bedner will bloss eine Tatsache aus der täglichen Erfahrung als unwiderlegliches Argument gegen diese eigentümliche Theorie * vorbringen: das stete xlbsterben des Jargons sowohl bei uns wie in Amerika, wo die Jargonliteratur bloss dem immerwährenden Zufluss neuer Einwanderer ihre Existenz verdankt. Mehr als die Hälfte der hier im Saale Anwesenden mag wohl des Jargons unkundig sein. Und wieviele von denen, die ihn noch kennen, werden ihn auf ihre Kinder vererben? Wenn wir uns von der Pflege und Wiederbelebung der hebräischen Sprache abwenden wollen, um eine Jargonliteratur künstlich grossznziehen, so könnte es dahin kommen, dass wir in hundert Jahren zwei tote Sprachen haben werden; aber ich bezweifle — meint der Bedner — ob man dann der Jargonliteratur die Ehrfurcht entgegenbringen wird, die wir für die hebräische empfinden. Allein auch in der uns so überaus werten hebräischen Literatur ist seit dem Beginn der Aufklärungsperiode kaum etwas wahrhaft Originelles geschaffen worden. Wohin wir auch den Blick wenden mögen, begegnen wir einer Menge von Nachahmungen und TJebertragungen. Kein Wunder, da eben alle ursprünglichen Geister unsere Gefilde verlassen und. nur die mittelmässigen Begabungen bei uns bleiben, die auf uns angewiesen sind. Diese geistige Not sei kein geringeres Unglück als die materielle und wenn der politische Zionismus sich zum Ziele gesetzt hat, eine gesicherte Zufluchts- und Heimstätte für unser heimatloses Volk zu schaffen, dann sei ein zweites nicht minder wichtiges Ziel, das wir verfolgen müssen: die Schaffung eines geistigen Zentrums, eines Mittel- und Sammelpunktes für alle unsere geistigen Kräfte. Die Gründung einer jüdischen Universität, einer jüdischen Akademie der Wissensehaften oder der Künste ist nach des Bedners Ansicht mindestens von so hoher Bedeutung, wie die Gründung von hundert Ackerbaukolonien. Man könnte dagegen einwenden, dass die natürliche Entwicklung eines Volkes von unten nach oben gehe, dass sich auf dem Untergründe eines ökonomisch entwickelten Gemeinwesens eines auch physisch gesunden Volkslebens die Kultur des Geistes zu immer höherer Vollendung aufbaue. Dies mag unter normalen Verhältnissen zutreffen, nicht aber beim jüdischen Volke, das eben unter der Anomalie seiner materiellen und geistigen Zustände leidet. Nur aus dem jüdischen Volke konnte ein Mann wie Salomon M a i m o n hervorgehen, der die deutsche Grammatik noch nicht beherrschte und schon in deutscher Sprache die tiefsinnigsten philosophischen Abhandlungen schrieb. Es ist nun klar, dass es widersinnig gewesen wäre, wenn einer zu Salomon Maimon gesagt hätte, er möge erst die deutsche Sprache erlernen, sieh mit den Gesetzen des deutschen Stils und mit der deutschen Literatur vertraut machen und sieh dann erst mit deutscher Philosophie beschäftigen. Allen Systematikern zum Trotze könne bei uns die Entwicklung nicht diesen schönen regelmässigen Gang nehmen. Achad-Haam konkludiert dahin, dass im Rahmen der zionistischen Gesamtpartei neben der politischen eine gesonderte kulturelle Organisation geschaffen werden müsse. Man habe ihm gesagt, dass nach diesem Vorschlage die Leitung der kulturellen Arbeiten, da sie anderen Personen als den Vorstehern der politischen Organisation obliegen