Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 38 (19.9.1902)
- Article
- Erste Landeskonferenz der russischen Zionisten in Minsk
- Date
- 1902-09-19
- Page
- 4 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 88 Tätigkeit der Rayonsvorsteher, Was haben die Leiter der zionistischen Organisationen Russlands unternommen, fragt Redner, als Dr. Herz! im Vorjahre den grossen Ruf ergehen liess, wir sollten die günstige Gelegenheit nützen und uns mit den notwendigen materiellen Hilfsmitteln ausrüsten? Unsere Vorsteher verstanden nicht oder wollten nicht verstehen, dass diese günstige Gelegenheit ein ganz einzig gearteter historischer Moment sei, der einmal in hundert Jahren wiederkehrt, und dass es eine grosse Schmach sei, eine derartige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Sie bedienten sich nicht der verschiedenen Auskunftsmitte], die ihnen als Leiter der Organisation zugebote standen, um wenigstens einen grossen Teil der erforderlichen Summe herbeizuschaffen. Man mag unserem Volke vieles nachsagen, eines muss man zugestehen: dass es freigebig ist, wo es nottut. Man muss nur verstehen, seinen Opferwillen in gehöriger Weise zu wecken, und das hätten eben die Rayonsvorsteher nicht verstanden. Ihre Agitation sei schlaff und schwunglos. Die Zirkulare erscheinen unregelmässig und seien meist uninteressant. Die Vereine würden nicht inspiziert, Wanderredner nicht ausgesandt. Vielfach herrsche die eigentümliche Anschauung vor, man dürfe an die Rayonsvorsteher keine grossen Anforderungen stellen, da sie ihre Arbeit ohne Entgelt leisten. Der Redner wendet sich in entschiedener Weise gegen diese Auffassung und schliesst mit der Bemerkung, schon der Umstand, dass die Vorsteher unserer Organisationen einen Ehrenplatz in der Geschichte der zionistischen Bewegung erhalten werden, müsste sie veranlassen, ihre Kräfte bis zum äussersten anzuspannen. Del. Kleinmann beschwert sich über die Zustände im Rayon Kiew. Herr Dr. Mandelstamm sei überbürdet. Redner schlägt vor, die Leitung des Rayons dem Dr. Mandelstamm abzunehmen und ihm nur das Zentral-Finanzbureau zu überlassen. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, ergriff Ingenieur Ussischkin das Wort und entgegnete den verschiedenen Kritikern in einer überaus wirkungsvollen Rede. Er meinte, es sei leichter, Kritiker als Autor zu sein. Die Vorredner kennen die mühsame Arbeit der einzelnen Rayons Vorsteher gar nicht und wüssten nicht, welchen schweren Stand diese namentlich ausserhalb des Ansiedlungsgebietes haben. Er illustrierte dies durch spezielle Daten aus seinem eigenen Wirkungskreise und wies sodann ziffermässig nach, wie die zionistische Sache trotz der vielen Schwierigkeiten in seinem Rayon (Jekaterinoslaw) fortschreite und nach und nach alle Volkskreise gewinne. Man dürfe nur nichts Uebermenschliches fordern; was geschehen könne, das geschieht auch. Lebhafte Zustimmung begleitete die temperamentvollen Ausführungen. Auch Ingenieur Temkin trat den Angriffen auf die Rayonsvorsteher erfolgreich entgegen. Die grösste und nachhaltigste Wirkung erzielte jedoch die glänzende Entgegnung des Vorsitzenden Dr. T s c h 1 e n o w. Unter dem Eindrucke seiner milden, von warmer Empfindung beseelten Rede, die Licht und Schatten in gerechter Weise zu verteilen suchte, aber sich doch mehr ans Herz, als an den Verstand der Zuhörer wandte, löste sich die während der Ausführungen der vielen Kritiker recht gereizte Stimmung in allgemeines Wohlgefallen auf. Rauschender, minutenlanger Applaus erscholl, als Ingenieur Temkin folgendermassen schloss: „Meine Herren! Bis ein neues Geschlecht ersteht, das uns Kämpfer gibt, welche ihr ganzes Leben dem Volke zum Opfer bringen, welche aller menschlichen Bedürfnisse spotten und Leib und Seele unserem hohen Ideal weihen — bis dahin bitte ich die geehrte Versammlung: Behalten Sie die alten Arbeiter auf ihrem Posten, welche mit allen Kräften und mehr, als Ihnen bekannt ist, für die Sache des Volkes tätig sind. Wir unsererseits werden hinwieder bestrebt sein, die Mängel, auf die die einzelnen Redner hingewiesen haben, nach Möglichkeit zu verbessern, uns mit neuer Tatkraft zu beseelen und unseren Vereinen einen Strom regen Lebens zuzuführen/ Auf Antrag des D e 1 egiert en R echt sanwalt Rosenbaum wurde sämtlichen Rayonsvorstehern einstimmig das Vertrauenvotiert. Mit Rücksicht auf das Herannahen des Sabbat wurde die Sitzung geschlossen und die nächste Sitzung für Samstag abends 9 Uhr anberaumt. * Der Samstag wurde von der Minsker Judenschaft überaus festlich begangen. Sämtliche Synagogen und Bethäuser waren voll zionistischer Gäste. In den meisten Synagogen hielten um die Mittagszeit hervorragende Redner aus den Reihen der Konferenzteilnehmer Vorträge. Rabbiner J. Reines sprach zweimal: vor dem Mussaph-Gebete in der grossen Synagoge und mittags im grossen Beth-Hamidrasch. Beide Räumlichkeiten waren gedrängt voll und selbst in den Vorhöfen stand die Menge Kopf an Kopf. In begeisterten Worten verherrlichte der allverehrte Redner das zionistische Ideal und hinterliess beidemale einen überaus nachhaltigen Eindruck. In einem Bethause sprach gleichfalls vor 6iner vielhundertköpfigen Zuhörerschaft Dr. Awino- Witzky aus Odessa. Unter dem Eindrucke seiner begeisternden Worte gelobten viele Anwesende namhafte Spenden für den Nationalfonds. Nachmittags hielt 6in Gast dör Landeskonferenz, der Rabbiner in Hornel, eine zündende Rede in einem grösseren Bethause, j Im grossen Saale des „Hotel Passage" versammelte sich am Nachmittag auf Einladung der „Fraktion" ein zahlreiches Publikum, um die theoretischen Auseinandersetzungen der „Fraktions"-Wortführer und ihrer Gegner anzuhören. Herr M o z k i n sprach über das Programm der „FraktionÄ und verwahrte sich gegen die vielen Angriffe und Verdächtigungen, denen die „Fraktion" ausgesetzt sei. Es sei unwahr, dass die „Fraktion* gegen die Pflege der hebräischen Sprache sei; sie mache im Gegenteil ihren Mitgliedern zur Pflicht, hebräisch zu lernen. Es sei auch nicht richtig, dass die „Fraktion" eine Spaltung in die zionistische Partei hineintragen wolle. Sie wolle bloss in die zionistische Bewegung die gesunden Elemente hineintragen, auf denen das Leben der grossen europäischen Menschheit aufgebaut sei. Gegen die Bestrebungen der „Fraktion" wandten sich in der Diskussion Dr. Kreps und Herr Machowsky. Jener führte aus: „Wir können nicht mit euch gehen, können euch nicht zustimmen, weil ihr euch vom Volke entfernt. (Rufe: Was nennen Sie Volk?) Volk nenne ich diejenigen 90% unserer Gemeinschaft, denen die jüdische Religion das Heiligtum ihres Lebens ist und die denjenigen nicht nachfolgen wollen, welche die Religion bekämpfen. Wir aber wollen, dass das ganze Volk mit uns sei, darum dürfen wir nichts in unsere Bewegung hineintragen, was Verdacht erwecken kann." — Herr Machowsky sagte: „Es gibt hier junge Zionisten, die von weiter Ferne gekommen sind, um der neuen Verkündigung zu lauschen, die die Führer der Fraktion, die Leute, die neue Strömungen in unser Leben bringen wollen, hier predigen werden*