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Die Welt · 1902-09-19 · 38 (19.9.1902) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
6 (1902)
Issue
38 (19.9.1902)
Article
Erste Landeskonferenz der russischen Zionisten in Minsk
Date
1902-09-19
Page
6 (sequence 5)
Language
German
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Seite 6 „Die WeW Nr. 38 sehen Blättern veröffentlicht werden mögen. Ferner verlangt der Redner, dass die Ausgaben der Bank nach Möglichkeit verringert werden mögen, damit die Dividende vergrössert werden könne. Dies sei das beste Mittel, dem Aktienvertrieb einen neuen Schwung zu verleihen» Zum Schlüsse regt der Redner an, die Kolonialbank. möge, Ade jedes andere Bankinstitut, alljährlich einen Voranschlag der voraussichtlichen Ausgaben und Einnahmen im nächsten Jahre entwerfen. Dies wurde für den moralischen Kredit der Bank sehr förderlich sein. DeL Dr. Kreps schlägt vor, die Gründung von Share-Klubs in grosser Anzahl energisch zu betreiben. Folgende Beschlüsse wurden gefasst: 1. Die Landeskonferenz wählt eine Kömmission, die in Gemeinschaft mit den Rayonsvorstehern und der Bankleitung über die zweckmässige Gründung von Shares-Klubs beraten solL 2. Die Bankleitung wird aufgefordert, die Bilanz der Jüdischen Kolonialbank allmonatlich in allen jüdischen Blättern zu veröffentlichen. — Bei dieser Gelegenheit erklärten sich die anwesenden Redakteure und Mitarbeiter der Zeitschriften „Nowostr1, „Hamelizu, ^Hazefiralr', „Buduschtsehnostj^und^Haschkafah" bereit, die Bilanzen der Bank in ihre Bätter unentgeltlich aufzunehmen. Hierauf wurde die Sitzung für die Dauer einer Stunde unterbrochen. * Minsk, 9. September 1902. Auf der Tagesordnung der Sonntag-Abendsitzung stand die Kulturfrage. Zu Beginn der Sitzung teilte der Vorsitzende des Revisionsausschusses mit, dass er in Gemeinschaft mit den anderen Mitgliedern des genannten Ausschusses die Bücher und Belege des Zentralfinauzbureaus der russischen Zionisten überprüft und alles in grösster Ordnung gefunden habe. Er beantragt ein Dankes-und Vertrauensvotum für Dr. Mandel s t a m in und dessen Beirat Herrn L o s i n s k y. (Wird unter lautem .Applaus einstimmig angenommen.) Sodann erstatteteder Schriftsteller Achad-Haam (U. G in z 1) e r g) sein Referat über die Kulturfrage. Die Verlesung des überaus gründlichen und interessanten Referats, welches eine Menge wertvoller Anregungen enthält, nahm den ganzen Abend in Anspruch. Ich werde Ihnen über dieses Referat sowie über die noch heute andauernde, stellenweise recht stürmische Debatte nächstens ausführlich berichten. Minsk, 10. September 1902. Nach einer nahezu dreitägigen, äusserst erregten Debatte über die Kulturfrage wurde heute eine RejSolution angenommen, welche die nationale Erziehung edem Zionisten zur Pflicht macht. Im übrigen wurden für die Kulturtätigkeit keinerlei allgemeine Gesichtspunkte aufgestellt, vielmehr wurde die Art und Weise der Kulturarbeit dem Ermessen der einzelnen lokalen Organisationen überlassen. Da der Verlauf der Debatte das Vorhandensein von zwei gegensätzlichen Strömungen dargetan hatte, wurde aus beiden Parteilagern, dem orthodoxen und dem freisinnigen, je eine Kulturkommission gewählt. Heute in später Abendstunde wurde endlich die erste Landeskonferenz der russischen Zionisten unter jubelnden Begeisterungskundgebungen und Absingung nationaler Lieder geschlossen. Dem Vorsitzenden Dr. Tschleno w sowie den übrigen Mitgliedern des Präsidiums wurden stürmische Ovationen bereitet. Zionistische Demonstrations-Versammlung in Liverpool (England). Eine enorm stark besuchte Versammlung, welche das Liverpooler zionistische Zentralkomitee einberufen hata fand verganger neu Mittwoch abends (den 10. September) in der Hope Hall statt. Mr. W. 8. Robson, K. C. *), M. P. **) präsidierte, und als Beisitzer fungierten die Governors der Jüdischen Kolonialbank Joseph Covven und L. J. Greenberg, Itev. A. Rutkowski von der New Hebrew Congregation in Liverpool, Rabbi Ravinsohn, Mr. Zacharias, Präsident des Liverpooler zionistischen Zentralkomitees, Mr. S. Levy und Abdullah Q u i 1 1 i a m Effendi, Scheikul-Islam der Britischen Inseln, in seiner Amtstracht. Der Elirensekretär des Komitees., Mr. S. Collen^ verlas hierauf die verschiedenen eingelaufenen Begrüssungs- und Entschuldigungsschreiben. Dr. Herzl sendete der Versammlung seine herzlichsten Wünsche und Sympathien. Der Bischof von Liverpool schrieb: „Ich verfolge die zionistische Bewegung mit grösstem Interesse und Sympathie." Der Vorsitzende Mr. Robson sagte in seiner Begrüssungsrede: „Ich bin eingeladen worden, die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine Bewegung zu lenken, welche die Sympathien nicht bloss der jüdischen Rasse, sondern aller Klassen und Glaubensl>ekenntnisse verdient. Es ist ein Fehler, die jüdische Frage so anzusehen, als ginge sie die Juden allein an. (Hört! Hört! ) Es ist eine Frage, die alle Glaubensbekenntnisse berührt, und die Tatsachen der Ungerechtigkeit können nicht isoliert werden. Judenverfolgungen sind zugelassen worden; unsere Staatsmänner können diese. Frage nicht länger ignorieren, und sie müssen Sorge tragen, ihr in gerechtem und wohlwollendem Sinne naherzutreten. Redner protestiert gegen die rauhe und für einen Mann des Gesetzes unerklärliche Gesetzgebung Rumäniens gegen die Juden jenes Landes. Es ist betrübend, zu sehen* dass die Zahl der Mitglieder in Westminster ***)' zunimmt, welche an der Judenverfolgung derart teilnehmen wollen5, dass sie jhren Opfern das Asyl verweigern wollen. Das scheint ihm ein hartes und gefährliches Auskunftsmittel. Die internationale öffentliche Meinung mag dagegen vielleicht etwas ausrichten können, aber die Ursachen der Judenverfolgung sind zu tief eingewurzelt und beruhen auf wirtschaftlicher Unwissenheit, religiöser Bigotterie, gepaart mit Rassenhass, um einfach durch fremde Meinung ausgetrieben zu werden. Gewalt ist ausser Frage*, aber Avas getan werden kann und getan werden inuss, ist. die verfolgten Juden mit einer Zufluchtsstätte, mit" Hilfsmitteln, mit einem Heim und einer Hoffnung zu versorgen. Der Zionismus kann nicht eine sofortige Lösung des Problems herbeiführen, aber er hat den Unterdrückten der jüdischen Rasse ein Ziel gegeben: eine Heimstätte in ihrem eigenen Lande. Da~sl -ist rdfer Gegenstand der Tätigkeit des Zionismus, und das ist ein Bestreben, welches alle erleuchteten Geister unterstfitzen müssten. Zum Schlüsse verwies Redner auf die geistige Grundlage des Judentums; es ist der Glaube' gewesen, welcher die Rasse am Leben erhalten hat. (Lebhafter Beifall.) Mr. Joseph'C owen lenkte die Aufmerksamkeit der Versammlung auf .zwei Nachrichten, wel'«li<^ kürzl&ch duueh/ dtfe Presse gegangen sind: die eine meldete aus Ekaterinoslaw. dass eine grosse Zahl jüdischer Bergarbeiter durch einen Federstrich um ihr Brot gekommen sind — bloss weil sie Juden sind; die zweite kam aus Neu-Südwalcs und lautet trocken, dass von 781 eingetragenen jüdischen Ehen 341 mehr oder weniger gemischt sind. Der Zionismus liofft diesen beiden Arten von Betrübnis für die Juden ein Ende zu machen. Es soll keine Juden geben, die verfolgt werden, noch soTl es solche geben, die das Bestreben haben, zu verschwinden." Diese Welt kann auch noch weiterhin von den Juden Kulturtatcn brauchen. Wir müssen in unserem eigenen Lande unsere eigene Kultur und Zivilisation entwickeln. Das Volk, durch welches die zehn Gebote und die BiM der Welt gegeben wurden, hat derWelt noch mehr zu sagen. Weil Israel eine Mission hat, ist Redner Zionist. Doch vor allem müssen wir die materiellen Bedürfnisse unseren Brüclern erleichtern. Es kann kein mens sana existieren, ohne corpore sana. Ich verstehe jene nicht, fuhr Redner fort, welche behaupten, es müsse das jüdische Problem von den Juden jedes Landes im eigenen Lande gelöst werden, und uns Feiglinge nennen. Ich will keine Namen nennen, aber wenn irgend AVer ein Feigling ist, so ist es der, welcher in einem freien Lande wohnt und sich davor fürchtet, den Genuss der Freiheit auch dem Bruder zukommen zu lassen, der nicht in dieser glücklichen Lage ist. Wie mögen „Don Qnixotes" „Narren", „sentimentale Träumer", „Unpraktische", oder wie die Ehrentitel immer lauten mögen, die man uns an den Kopf wirft, sein, aber feige sind wir gewiss nicht. (Lebhafter Beifall.) *) Knight of the Creseent, Ritter des Ordens vom Halbmonde. **) Member of Parliament, Parlamentsmitglied. ***) Das englische Parlament.

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