Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 6 (1902)
- Issue
- 36 (5.9.1902)
- Article
- Herschele
- Date
- 1902-09-05
- Page
- 13 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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" * ■■ v' '■ ' '•; Seite 13 stützend,, keuchend. und. hustend, der gebückte, in .sich zusammengesunkene Urahne von Herscheie. .....: . . So erreichten sie einen< ausserhalb der Sijadt liegenden, moosbewachsenen Granitbloek, auf welchen Herschele möglichst bequem gesetzt wurde. ^Nun sind wir da/' sagte fröhlich Marjim, „jetzt wird Her sehele etwas .essen." „Eerschele ist gewiss so hungrig, wie ein Wolf," ergänzte das Mädchen. .„"Wie ein Wolf," lachte Herscheie, und bei diesem Lachen erstrahlten , die Gesichter von Mutter und Tochter, „nun, Mutter, gib mir etwas zu essen." ...... Bald aber kehrte er zu seinen trüben Gedanken zurück. „Sieh, Mutter," begann er mit seiner eintönigen, singenden Stimme, während die Mutter der Tochter verzweifelte Zeichen maeh^ heute den ganzen Tag cLajüber^ nachgedacht, was Liebet sei?" Er sann nach. „Ich sitze jetzt mit euch, und hier," er zeigte auf das Herz, „hier fühle ich etwas, ich fühle und weiss, dass ich für euch mehr tun würde, als für den Grossvater, obwohl ich auch ihn liebe. Was ist das für ein Gefühl und wozu ist es da? Wenn es dazu da ist, damit ich für euch etwas tun soll, weshalb ist es nötig, dass ihr es brauchen sollt? Es liegt also darin kein Sinn, Mutter. Und doch ist die Liebe da, der Stein aber, auf dem wir sitzen, die Erde unter ihm, wissen nichts von Liebe und wir, wenn wir einmal tot sein werden, werden auch Erde sein und nicht mehr lieben. Wohin also wird die Liebe verschwinden, welche, unbekannt weshalb, besteht? Darüber, Mutter," schloss er mit seinen Lieblingsworten, „müssen wir nachdenken und nachdenken . » ." Und während er so sprach, hätten seine Mutter und Schwester die Hände ringen und vor Entsetzen laut aufschreien mögen. „Dann, Mutter," fuhr er mit seiner melancholischen Stimme fort, „denke ich an meine verstorbenen Schwestern^ an den Onkel Saul und die Tante Sima, welche tot sind und die ich alle liebe. Wen liebe ich also? Die Erde? Wie kann aber die Erde, die wir vielleicht mit den Füssen treten, mir Schwester, Onkel oder Tante sein? Und wenn wir beide gestorben sein werden, dann werden wir beide jßrde sein; wie kann aber ein Stückchen Erde Mutter und das andere Stückchen Sohn sein? 0, wie unbegreiflich ist dieses alles. Auch darüber, Mutter, müssen wir nachdenken ..." Und er stützte den Kopf in die Hände, lehnte sich an Marjims Schulter und warf, leise seufzend, ernste, fragende Blicke zum Himmel hinauf. „0, mein Herscheie," antwortete die Mutter, ihm zärtlich schmeichelnd und ihn küssend, „denke doch nicht immer nach. Sei froh und sorglos, wie alle deine Altersgenossen. Solche Fragen dürfen wir, Hersende, nicht stellen, Wir müssen ruhig, ohne zu murren, das uns von oben geschenkte Leben durchführen, wir müssen arbeiten, um nicht nutzlos einen Platz auf der Erde einzunehmen und alle Menschen lieben. Alles übrige, mein Teurer, muss man demjenigen überlassen, der oben regiert . . ." „Auch darüber, Mutter, müssen wir nachdenken, nachdenken," erwiderte traurig der Knabe. Der Urgrossvater aber, welcher neben ihnen sass, starrte mit seinen seit Jahren nicht sehenden Augen auf die Mutter Erde, zu welcher er zurückkehren musste, er neigte sieh, als wäre er durch die Jahre des Kampfes und Lebens müde, tiefer zu ihr, als flehe er sie an, ihn endlich doch bei. sich auf nehmen zu wollen. Und aus der Stadt, drang das Gemurmel der von der Arbeit ermüdeten Menschen und alles war voll Trauer und Wehmut, weil über alles nachgedacht und nachgedacht werden musste. Und eines Tages geschah es, dass Herscheie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Nun war für Marjim das Mass der; Leiden übervoll,. Herscheie lag, in schneeweisse Wäscht gehüllt, in seinem Bettchen und sah mit seinem blutleeren Gesichte, seinen tiefeingefallenen, träumerischen Augen einem unversehens auf die Erde geratenen Engo~_ ähnliph. Marjim, auf deren Lippen sich eine neue Kummerfalte eingegraben hatte, wich j.icht von seinem Bette . . . Beim Fenster sass unbeweglich, wie ein Grabstein, das traurige, plötzlich gealterte Mädchen und der auf der Ofenbank liegende Grossvater gab gar kein Lebenszeichen mehr von sich. . liefscheles Zustand verschlimmerte sich, trotz aller angewandten Mittel und aller Pflege, zusehends. Er sprach und ass immer weniger und öfters verfiel er in gänzliche x\pathie. „Was hast du, mein Teurer/' fragte angsterfüllt Marjim den Knaben, wenn er wieder zu sich kam. „Weshalb sprichst du nicht mehr mit mir, weshalb fragst du mich nichts mehr?" „Ich weiss es-nicht," antwortete er traurig. „Ich fühle nichts und wünsche nichts. Eines nur weiss ich — dass ich dich, Mutter, sehr, sehr liebe. Weine nicht, Mutter," fuhr er mit Ueberzeugung fort, „ich liebe dich ja so sehr. Und denke doch darüber nach, wozu ich leben sollte? Wozu hast du, wozu der Grossvater gelebt? Aus der Erde ist der Mensch geworden und aus dem Menschen wird Erde werden. Wie denn das doch ist! Auch du wirst Staub werden und dann wird es weder Mutter noch Sohn geben. Und deshalb, Mutter, je früher wir zur Erde zurückkehren, desto besser ..." Dann küsste er die warmen weichen Hände, welche ihn zärtlich streichelten und schlief ein. Eine Nachbarin riet Marjim, mit Herscheie ausserhalb der Stadt zu übersiedeln, wo ihn die frische Luft vielleicht heilen würde. Marjim verkaufte und versetzte sofort alles, was sie konnte, Hess den Grossvater in der Wohnung zurück und übersiedelte in das nächste Dorf. Zuerst schien der Knabe sich draussen zu erholen, doch die Freude hielt nicht lange an. Sein Zustand verschlimmerte sich plötzlich und weder Marjims Tränen, noch ihre Gebete konnten mehr helfen. Eines Abends, als die ermüdete Marjim an seinem Lager eingenickt war, schien es ihr plötzlich, als werde sie angerufen. Sie erwachte voll Schrecken: Herrscheie sass in seinem Bette und blickte die Mutter an, und als Marjim seinem Blicke begegnet war, da verstand sie plötzlich alles. Sie hielt, um ihn nicht zu erschrecken, einen Schrei zurück und fragte zitternd : „Was willst du, Herscheie?" . „Trinken, trinken," bat er, schwer atmend, „o, ..'.i es mich innerlich, brennt!" Nachdem er getrunken und sich ein wenig beruhigt hatte, sagte er: „Wozu, Mütter, sind die Leiden da? Weine nicht, setz1 dich zu mir und umarme mich. Weisst du, wozu die Leiden da sind? Gibt es, Mutter, auf der ganzen Welt jemand, der uns jetzt hört, uns bemitleidet? Alle schlafen überall, und sogar auf unserer Strasse weiss, keiner, wie wir uns hier quälen. Auch die verstorbenen Schwestern und der tote Vater wissen es nicht. Und alles um uns herum ist so unbegreiflich, so unnütz! Und darüber braucht man gar nicht mehr nachzudenken," schloss er flüsternd und auf die Wand blickend. Marjim neigte sich voll Verzweiflung über ihn. „Trinken, trinken," keuchte er, mit den mageren Händen in der Luft nach etwas haschend. Mit stummem Entsetzen stand Liba ihrer Mutter bei, es half aber alles nichts mehr. Der Knabe lag in den letzten Zügen.