Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Article
Erste Landeskonferenz der russischen Zionisten in Minsk
Date
1902-09-19
Page
5 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315959-3315998-3324758--34723-3324821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mzs „Die £ Welt" Seite 5 Was haben wir nun gehört? Welches neue Wort? Welchen lebendigen Inhalt? Wieder einmal die schönen alten Redeblüten, die wir alle kennen." — L. Joffe und Mozkin polemisierten gegen die Vorredner» Letzterer sagte, es sei unwahr, dass die „Fraktion" die Religion und die Religiösen bekämpfen wolle; sie wende sich nur gegen diejenigen, die die Religion stets im Munde führen, obgleich sie keine Religion haben. Sie wolle gegen die Heuchelei ankämpfen. Damit schloss die Versammlung. # Die Samstag-Abend-Sitzung war der Verlesung des Referates Ussischkin über die Neugestaltung der zionistischen Organisation Russlands gewidmet. Das Referat ist mit ausserordentlichem Fleisse und mit grosser Sachkenntnis ausgearbeitet Unter gespanntester Aufmerksamkeit hörte die Versammlung das Elaborat eines neuen Organisationsstatutes und den Motivenbericht dazu an. Die Grundlage der zionistischen Organisation bildet, nach der Vorlage des Herrn Ussischkin, die Schekelgruppe. An der Spitze der Schekelgruppen eines jeden Bezirkes steht ein 5—23gliedriges Komitee. Jedes halbe Jahr wird eine Gouvernements-Konferenz abgehalten, die von den Bezirks-Komitees beschickt wird. Diese Konferenz wählt einen Gouvernements-Vorsteher und Delegierte zur Rayons-Konferenz und erledigt alle lokalen Angelegenheiten der Propaganda. Jedes Jahr findet eine Rayons-Konferenz statt, an der die Gouverneraents- Vorsteher und die auf der Gouvernements-Konferenz gewählten Delegierten teilnehmen. In der Rayons- Konferenz wird über alle zionistischen Angelegenheiten des Rayons beratschlagt und ein Rayons-Vorsteher gewählt. Die Zahl der Rayons-Vorsteher beträgt 13. Sie stehen der gesamten zionistischen Arbeit yo% Diese gliedert sich in zwei Teile: i. Allgemeine TätigJkeit; 2. die Leitung der Rayons. Von den 13 Rayons- Vorstehern werden 7 mit der allgemeinen Tätigkeit, die übrigen 6 mit der Leitung der Rayons betraut. Die allgemeine zionistische Tätigkeit umfasst: 1. die Zentralleitung; 2. die Leitung der Bankangelegenheiten; 3. die Leitung der Angelegenheiten des Nationalfonds; 4. die Leitung der Kolonisations-Angelegenheiten; 5. die Leitung des Zentral-Finanzbureaus; 6. Die Leitung der Kulturarbeit. Die Verlesung und Motivierung des neuen Organisationsstatutes dauerte über drei Stunden. Die Versammlung lohnte die vortreffliche gründliche Arbeit des Ing. Ussischkin mit einer grossartigen Ovation. Es dauerte lange, bis sich der Sturm der Begeisterung gelegt hatte und der Vorsitzende dem Herrn Rechtsanwalt R o s en b au in das Wort erteilen konnte zu seinem Referate über den Nationalfonds. Mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde unterbrach Rechtsanwalt Rosenbaum um 1 Uhr nachts sein Referat, um es in der morgigen Sitzung fortzusetzen. * In der Sonntag-Vormittag-Sitzung setzte Rechtsanwalt Rosenbaum die Verlesung seines Referats über den Nationalfonds fort. Er schlug folgende Thesen vor, die in die Statuten des Nationalfonds aufgenommen werden sollten: 1. Der Nationalfonds ist ausschliesslich zum Landankauf in Palästina bestimmt. 2. Das vom Kapital des Nationalfond« angekaufte Land ist unveräusserlich und bleibt für ewige Zeiten Eigentum des ganzen jüdischen Volkes. Es kann für kürzere oder längere Zeit verpachtet werden, darf aber niemals Privateigentum werden. Der Fonds muss stets auf einer zu bestimmenden Höhe erhalten bleiben; erst der Ueberschuss darf der Bestimmung des Landkaufes zugeführt werden. Der Referent begründete diese seine Thesen in eingehender Weise und machte auch mehrere Vorschläge in Betreff des Markenabsatzes und der Art des Inkassos. Nachdem der Referent unter vielem Beifall geendet hatte, begann eine lebhafte Diskussion. Hervorzuheben ist die Rede des Delegierten Israel Beikind, der an der Hand seiner langjährigen, in Palästina erworbenen Erfahrungen die Ausführungen des Referenten bekämpfte. Er meinte, es sei dringend notwendig, dass wir alsbald mit dem Landankauf beginnen, da andere Völker Tag für Tag kleinere und grössere Parzellen an sich bringen. Wenn wir uns lange besinnen und auf die Ansammlung eines grösseren Kapitals warten wollen, werden uns andere mit der Erwerbung der besten Grundstücke zuvorkommen, während uns der Sumpfboden übrig bleiben würde. Was die Art des Bodenankaufs betrifft, sei es ratsam, nach dem Muster der Deutschen kleine Grundstücke für geringe Geldbeträge zu erwerben. Wenn wir mit grossen Kapitalien operieren und ausgedehntere Ländereien auf einmal ankaufen wollten, würden wir die Bodenpreise ins Ungemessene hinaufschrauben. Nachdem noch mehrere Redner sich an der Debatte betheiligt hatten, wurde folgende Resolution gefasst: Die Landeskonferenz der russischen Zionisten schlägt dem Zionistenkongress in Basel vor: 1. Dass alle Gelder, die für den Nationalfondes einfliessen, ausschliesslich zum Landankauf in Palästina verwendet werden sollen. 2. Den Paragraph der Statuten, welcher von der Höhe des Nationalfonds handelt, dahin abzuändern, dass keinerlei unantastbares Grundkapital festgesetzt wird; vielmehr sollen die jeweils vorhandenen Beträge sogleich nach Möglichkeit zum Landankauf ausgegeben werden. Hierauf wurde die Sitzung auf Nachmittag 4 Uhr vertagt. * Die Sonntag-Nachmittags-Sitzung begann mit dem Referate des Prof. Bel'kowsky über die Kolonialbank. Der Referent bot eine genaue Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der Bankangelegenheit. Er berichtete, dass die Jüdische Kolonialbank im ersten Jahre nach Beginn ihrer geschäftlichen Tätigkeit den Aktionären eine Dividende von 2*3°/0 gewähren könnte, eine quantitativ zwar geringe Kapitals Verzinsung, die aber qualitativ umso schwerer wiegt, als sie die Skeptiker und Spötter entwaffne. Mit Rücksicht auf die mit den Vorbereitungs- und Installationsarbeiten verbundenen grossen Ausgaben sei diese Dividende vom geschäftlichen Standpunkte immerhin recht befriedigend. Ferner teilte der Referent mit, dass eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 10.000 Pfund Sterling gegründet worden sei, an der die Jüdische Kolonialbank in der Höhe von 4000 Pfund Sterling partizipiere und durch deren Vermittlung in einer durch die gegenwärtige Sachlage gebotenen Weise eine Filiale in Jaffa eröffnet werden wird. — Reicher Beifall wurde dem Referenten zuteil. In der Debatte führte Del. Gregoire Lourie darüber Beschwerde, dass die zionistischen Massen gar keine Kenntnis erhielten über den jeweiligen finanziellen Stand unseres Bankinstitutes. Das Volk müsste stets über den Stand seines Finanzinstrumentes auf dem Laufenden erhalten werden. Daher schlägt er vor, auf die Bankleitung dahin einzuwirken, dass die monatlichen Bilanzen der Jüdischen Kolonialbank nicht nur in der „Welt", sondern in allen hebräischen und jüdi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.