Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Article
- Zionistische Demonstrations-Versammlung in Liverpool (England)
- Date
- 1902-09-19
- Page
- 9 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 38 jn*^:wd& Seite 9 schliesslich errangen, erweckten in ihnen eine Neigung dafür, die ihre Vorfahren nicht besessen hatten. Der erwachte Handelsgeist beförderte ihre Zerstreuung; die Zerstreuung andererseits regte ihren kaufmännischen Sinn an, bis durch die Verbindung dieser beiden Faktoren die Juden überall hinkamen und überall Handels- und Kaufleute wurden. Dass die Juden in den letzten Jahrhunderten ein Volk von Kaufleuten gewesen sind, wurde als Vorwurf gegen ihre Rasse benutzt, obwohl sich das nur schwer begreifen lässt. Ehrlicher Handel ist ein ebenso rechtmässiger Beruf als irgend ein anderer und hat nicht wenig zur Hebung und Annehmlichkeit der Menschheit beigetragen. Dass der Jude noch immer ein geschickter Handwerker werden kann, sehen wir heute in Liverpool, wo viele Zweige des Handwerks zum grössten Teile in ihren Händen sind. Ich glaube, dass das jüdische Volk eine gute Zukunft hat. Allerdings bin ieh nicht der Ansicht, dass Sie alles sofort erreichen werden, und Sie dürfen vom Zionismus keine Wunder verlangen. Mit GecUild erreicht man alles und diese, denke ich, werden Sie haben. Denn mehr als 2000 Jahre haben Sie als Volk geduldig gewartet, geduldig gelitten. Ist es also zuviel, wenn man von Ihnen noch ein wenig Geduld und Vertrauen in den einen einzigen, ewigen Gott verlangt, den Gott, der Adam schuf, der Noah rettete, der Abraham schützte, der Moses die Lehre gaft, der den Schafhirten David zum König von Israel erhob, der Mohammed begeisterte? Der Gott, den sowohl die Israeliten als auch die Bekenner des Islam verehren, wird zur rechten Zeit Israel wieder einen Platz verschaffen in seinem alten Erdteil, wo der Jude unter dem Schutze seines kräftigeren älteren Bruders Ismail singen wird die Worte des herrlichen Sängers Israels: „Der Herr hat mir meine Seele wiedergegeben, er lagerte mich in grüne Triften und füHrte mich an stille Wasser. Er hat mein Haupt gesalbt mit Oel und mein Becher fliesst über." Nachdem sich der Beifall, welchen die interessante Rede des Mohammedaners hervorgerufen1, gelegt hatte, 'bekam (date Wort Mr. L. J. Greenberg, um ein Dankesvotum für den Vorsitzenden Mr. Robson vorzuschlagen. Es ist das erstemal, dass ein hervorragender christlicher Laie einer öffentlichen zionistischen Versammlung präsidiert hat, und Redner glaubt zum Ausspruch berechtigt zu sein', dass einst, wenn die Geschichte der ziondstisehen Bewegung in diesem Lande geschrieben weH#n wird, die epochemachende Ansprache Mr. Robsons darin keinen geringen Platz fmden wird. (Hochrufe.) Nachdem Mr. Greenberg die Vorgänge in den Sitzungen der Frernden-Einwanderungs- Kommission besprochen, richtete er an die einen grossen Teil der Versammlung bildenden Christen einen warmen Appell, die zionistische Idee zu unterstützen. „Wenn Christus heute nach Liverpool käme.' sein Platz wäre auf dieser Platform." (Lebhafter Beifall.) Er wäre auf der Seite der Armen und Unterdrückten, er würde einer Bewegung zustimmen, welche darnach strebt, jene Nationalität wierderherzustellen, zu deren Ehre er gelebt und gestorben ist. "Und wenn Christen in seinen Fusstapfen zu wandeln wünschen, dann muss ihr Verhalten gegen die Juden derart sein, dass sie sich heissest bemühen, den Vorwurf von »Jahrhunderten zu verwischen und ihnen helfen, den ihnen gebührenden Platz unter den Völkern der Erde wieder zu erhalten." Das Dankesvotum wurde einstimmig angenommen. Die in der Versammlung vorgetragenen Ideen machten auf die zahlreichen christlichen Teilnehmer derselben den lebhaftesten Eindruck und spiegelt sich auch in den Berichten der Tageszeitungen wieder. Der Zionismus hat wieder einmal eine Stadt erobert, wie er immer und bei allen normal denkenden Menschen von Herz und Verstand siegreich ist, sc-ferne es nicht — Juden sind, die sich nicht überzeugen lassen wollen. ** Noch einmal die Bilanz der „Ica". In einer Zuschrift an den „Jewish World" schreibt Herr L. Dalidansky, Herausgeber des „JewishExpress" in London: „Es wird die Richtigkeit der im „Jewish Express" vom 6. August d. J. publizierten Bilanz der „Ica" vielfach bestritten. Auch wird konstatiert, dass die „Ica" keine Bilanz publiziere. Gestatten Sie mir, das Dementi zurückzuweisen. Ich habe persönlich die in Rede stehende Bilanz gleichzeitig mit dem Jahresberichte und einer Einführung in dieselbe (in französischer Sprache) gesehen und biete & 25 für irgend ein Woltäfcigkeits-Institut, wenn Mr. A. L. Cohen oder Mr. Claude Montefiore öffentlich erklären, dass die Bilanz nicht im Druck existiere und an die Mitglieder des Vorstandes als streng privat und vertraulich nicht versendet worden ist." « Der „Jewish Chronicle" erklärt, die Information erhalten zu haben, dass ein grosser Teil der Mitglieder des Councils der „Ica" den lebhaftesten'Wunsch hegt, dass dem Jahresberichte die Bilanz oder wenigstens ein Auszug derselben beigegeben werde. Die palästinensischen Kolonisten. Moses Levene in Jaffa . richtet unter dem 27. August 1902 folgenden Brief an den Herausgeber des „Jewish World" in London : Ich erbitte einen kleinen Raum in Ihrem verehrten Blatte zum Zwecke einer Mitteilung über den wahren gegenwärtigen Stand der Dinge in Palästina. Das wird nicht nur dazu dienen, das Publikum über etwas zu informieren, das es nicht versteht, sondern vielleicht auch für alle, die es angeht, irgend welchen Nutzen bringen. Palästina istniemals auf tieferer Stufe gestanden und es sinkt r apid. Das hat weder auf das Wetter noch auf die Saat Bezug. Sie sind heuer so gut gewesen, als der Kolonist es sich nur wünschen konnte; der Miss er folg liegt an der ,.Ica", denn sie proklamierte eine weitere Reduktion der Weintraubenpreise: Fünf Franken weniger als im vorhergehenden Jahre, indem dieselben mit 20 Franken den Kantar festgesetzt waren. Lassen Sie mich an einigen Tatsachen und Gegenüberstellungen die wahre Lage der Kolonisten darlegen. Die Arbeiteausgaben per Dunam, inbegriffen die Zehnten an die Regierung, „Ashara" genannt, betrugen gegen 17°/,. Dann kommen eine separate Landtaxe „Verkah* und dann eine andere Steuer „Askeriah", welche jeder türkische Untertan für die Befreiung vom Militärdienst zu geben hat; zuletzt kommt noch die „Tarakeeiah", eine Reisetaxe. Die minimalsten Steuern betragen insgesammt 25 Frcs. per Dunam. Aber der Kolonist hat noch andere Ausgaben für Arzt, Apotheke, Schulen, Wasser und Wachen u. s. w., welche die gesamten Ausgaben per Dunam auf 30 Frcs. stellen. Die Produktionskraft per Dunam beträgt im Durchschnitt zwei Kantar gewöhnlicher Trauben, (jeder Kantar etwa 300 Kilo), und einen Kantar besonderer Trauben, und als die „Ica" entdeckte, dass ein Kolonist selbst von 50 Dunam leben kann, begann sie die Preise so niedi'ig als möglich zu stellen. Der gewöhnlich gezahlte Preis war 20 Frcs. für den Kantar und 40 Frcs. für feinste Qualität. Nach Abzug aller Ausgaben blieben für den Kolonisten 500 Frcs. fürs Leben durch ein ganzes Jahr. Dieser niedrige Preis war noch ungenügend und die Administration der „Ica" verkündete vor ein paar Wochen eine weitere Reduktion um 5 Frcs. gegen das letzte Jahr. Die Kolonisten empfingen diese Ankündigung mit Verzweiflung, da sie sehen mussten, dass all ihr Bemühen und alle ihre Arbeit vergeblich ist. Noch mehr: Die deutsche Kolonie Sarona bei Jaffa bot den Kolonisten 24 Frcs. per Kantar, was einige Leute aus den Kolonien Petach-Tikwah und Rechoboth annahmen. Wenn es für die Deutschen von Vorteil ist, 9 Frcs. mehr als die „Ica* zu geben, so ist dies ein Zeichen, dass für die jüdischen Produkte ein Markt vorhanden ist. Die „IcaB sollte die Kolonisten nicht entmutigen und zur Verzweiflung treiben. Die palästinensischen Kolonisten haben an die „Ica"- Administration Vorstellungen gerichtet, gegen den Druck der „Ica" protestiert und einen höheren Preis erbeten, widrigenfalls die Oeffentiichkeit auf die ihnen widerfahrende Ungerechtigkeit aufmerksam gemacht werden würde. Und wassind die Folgen hiervon? Unglückseligere, als die Kolonisten sie länger ertragen können. Sie haben beschlossen, ihr Heim zu verlassen und aus-