Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Article
- Zionistische Demonstrations-Versammlung in Liverpool (England)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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Seit« 8 *Dte Walt« Nr. 38 Wo noch, als unter dem grünen Banner des Islam hat der Jude solche Privilegien genossen, so hohe Stellungen bekleidet und so oft sich des Vertrauens von Monarchen erfreut? Als der Halbmond in seinem Siegeszug von Arabien nach Persien, durch Syrien: zu den Gewässern des Mittelmeeres vordrang, folgten die »Juden seinen Pfaden, gründeten in den Städten, die in den mohammedanischen Machtbereich gekommen waren, blühende Kolonien und errichteten an verschiedenen Punkten Schulen, in denen die Rabbiner ihren Schülern ein gediegenes Wissen beibrachten. Sie folgten dem Eroberungszuge des Halbmondes durch Nordafrika und nahmen teil an den Schlachten, in welchen der Islam die Gothenmacht Spaniens niederrang. Als Cordova und andere spanische Städte in die Gewalt der Mauren fielen, wurden sie in den Gewahrsam der Juden gegeben, die sich als treue Bundesgenossen bewährt hatten und von den erobernden Söhnen des Islam mit der grös'sten Wertschätzung behandelt wurden. Die Mauren zogen sie in ihr Vertrauen und verfolgten sie nie. wie es die gothischen Priester getan hatten. Stanley Lane-Poole sagt bei der Schilderung dieser engen Verwand tschaft zwischen Muselmännern und Juden: „Wohin immer die Waffen der Saracenen drangen, finden wir in ihrem unmittelbaren Gefolge die Juden; während die Araber fochten, betrieben die Juden den Handel', und wenn der Kampf vorüber war, vereinigten sich Jude, Maure und Perser in der Pflege der Philosophie, der Künste und Wissensehaften, welche der Herrschaft der Saracenen im Mittelalter das wesentliche Gepräge verliehen." Dann kam der Höhepunkt maurischer Kunst und Kultur, und Averroes und Ibn Senna (Avicenna) erleuchteten die Welt mit dem Lichte ihrer wissenschaftlichen Errungenschaften. Es war eine glückliche Zeit für die Juden. Sie besassen und pflügten den Boden, waren die Vermittler des Handels, die Pfleger der Künste, insbesonders waren sie die Aerzte des Landes. „Jeder," sagt Milman, „sass unter seinem schattigen Eeigenbaume oder seinem schwerbeladenen Weinstock und sang Hymnen auf den mächtigen Gott Israels, der wieder Erbarmen mit seinem Volke hatte." Die Namen der Juden, die unter islamitischer Herrschaft in Spanien grosse Stellungen inne hatten und sich auf dem Gebiete der Literatur, Wisenschaft und Kunst auszeichneten, sind so zahlreich, dass es unmöglich wäre, auch nur einen Teil anzuführen. Einen Namen jedoch kann ich nicht übergehen. Es ist der Moosa (Moses) ben Maimon, in der Geschichte besser bekannt unter dem Namen Maimonides., der am 30. Milrz 1135 in Cordova das Licht der Welt erblickte und nach einer glänzenu'fcn Laufbahn als Schriftsteller und im Dienste der Oeffentlichkeib'am'13. Dezember 1204 in Kairo starb. Er war ein mustergiltiger Typus der edeln Forscher und Denker dieses glänzenden Zeitalters. Sechs Generationen seiner Vorfahren hatten sich bereits in der Wissenschaft ausgezeichnet und sein Vater hatte sich als Verfasser nicht nur religiöser, sondern auch astronomischer Schriften einen Namen erworben. Seinem Vater verdankte Moimonides in erster Linie die Einführung ins Rabbinische und in die arabische Literatur und Wissensehaft. Schon in seiner Jugend beherrschte er das ganze Wissen seiner Zeit. Speziellen Einflüss nahm auf ihn Averroes, der maurische Lehrer, dem das Wiederaufblühen der Wissenschaft in so hohem Grade zu danken ist. Er besuchte Fez, Acre und Jerusalem und reiste dann nach Kairo, wo er durch seine Geschicklichkeit als Arzt die Aufmerksamkeit des Sultans Salah-ud-deen auf sich zog und zu dessen Leibarzt ernannt wurde. Gleichzeitig brachte er durch seine Vorträge in der Synagoge, noch mehr aber durch seine zahlreichen hebräischen und arabischen Werke die verschiedenartigsten Kenntnisse in weite Kreise. Sein Wissen hatte um diese Zeit eine enorme Ausdehnung erreicht. Er studierte nicht nur die Thora, die Propheten und die Hagiographeri, die Mischna und den Talmud auf das gründlichste, sondern meisterte auch den ganzen Umfang der arabischen Wissenschaft und griechischen Philosophie, soweit letztere durch arabische UeberSetzungen ihm zugänglich war. Er schrieb arabische Traktate über Astronomie, Mathematik und Medizin, welche bei den arabischen Studierenden in hohem Ansehen standen. Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, dass das mosaische Gesetz und die mündliche Ueberlieferung Israel nicht zu dem Zwecke verkündet wurden, um es zu blindem Gehorsam anzuhalten, sondern dass die Offenbarung als Ganzes die höchste Wahrheit in sich sehliesse, dass nicht blosse sklavische Befolgung des Gesetzes die höchste Stufe darstellt, sondern treue Beobachtung desselben auf Grundlage der Kenntnis seines inneren Zwecks, und dass es daher die dringendste Pllicht eines jeden Israeliten sei, es gründlich zu studieren, um es nicht nach dem Buchstaben, sondern nach seinem richtigen Geiste zu befolgen. Seine wichtigsten theologischen Werke waren folgende: „Commentar der Mischna", in arabischer Sprache. Dasselbe beschäftigte ihn zehn Jahre, indem er es im Jahre 1158 in Fez begann und im Jahre 1168 in Egypten beendete. Es fand" nachher mehrere Uebersetzungen ins Hebräische und wurde in dieser Form mit den Talmudausgaben vereinigt. Es enthielt die 13 Glaubensartikel, die nach der Meinung des Verfassers jeder Jude halten und bekennen muss, wenn er nicht als Apostat gelten soll. Dieselben wurden später dem Synagogen- Ritual einverleibt, um von den Andächtigen täglich hergesagt zu werden. Dieses Werk enthielt auch das „Buch der Gebote" oder eine Sammlung aller biblischen Vorschriften, deren Zahl man immer mit 613 bezeichnet hatte, die aber nicht immer richtig gesammelt worden waren. Sein grösstes Werk, ein wahrhaft gigantisches Unternehmen, das ihn zehn der besten Jahre seines Lebens beschäftigte (1170 bis 1180), war eine vollständige Sammlung des jüdischen Gesetzes, in Nachahmung des Talmud in 14 Bücher geteilt, das er unter dem Titel: „Das zweite Gesetz" veröffentlichte. Das erste Buch, welches die Pflichten der Erkenntnis festsetzt und hauptsächlich theologischen Inhaltes ist, wurde von seiner Herausgabe bis auf den heutigen Tag von den jüdischen Gottesgelehrten als ein Werk von unschätzbarem Werte gepriesen. Sein drittes Werk, der „Führer für die Irrenden" oder, wie es auch manchmal heisst, „Der Lehrer fiir die Verirrten" (in arabischer Sprache geschrieben und noch zu seinen Lebzeiten ins Hebräische übersetzt), hatte einen überraschenden Erfolg und hat noch immer einen grossen Wert. Es sollte dem Zwecke dienen, durch klare und genaue Darlegung der göttlichen Dinge und Grundsätze des Judentums ein nutzbringendes Studium der heiligen Schriften vorzubereiten. Obwohl seither 900 Jahre verflossen sind, erscheinen noch immer neue Ausgaben davon. Durch die ganze jüdische Geschichte hindurch glänzt Maimonides als Stern erster Grösse auf dem Gebiete der Literatur und Wissenschaft. Er gewann bereits zu Lebzeiten die gleichmässige Verehrung von Juden, Christen und Mohammedanern und einen echten, weitverbreiteten Ruhm. Sein Haus in Kairo war von Kranken belagert, die in ihm einen gütigen und geschickten Helfer fanden, und im Auftrage des Sultans setzte man a.uf sein Grab die Worte, dass er „ein Auserwählter des Menschengeschlechtes" gewesen sei. So hoch wird sein Andenken von seinen Glaubensgenossen geehrt, dass er gleich an zweiter Stelle nach dem grossen Gesetzgeber Moses kommt, was der Ausspruch beweist: „Von Moses bis Moses entstand kein zweiter Moses." Doch wir müssen diese Blütezeit jüdischen und islamitischen Wohlergehens verlassen und uns den düsteren Zeiten zuwenden, wo der Islam aus Spanien vertrieben und das schwarze grausame Inquisitionsgericht eingesetzt wurde, das seine Opfer unter den treuen Bekennern der zwei Schwesterreligionen erkor, die die grosse ewige Wahrheit verkündeten: „Es gibt nur einen Gott." Jude und Mohammedaner litten gemeinsam. Beide waren gezwungen, aus Spanien zu flüchten, um ihr Leben zu retten. Und >yo fanden die Juden eine Zufluchtsstätte? Wieder unter den;Mohanunedanern. Marokko und die Türkei nahmen sie auf; und .noch einmal fand unter dem schützenden Banner des Halbmondes der Jude Sicherheit und religiöse Freiheit. Hunderte von Jahren sind verflossena seitdem die Juden und Mohammedaner Spanien verlassen mussten, noch heute sprechen die Juden in der Türkei spanisch. Bis zum Berliner Vertrag lebten die Juden unter mohammedanischer Herrschaft sicher und glücklich in den Balkanprovinzen; doch als dank diesem Vertrage mehrere kleine Königreiche aus dem Körper der Türkei herausgeschnitten wurden, war das Glück der Juden dahin. Ist der Jude in Rumänien oder Serbien heute sicher? Sie wissen, dass der Jude in diesen beiden Reichen unter der Herrschaft der Skorpion en-Peitsc he steht, und in türkisches Gebiet unter das Szepter des Sultans Ghazi Abdul-Hamid Khan flüchtet er sich', um die Sicherheit für sein Leben und die Ausübung seines Glaubens zu finden, die man ihm anderswo verweigert. Wo in der Welt können Sie eine blühendere jüdische Gemeinde finden als in Saloniehi, einer Stadt, die ich gerade vor einem Jahre zu besuchen das Vergnügen hatte. Unter einer Bevölkerung von 120 000 Seelen bekennt sich ungefähr die Hälfte zum jüdischen Glauben und geniesst die vollste Gewissensfreiheit. Deshalb ist es gewiss keine Chimäre, wenn Sie auf die Errichtung eines gedeihenden jüdischen Gemeinwesens unter der gütigen Herrschaft des Sultans hoffen. Es mag sein, und ist als Haupteinwand gegen eine solche Ansiedlung angeführt worden, dass der Jude zum Kolonisten nicht geeignet, kurz gesagt, dass er von Natur aus ein Handelsmann und kein Ackerbauer sei; letzteres ist jedoch ein Irrtum. Der Jude hatte ursprünglich keine spezielle Neigung zum Handel. In früheren Zeiten war er Viehzüchter, Bodenbebauer und Handwerksmann der einfachsten Art; und wenn Gefahr drohte, war er ein Krieger von ungewöhnlichem Mute, wie die glorreichen Taten des Juda Mäkkabi und anderer jüdischer Helden bezeugen. Der Handel der Juden war sogar noch unbedeutend nach ihrer Rückkehr vom Exil bis zu den mazedonischen Zeiten, wo der Handelsverkehr mit anderen Nationen bei ihnen häufiger wurde. Selbst damals waren sie noch weit entfernt, im Handel aufzugehen, doch in den zahllosen Ländern, in die sie schliesslich durch ihre Zerstreuung gerieten, waren sie oft gezwungen, ganz andere Wege einzuschlagen als bisher. Das Vorurteil der Völker, unter die sie kamen, verhinderte sie oft daran, Eigentümer von Grund und Boden zu werden oder sich dem Handwerk zu widmen. So wurde der Handel für die Juden das leichteste und natürlichste Mittel zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes, und da sie ihn so stark betrieben, wuchs auch ihre Tüchtigkeit. Die Erfolge, die sie